Kolumne zu Kurznachrichten Die Würze von Twitter liegt in der Kürze

Von Tom Hörner 

Maximal 140 Zeichen pro Tweet sind eine gute Schule, die zum Maßhalten mahnt Foto: dpa-Zentralbild
Maximal 140 Zeichen pro Tweet sind eine gute Schule, die zum Maßhalten mahntFoto: dpa-Zentralbild

Der Mensch neigt im Alter dazu, in die Breite zu gehen. Sollte der Kurznachrichtendienst Twitter nun, da er in die Jahre gekommen ist, in die Länge gehen? Nein, meint StN-Autor Tom Hörner, und mahnt in gebotener Länge zur Kürze.

Stuttgart - „Just als der hochgewachsene Baron von Lichthofen mit seinem Jaguar den Weg zum Gestüt einschlug, setzten bei seiner Lieblingsstute Carla die Wehen ein“ ist ein tadelloser, wenn nicht gar schöner Satz. Leider zählt er abzüglich der An- und Abführungsstriche 150 ­Zeichen und ist zu lang, um über den Kurznachrichtendienst Twitter verschickt zu werden.

Er ist zehn Zeichen zu lang, und es wäre zu überlegen, ob man nicht auf „hochgewachsene“ verzichten kann. Aber dann wäre es nicht mehr derselbe Satz – und auch nicht mehr derselbe Baron.

Jack Dorsey, der Chef von Twitter, sprach sich kürzlich dafür aus, die 140-Zeichen-Einschränkung bei Twitter aufzuheben. Ob er dabei den Satz „Just als der hochgewachsene Baron von Licht­hofen mit seinem Jaguar den Weg zum Gestüt einschlug, setzten bei seiner Lieblingsstute Carla die Wehen ein“ vor Augen hatte, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall war das Echo auf die Ankündigung geteilt. Viele Twitter-Nutzer fürchteten, hinterher sei Twitter nicht mehr Twitter, der Kurznachrichtendienst könne in eine Identitätskrise geraten.

Ich kann die Kritiker verstehen, auch wenn ich Twitter nicht häufig nutze. ­Twitter ist für mich eine gute Schule, die zur Kürze mahnt. Twitter ist, wenn man so will, die gestrenge Gegenspielerin zur E-Mail, die ja jede Textlänge klaglos schluckt.

Die Längen bei Twitter sind nicht verhandelbar, man kann die Tweets, anders als etwa diesen Text, nicht mit einem technischen Kniff quetschen. Alles, was mehr als 140 Zeichen hat, wird nicht verschickt. Basta! Weder die Bibel noch das „Kommunistische Manifest“ hätten via Twitter verbreitet werden können (allerdings ein Link, der zu den Werken führt).

Die Würze von Twitter liegt in der ­Kürze. „Jesus kritisiert Gott“; „Marx und Engels wenden sich vom Kommunismus ab.“ Das sind Sätze, gegen die kommst du mit „Just als der hochgewachsene Baron von Lichthofen mit seinem Jaguar den Weg zum Gestüt einschlug, setzten bei seiner Lieblingsstute Carla die Wehen ein“ einfach nicht an.

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