Körpersprache Beim Flirten sind Männer simpel gestrickt

Von Carolin Stihler 

Körpersprachen-Experte Verra erklärt, warum wir mehr lächeln sollten und die Arme verschränken dürfen.

Körpersprachen-Experte Verra erklärt, warum wir mehr lächeln sollten und die Arme verschränken dürfen.
Stuttgart - Herr Verra, haben Sie selbst Ihre Körpersprache immer unter Kontrolle?
Ich unterscheide mich nur wenig von allen anderen Menschen. Aber ich nehme meine eigene Körpersprache – und die von anderen – ein klein wenig mehr wahr. Aber der Großteil geht bei allen verloren, auch bei mir.
Gibt es etwas, dass Sie bewusst einsetzen?
Ja, absolut. Zum Beispiel versuche ich bei der ersten Begegnung mit einem Menschen immer zu lächeln. Auch wenn mir nicht immer danach ist. Das heißt jetzt nicht, dass ich mit einem Dauergrinsen herumrenne. Beim Lächeln geht es nicht so sehr um Sympathie, sondern darum, auf andere nicht gefährlich zu wirken. Und ich achte in wichtigen ­Momenten darauf, dass meine Hände ­sichtbar sind.
Warum das?
Das Gehirn bevorzugt gewisse Körperteile, weil es daraus mehr Information ziehen kann. Und das sind die Augen, die Hände und der Mund. Ich schaue darauf, dass diese Körperteile bei mir sichtbar sind. Wenn einem jemand mit Sonnenbrille gegenüber sitzt oder ständig die Hand vor den Mund hält, bleibt beim Gegenüber Unsicherheit. Und da reagiert das Gehirn empfindlich.
Dieses Empfinden liegt also an unseren Urinstinkten, die uns vor Gefahren warnen?
Ganz genau. Wenn der Mensch bei einem Säbelzahntiger nicht gewusst hätte, wo der hinschaut, wäre das eine gefährliche Situation gewesen. Da kommen wir schon zum nächsten Punkt: Wo schauen wir zuerst hin? Dieses Klischee, dass Männer immer zuerst auf Brüste oder den Hintern schauen, stimmt so nicht. Der erste Blick bei Frauen und Männern geht zu den Umrissen. Daran erkennen wir, ob das Tier groß oder klein ist. Das war fürs Überleben wichtig. Und das zweite ist sofort: Wo schaut das Tier hin? Evolutionär wäre es eine Schnapsidee gewesen, zuerst auf den Hintern zu schauen.
Wie wichtig ist dieser erste Eindruck?
Enorm wichtig. Die Grundsatzentscheidung, wie wir jemand einschätzen, passiert innerhalb von 250 Millisekunden. Das sieht man am Beispiel von Barack Obama. Er hat eine Körpersprache, die dermaßen gewinnend ist, dass wir uns sofort für ihn entscheiden. Inzwischen wissen wir, dass er gerade viel Blödsinn macht. Trotzdem tun wir uns schwer, ihn aus unserem Herzen zu verbannen. Die erste Entscheidung geschieht vor dem bewussten Verstand. Das ist beim Verlieben genau so. Da spielt die Persönlichkeit nahezu keine Rolle. Das kommt erst später.
Warum verhalten wir uns so?
Dahinter steckt ein archaisches Prinzip: Wenn der Säbelzahntiger damals vor einem stand, konnte man auch nicht erst überlegen: Vielleicht will er nur spielen. Wir mussten uns blitzschnell entscheiden. Das ist bei uns heute noch eine Sicherheitstechnik.
Unterscheiden sich Frauen und Männer stark in ihrer Körpersprache?
Die Körpersprache ist viel einheitlicher, als man denkt. Die Unterschiede, zum Beispiel in der Sitzposition, sind angelernt und nicht angeboren. Wenn man in den Urwald geht, wird man auch Frauen sehen, die breitbeinig sitzen. Aber wenn bei uns eine Frau so sitzen würde, wäre das sozial eigenartig.
Also liegen die Unterschiede eher in den ­Kulturkreisen?
Richtig. Das hat sich so sozialisiert. Aber insgesamt gilt das Gleiche. Angela Merkel steht beispielsweise für Sicherheit und ­Stabilität. Sie wird sich nie klein machen. Eine Führungspersönlichkeiten – egal ob Frau oder Mann – muss sich trauen, Raum in Anspruch zu nehmen.
Haben diese Führungspersönlichkeiten ­Coaches, die ihnen all das beibringen?
Das denkt man immer. Aber Angela Merkel hat schon vor 30 Jahren Raum eingenommen. Wenn sie in einer Gruppe von Leuten gegangen ist, ist sie damals schon voraus gegangen. Sie hat ein Talent dafür. Das kann man nicht alles von einem Coach lernen.
