Kommentar zu S21 Die Wirklichkeit hat uns wieder

Von Josef Schunder 

 Foto: Rothe
Foto: Rothe

Gegner von Stuttgart 21 machen mobil - ein heißes Jahr beginnt, sagt Josef Schunder.

Stuttgart - Willkommen in der Wirklichkeit! Die Tage der trügerischen Ruhe sind vorbei. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart21 macht wieder mobil. Die Tiefbahnhof-Gegner nehmen die wahlkämpfenden "Tunnelparteien" ins Visier, die Parkschützer ketten sich symbolisch an Bäume. Ganz im Zeichen des großen Bahnhofsstreits war das Jahr 2010 zu Ende gegangen, so beginnt auch das neue Jahr - während die Kommunalpolitiker sich eine weitere Woche Sitzungspause gönnen. 

Stuttgart21 wird nicht nur den Anfang dieses Jahres prägen. Der Stresstest, in dem das Bahnprojekt nach dem Willen des Schlichters seine Tauglichkeit beweisen oder den Umfang des Nachrüstbedarfs offenbaren soll, findet sein Ergebnis erst im zweiten Quartal. Trotzdem wird der Streit um das Bahnhofsprojekt den Landtagswahlkampf in einem Maße anheizen, wie es Stuttgart selten, vielleicht noch gar nie erlebte. Selbst das traditionell wichtigste Thema der Landespolitik neben den Finanzen, die Bildungspolitik, wird dagegen verblassen - zumindest in dieser Region. 

Der absehbare hitzige Wahlkampf fordert Opfer. Schon hat OB Wolfgang Schuster angeregt, in der Frage der Neubebauung am Karlsplatz eine Denkpause bis nach der Wahl einzulegen. Das ist einerseits eine Nebenwirkung von Stuttgart21, denn der dort neu erwachte und stark aufgeblühte Bürgerwille machte Schule. Der Protest dagegen, dass neben anderen Gebäuden auch die frühere Gestapo-Zentrale zugunsten von Büros und Läden abgeräumt wird, wurde dadurch noch entschlossener. Andererseits denkt Schuster auch darüber nach, ob nach dem 27.März vielleicht eine andere Koalition regiert, die die Konzentration von Ministerien und Büros am Karlsplatz nicht mehr betreibt. Dann, denkt er, könnten am Karlsplatz vielleicht die Landtagsabgeordneten neue Büros erhalten - und das Gespenst eines neuen Abgeordnetenhauses im Akademiegarten wäre gebannt. 

Politiker starren weiter auf den Kalender wie das Kaninchen auf die Schlange

Zuerst die Wahl, dann das Ende des Stuttgart-21-Stresstests und die noch nicht abzuschätzenden Folgen - die Politiker in Stuttgart starren weiter auf einige Stellen im Kalender wie das Kaninchen auf die Schlange. Ob der Bahnhofsstreit im zweiten Halbjahr abflauen wird, steht auch noch in den Sternen. Für die Parteien dürfte Stuttgart auf längere Zeit ein Hexenkessel bleiben. Wie können sie bei den Verhältnissen Kandidaten für die OB-Wahl 2012 finden? Wie können ihre Bewerber Botschaften unters Volk bringen, ohne nach der ersten Frage, wie sie es mit Stuttgart21 halten, ausgepfiffen zu werden? Der Kalender setzt aber auch da Termine. Am 7. Januar 2012 will Schuster sich zu seiner Zukunft äußern. Mangels Rückhalt bei den Bürgern kann er sich nur entscheiden, nicht erneut anzutreten. Deshalb müssen spätestens von Januar 2012 an alle Parteien, auch Schusters CDU, beantworten, wie und mit wem sie Stuttgarts Zukunft prägen wollen. 

Eine Zukunft, die übrigens schon begonnen hat, wenngleich es bei Stuttgart21 noch Fragezeichen gibt. 2011 wird die neue Stadtbibliothek fertig, die im Volksmund ob ihres bisherigen Erscheinungsbildes zwar nicht ganz zu Unrecht als "Bücherknast" bezeichnet wird, aber imponierende innere Werte und eine Vorbildfunktion hat. Um sie herum kommt das Bauen auf dem A1-Gelände immer mehr in Schwung. An der Grenze zwischen Stuttgart-Mitte und Stuttgart-Süd werden große Neubauprojekte auf Baustelle gehen wie das QuartierS. Auch der Fasanenhof beim Echterdinger Ei wird sich grundlegend verändern. Stuttgart ist eben doch nicht nur Stuttgart21. Auch das gehört zur Wirklichkeit in dieser Stadt.

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