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Kommentar zur Schlichtung Stuttgart 21 Plus: Stresstest

Jörg Hamann, vom 30.11.2010 19:15 Uhr
 Foto: Stadt Stuttgart
Foto: Stadt Stuttgart

Stuttgart - Die Heiner-Geißler-Show ist zu Ende, Stuttgart 21 kehrt in die Parlamente zurück - und auf die Straße. Weder hier noch dort wird nach dem Schlichterspruch in den kommenden Wochen stille Nacht, heilige Nacht angestimmt werden. Geißlers Empfehlung für ein "Stuttgart 21 Plus" stellt die Gegner nicht zufrieden. Ihnen ging und geht es nicht um einen verbesserten neuen Tiefbahnhof, sondern allein ums "Oben bleiben" des alten Bahnhofs. Kompromisslos. Die Schlichtung hat Umfragen zufolge die Akzeptanz von S21 erhöht. Doch der Protest dagegen wird bis zur Landtagswahl weitergehen.

Geißlers "Demokratieexperiment" taugte dazu, ein komplexes Vorhaben transparenter zu machen. Doch am Schlichtertisch, dessen Zusammensetzung und Funktion demokratisch nicht legitimiert ist, lassen sich nicht rechtsstaatlich gefasste Parlamentsbeschlüsse und Gerichtsurteile aushebeln. Das wusste Geißler. Wie die Landesregierung sieht er weder eine rechtliche Basis für einen Volksentscheid zu einem Projekt, das seit zehn Monaten im Bau ist, noch für einen Baustopp. Das enttäuscht viele Gegner.

Der Schlichterspruch greift einen ihrer wesentlichen Kritikpunkte auf, den die Bahn nicht entkräften konnte: S21 ist in der bisher geplanten Form kein verkehrspolitisches Jahrhundertwerk. Die Leistungsfähigkeit des Systems leidet unter den Engpässen auf den Zulaufstrecken am künftigen Flughafenbahnhof. Die Bahn hat einen Stresstest zugesagt. Klappt der nicht, sind teure Nachbesserungen notwendig. Weitere Konflikte drohen.

Der Alternative der S-21-Gegner erteilte auch Geißler eine klare Absage. Für die Modernisierung des Kopfbahnhofs gebe es weder eine Planung noch eine Finanzierung. Zudem eröffnet S 21 mit der Beseitigung des riesigen Gleisfeldes weitaus bessere städtebauliche Perspektiven. Kein Klein-Manhattan, kein Spekulationsobjekt dürfe dort entstehen, mahnt Geißler. Das Quartier Rosenstein werde ökologisch, bezahlbar und familienfreundlich, sichern Ministerpräsident Stefan Mappus und OB Wolfgang Schuster zu. Eine Stiftung zur Entwicklung des Viertels soll diese Ziele überwachen. Dies ist das konkreteste Ergebnis der Schlichtung.

Wie befriedend Geißler wirken konnte, zeigt sich am Samstag. Die so genannten Parkschützer rufen zur Großdemo auf - mit Protestzug über den Cityring. Es droht ein Verkehrschaos im Weihnachtstrubel, das Händler, Kunden und Touristen verärgert. Das ist der Stresstest für die aufstrebenden Grünen nach der Schlichtung: Ihr Zuspruch im klassischen Bürgertum kann schnell in Unmut umschlagen.

Kommentare (22)
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DEZ
02
00:00 Uhr, geschrieben von Stuttgarter
bestgeplantes Projekt aller Zeiten
Kapazitätsaussage erst in über einem halben Jahr möglich! Und das beim "bestgeplanten Projekt aller Zeiten" ???
DEZ
01
17:10 Uhr, geschrieben von Gesellschafter
Unlogik des Schlichterspruchs
Die (Un)Logik des Schlichterspruchs ist nicht verständlich. Die Menschen wollen nicht bei der Verbesserung von "Stadt am Fluss" bzw. S21 mitreden, sie wollen vielmehr darüber mitentscheiden ob "Stadt am Fluss" bzw. S21 realisiert wird oder nicht. Denn dieses Projekt stellt die ganze Stadt Stuttgart und einen Teil von Baden-Württemberg auf lange Jahre hinaus auf den Kopf. Von daher ist m.E. die Schlichtung kein echtes Demokratieexperiment sondern lediglich eine Vorstufe, die zeigt, dass das Vertrauen in die Projektarbeit der S21-Befürworter nicht berechtigt war. Eine echtes demokratisches Experiment besteht vielmehr darin, den Weg zu einer Volksabstimmung über S21-Ja-Nein zu ebnen. Und gerade da verschanzt man sich hinter formalen Regularien - natürlich aus Angst, dass S21 bei den Menschen durchfällt. Der Schlichterspruch gibt "erhebliche Mängel" im S21-Konzept zu. Die Behebung dieser Mängel wird viel Geld kosten - was sonst? Statt nun S21 abzulehnen wird S21 weitergebaut und damit S21 noch teurer. Die Alternative K21 wird nicht weiter untersucht, sondern lediglich "ausgeschlachtet". Solange die Machbarkeit der Mängelbehebung und der damit verbundene erhöhte Finanzierungsbedarf nicht feststeht darf doch nicht weitergebaut werden, weil damit Fakten geschaffen werden, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Und wenn man die direkte Demokratie ernst nehmen will und aus den Demonstrationen etwas lernen will, dann muss man sogar solange warten bis die Menschen in einer Volksabstimmung entschieden haben. In diesem Sinn muss man sich als engagierter Demokrat eine machtvolle und friedliche Großdemonstration am 11.12 gegen S21 wünschen. Die Bahn will bei Projektabbruch außerdem über eine Milliarde € an Schadenersatz einklagen. Die Bahn ist - um mit Heiner Geißlers Worten zu sprechen - ein Unternehmen des "Public Service", das dem Allgemeinwohl zu dienen hat. Und von wem wohl will die Bahn den Schadenersatz einklagen? Vom Bundesland? Zu Wohl der Allgemeinheit? Zum Wohl des Steuerzahlers? Die Unlogik ist doch auch hier nicht zu übersehen.
DEZ
01
14:55 Uhr, geschrieben von Gerd Pfisterer
Als ob nichts gewesen wäre
Alle berufsmäßigen Schönredner klatschen und beteuern wie wichtig es doch FÜR DIE ZUKUNFT ist, den Bürger rechtzeitig zu beteiligen und seine Bedenken etwas ernster zu nehmen, als es bisher der Fall war. Bei S 21 oder K 21 können sie aber die Bürger aber nicht fragen, warum ?! - Gegen eine Befragung gibt es keine juristischen Hürden. Und wieder wird von den "Berufsprotestierern" gesprochen, obwohl nun wirklich BEKANNT ist, dass sich eine denkbar breite Gruppe quer durch alle Bevölkerungsschichten gegen den neuen Bahnhof auf die Straße begibt. Und Leutheuser-Schnarrenberger wiederholt einmal mehr, die 15 Jahre alte Entscheidung könne nicht infrage gestellt werden. Als ob nichts gewesen wäre. Die jetzigen Machtverwalter haben immer noch nichts verstanden und werden das wohl auch in der Zukunft nicht tun. Denn sie können offenbar nicht anders. Das gleich gilt für Politiker, die nicht selbstlos eine Bürgerbwegung unterstützen und die sich nur an die Spitze stellen wollen, um schließlich zu "befrieden"! Wir brauchen für die Zukunft komplett neue Politiker, solche aus dem Volk und nicht solche die meinen sie stehen darüber. Echte Volksvertreter eben.
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