Kolumne Olympia in Deutschland – Traum oder Albtraum?

Von Helmut Digel 

Olympische Spiele in Deutschland - zukunftsweisendes Projekt? Foto: dpa
Olympische Spiele in Deutschland - zukunftsweisendes Projekt?Foto: dpa

Unser Kolumnist, der Tübinger Sportwissenschaftler Helmut Digel, vermisst in Berlin und Hamburg die Diskussion über den Sinn einer Olympia-Bewerbung.

Stuttgart - München 1972 – eine Vision wurde Realität. Ich war gerade 28 Jahre alt geworden, war Assistent bei Ommo Grupe, einem engen Vertrauten von Willi Daume. München war für mich in diesen Tagen die schönste Stadt der Welt. Allein die Ocker- und Blautöne der olympischen Fahnen spiegelten ein weltoffenes neues Deutschland wider, sie waren überall in der Stadt anzutreffen. Die ganze Stadt war zu einer Botschafterin für etwas Neues geworden. Das Olympiastadion – ein architektonisches Kunstwerk – fand weltweite Bewunderung. Daumes Traum war wahr geworden. Nach der nationalsozialistischen Katastrophe sollte sich Deutschland der Welt mit einer neuen Identität präsentieren. Demokratisch, liberal, weltoffen und gastfreundlich. Der Grund, warum sich München um die Spiele beworben hatte, war für jeden Deutschen nachvollziehbar.

In diesen Tagen hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) entschieden, sich um die Sommerspiele 2024 zu bewerben. Die Frage, warum Deutschland Olympische Spiele haben möchte, wurde dabei aber weder gestellt noch beantwortet.

Dass eine der größten Marktwirtschaften der Welt Olympische Spiele ausrichten kann, ist nachvollziehbar. Dass Deutschland sich als Organisator großer Sportereignisse bewährt hat, ist sicher ein gutes Argument. Dass die besten Athleten Deutschlands auch einmal vom Heimvorteil profitieren sollten, kann erwünscht sein, wenngleich die Athleten selbst Olympische Spiele in einem fernen Land als interessanter und wünschenswerter empfinden. Die Frage nach dem Grund für die Ausrichtung Olympischer Spiele, die Frage nach dem „reason why“, bleibt bei solchen Argumentationen unbeantwortet. Dabei ist diese Frage für das IOC durchaus zentral und bei der Vergabe nicht selten sogar ausschlaggebend.

In diesen Tagen wundert sich mancher Sportexperte, warum sich Peking, Ausrichterstadt der Sommerspiele 2008, wenige Jahre danach um Winterspiele bewirbt. Naheliegender wäre gewesen, dass in China, wo der Wintersport nicht zu Hause ist, erneut eine Bewerbung für Sommerspiele vorbereitet wird, und würde Schanghai – eine der attraktivsten Städte der Welt – sich bewerben, so wäre ein Erfolg gewiss.

China will den Wintersport erschließen

China hat sich jedoch für eine Winterbewerbung ausgesprochen, und die Gründe hierfür sind bemerkenswert: Der Wintersport soll für China aktiv entwickelt und erschlossen werden. Und der Nordosten, eine relativ arme Region mit der Stadt Zhangjiakou, soll infrastrukturell völlig neue Möglichkeiten erhalten. Olympische Spiele dienen somit einem sinnvollen politischen Zweck. Präsident Xi Jinping hat sich zum Ziel gesetzt, die Kluft zwischen Arm und Reich in China zu reduzieren, den Luxuskonsum der neureichen Eliten infrage zu stellen, Bescheidenheit zu lehren und eine Vergeudung auf Staatskosten zu verhindern. Auch der Korruption wurde der Kampf angesagt. Die Bewerbung Pekings um Winterspiele ergibt somit Sinn. Die Frage nach dem „reason why“ wird von den Verantwortlichen eindeutig beantwortet.

In Deutschland scheint hingegen der Traum von Olympischen Sommerspielen, die ja nicht nur für die Bevölkerung ein äußerst interessantes und zukunftsweisendes Projekt darstellen könnten, gleich zu Beginn von vielen unnötigen Flecken besudelt zu sein. Wenn man nicht weiß, warum man sich für Olympische Spiele bewerben möchte, gibt es keine politische Steuerung der Bewerbung zugunsten einer Region oder einer Stadt – sondern man überlasst es zwei Bewerberstädten, sich in einen Konkurrenzkampf einzulassen, bei dem jeder den anderen zu überbieten versucht.

Städte im selbstzerstörerischen Wettkampf

Am Ende wird einer als Sieger hervorgehen, was zur Folge hat, dass der Verlierer das weitere gemeinsame Anliegen Olympischer Spiele in Deutschland eher mit Frustration begleitet, wie sie bereits bei der aussichtslosen Bewerbung Leipzigs zu beobachten war. Damals ließ man gleich fünf Städte in einen selbstzerstörerischen Wettkampf eintreten, der die deutsche Bewerbung ab der ersten Stunde so geschwächt hatte, dass man nicht einmal die Endrunde erreichen konnte.

Aus den Fehlern von damals wurde ganz offensichtlich nicht gelernt. Einer deutschen Bewerbung, die eine politische Angelegenheit ist, mangelt es an jeglicher politischer Steuerung. Deswegen geben auch bereits einige Fachverbände ihre Prioritäten bekannt. Die Präsidentin des Schwimm-Verbandes plappert in aller Öffentlichkeit, dass sie sich für Berlin entscheiden möchte, weil hier bereits erfolgreich sportliche Großveranstaltungen ausgerichtet wurden. In der Leichtathletik wird ein Präsidiumsbeschluss protokolliert, dass man zum jetzigen Zeitpunkt Berlin bevorzugen würde. Die genannten oder nicht genannten Gründe machen eines dabei klar – eine Diskussion über den Sinn Olympischer Spiele findet in den deutschen Sportorganisationen ganz offensichtlich nicht statt.

Der Olympismus, so wie er von Coubertin erwünscht war, ist längst zur bloßen Etikette verkommen. Für viele Verantwortliche im deutschen Sport sind Olympische Spiele nur ein kommerzielles Ereignis. Kosten-Nutzen-Kalkulationen sind ausschlaggebend. Die Frage nach dem Warum, dem „reason why“, scheint überflüssig zu sein. Wenn das IOC über die Vergabe der Spiele 2024 entscheiden wird, könnte sich dies rächen.

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