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Kommentar zu Subkultur in Stuttgart Diese Stadt ist unsere Stadt

Von Frank Rothfuss 

Contain’t muss aufhören Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Contain’t muss aufhörenFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Menschen erobern den öffentlichen Raum zurück, und die Subkultur marschiert vorneweg. Sie braucht nicht immer Geld, aber zwingend Freiräume, findet Redakteur Frank Rothfuß.

Stuttgart - Die Subkultur wird gehegt von einem Mädchen. In einem Betontrog an der Rotenwaldstraße lässt sie sie blühen: Dort hat sie Blumen gepflanzt und bittet Passanten, sorgsam damit umzugehen. Ein paar Blümchen – ist das Subkultur? Muss da nicht vielmehr ein Künstler sich selbst ausbeuten und etwas Absonderliches schaffen?

Subkultur, das ist ein furchtbares Wort. Sperrig und schwammig. Jeder versteht etwas anderes darunter. Für den einen ist es der Lieblingsclub, für den anderen die besagte Kunst oder die Wand mit Graffiti, das Nutzen alter Gemäuer oder eben auch das Gärtnern in der Stadt, neudeutsch Urban Gardening. Alldem gemein ist, dass die Menschen sich den öffentlichen Raum wieder aneignen.

Jahrzehntelang hat man die Stadt den Architekten, Stadtplanern und Politikern überlassen. Mit der Folge, dass der meiste Platz von Geschäftemachern für Büros und Einkaufszentren besetzt wurde. Was übrig blieb, schusterte man den Autos zu, auf dass sie fahren und parken können. Das ändert sich, die Menschen wollen mehr sein als nur Staffage, sie schaffen sich Räume an allen Autoritäten vorbei.

„Menschen gehen dorthin, wo andere Menschen sind“

Die Akteure der Subkultur marschieren dabei vorneweg. Sie entdecken Unorte, wandeln sie zu Clubs, Kneipen, Galerien und Gärten. Orte, an denen man gerne ist. Getreu der Erkenntnis des dänischen Stadtplaners Jan Gehl: „Menschen gehen dorthin, wo andere Menschen sind.“ Gehl hat New York, Melbourne, Kopenhagen, Sydney, Vancouver umgemodelt, sein Maßstab für Lebensqualität ist: „Wenn sich auf ihren überschaubaren Plätzen und Gassen wieder Menschen begegnen können: Darin besteht die Idee einer Stadt.“

Die Menschen machen einfach, sie probieren, sie testen, sie experimentieren. Und Beamte und Politiker hinken hinterher. Manchmal reagieren sie mit Phantomschmerzen ob der fehlenden Kontrolle – und geben sich doch begeistert. Warum eigentlich? Da muss man Richard Florida fragen. Seit der Ökonom seine These von der „kreativen Klasse“ aufgestellt hat, welche die Städte gewinnen müssten, um eine Zukunft zu haben, ist Kultur jeglicher Art ein Standortfaktor. Die Hausbesetzer machen Kreuzberg sexy, die Autonomen der Roten Flora in Hamburg ziehen Touristen an, die Wagenhallen werten den Nordbahnhof auf.

Der Stadtplaner David Harvey sagt, dass der Kapitalismus besonders jene Orte schätze und vereinnahme, die ihn kritisieren. Weil sie ihm etwas verleihen, was er nicht hat. Sie lassen ihn authentisch erscheinen. So vermarktet die Stadt die Wagenhallen als „Zeitgenössisches in alten Mauern“, es gibt eine Führung samt einem Gläschen Sekt. Die Wagenhallen werden auch das Rosensteinviertel begehrter und damit teurer machen. Die Gentrifizierung beginnt nicht erst mit dem Schickimicki­café, sondern bereits mit der Punkkneipe.

Das ist die Kehrseite. Dennoch, gerade der Autostadt Stuttgart tut es gut, dass die Menschen sich kümmern und engagieren. Und sich nicht davon entmutigen lassen, dass die Widerstände größer sind als anderswo: Schließlich ist Platz rar und teuer im Kessel. Das ist die Aufgabe der Politik: Subkultur braucht nicht immer Geld, aber zwingend Freiräume. Und wenn es nur ein kleines Stückchen Erde ist, in die man eine Blume pflanzen kann.

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