Sehen antrainierte Gesten unecht aus?
Es wirkt dann unecht, wenn man versucht, seine eigene Persönlichkeit zu verändern. Man sollte so bleiben, wie man ist und sich auch nicht von Körpersprache-Experten etwas anderes erzählen lassen. Aber wenn mir jemand erklärt, dass ich mehr lächeln soll, wird das an meiner Persönlichkeit nichts ändern. Es geht um diese Kleinigkeiten, die man an sich verändern kann.
Welche Körperhaltung kommt nicht gut an?
Die Leute wollen von mir immer wissen, was man nicht machen darf. Das gibt es aber nicht. Wenn sich jemand traut, viel Raum einzunehmen, ist das nicht unbedingt negativ. Es kommt einfach auf die Situation an.
Bedeuten beispielsweise verschränkte Arme immer Abwehr?
Ein Signal allein ist immer ohne Bedeutung. Wenn mich jemand fragt, was es bedeutet, wenn jemand eine Augenbraue hochzieht, antworte ich: Das weiß ich nicht. Es bedeutet zwar meist, dass sich das Gehirn noch nicht entschieden hat, ob es interessiert oder skeptisch sein soll. Aber aus einer Gestik allein so etwas zu schließen, wäre fahrlässig. Wenn ich aber die Arme verschränke, den Blick nach unten richte, die Stirn nach vorne schiebe und die Beine breit aufstelle, dann deutet sehr viel in Richtung Abwehr.
Welche Rolle spielt die Körpersprache beim Flirten?
Diesem Thema widme ich einen großen Teil in meiner Show. Weil wir diese geschlechtsspezifischen Signale den ganzen Tag über aussenden. Es ist uns einfach wichtig, was der andere über uns denkt. Ich spreche zum Beispiel auch über sexuelle Signale. Wir Männer ändern sofort unsere Körpersprache, sobald eine Frau erscheint. Das ist ­einfach in uns drin.
Wie verhalten sich die Männer dann?
Wir verhalten uns wie die Hähne. Das ist aber so subtil, dass man genau wissen muss, wo man hinschaut. Und bei Frauen ist es genau das Gleiche. Sie senden kleine, sexuelle Signale, zum Beispiel zeigen sie die Handgelenkinnenseite. Das ist eine feminine Geste, die eine Frau macht, wenn sie sich sehr sicher ist. Männer sind dagegen simpel gestrickt. Wir sind sehr fixiert auf unsere Körpermitte. Um es kurz zu sagen: Wir sind voll peinlich.
Können Sie über die Körpersprache ­Rückschlüsse auf den Charakter ziehen?
Anhand der Körpersprache kann man über das Leben der Menschen sehr viel sagen. Man kann zum Beispiel sehen, dass jemand eher sicherheitsbedürftiger ist oder dass er ein Hans-Guck-in-Luft-ist. Das ist aber ­keine Zauberei, das kann jeder. Denn der Körper tut nichts zufällig.
Erkennen Sie, wenn jemand lügt?
Da muss ich gleich entzaubern. Lügner können nie eindeutig erkannt werden. Denn das Gehirn kann schnell nicht mehr entscheiden, ob es das Geschehene tatsächlich erlebt hat oder nicht. Das kennt man, wenn man zu zweit von Urlaubserlebnissen erzählt. Vieles hat man ganz anders in Erinnerung als der Partner. Die körpersprachliche Forschung ist aber heute in der Erkennung schon weiter, als man mit Lügendetektoren ist. Aber immer noch weit von 100 Prozent entfernt.
Gibt es dennoch Hinweise, die darauf deuten, dass jemand lügt?
Ja, wenn jemand von seiner Routine ­abweicht. Wenn der Mann seit zehn Jahren jeden Abend auf die Frage, wie sein Tag war, mit Schulterzucken reagiert und eines Tages detailliert erzählt, würde ich vorsichtig werden. Deshalb sagt man, dass Menschen vor einem Beziehungsende die Frisur oder das Outfit ändern. Aber vieles, was über das Entlarven von Lügnern behauptet wird, ist Schindluder. Das wenigste ist wissenschaftlich belegt.
Können Sie zum Schluss den Lesern noch einen Tipp mit auf den Weg geben?
Ich rate jedem: Achte darauf, was du übst. Denn Körpersprache ist eine Übung. Es geht beim Lächeln auch nicht darum, ob es ehrlich ist.Wenn die Muskeln das Lächeln nicht trainiert haben, wirkt es eigenartig. Die Deutschen – genau wie wir Österreicher – können ruhig mehr lächeln. Außerdem sollten wir mehr von unserem Innenleben zeigen. Das erleichtert den Umgang mit den Mitmenschen.

Lesen Sie jetzt