Kochboxen Der Speiseplan kommt mit der Post

Von Siri Warrlich 

Döner schmeckt auch vegetarisch – mit Soja-Fleischersatz: Kochboxen sollen im Alltag Inspiration für die Küche liefern. Wird sich das Angebot am Markt etablieren? Foto: dpa
Döner schmeckt auch vegetarisch – mit Soja-Fleischersatz: Kochboxen sollen im Alltag Inspiration für die Küche liefern. Wird sich das Angebot am Markt etablieren?Foto: dpa

Immer mehr Firmen bieten Kochboxen an: Planung und Einkauf übernimmt der Dienstleister, nur kochen darf der Kunde selbst. Wird sich die neue Dienstleistung dauerhaft am Markt durchsetzen?

Stuttgart - Vor 1,9 Millionen Jahren erfand der Urmensch Homo erectus das Kochen, vermuten Wissenschaftler der Harvard-Universität. Lammkeule, Gemüse & Co. zu erhitzen, statt sie roh zu essen, hat gewisse Vorteile: Zum Beispiel werden dadurch Keime getötet. Hätte der Homo erectus weiterhin nur Rohkost gegessen, wäre das Überleben der Spezies nicht gesichert gewesen, schätzen die Harvard-Forscher.

Die Idee des Kochens an sich ist also uralt – und bildet dennoch das Fundament für ein neues Geschäftsmodell. „Das Ernährungsbewusstsein und der Anspruch vieler Menschen an die eigene Ernährung haben in den letzten Jahren stark zugenommen“, sagt Julia Eymann vom Marktforschungsunternehmen Gesellschaft für innovative Marktforschung. Der Haken an der Sache: Viele Leute wollen kochen, aber es passt nicht in ihren Alltag – keine Zeit zum Einkaufen, kein Nerv für die Planung oder Wissenslücken, wie der Lasagne ohne Tütensoße überhaupt Geschmack einzuhauchen ist. Hier setzt das Geschäftsmodell Kochbox an: Unternehmen wie Hello Fresh, Marley Spoon oder Kochzauber liefern den Speiseplan für mehrere Tage, Rezepte mit idiotensicherer Anleitung und alle dafür nötigen Lebensmittel im Gesamtpaket bis vor die Haustür.

Manche Anbieter nehmen den Kunden selbst das Kochen ab

Entstanden ist die Idee offenbar in Schweden. 2007 begann die Gründerin Kicki Theander, ihren Kunden Tüten voller Lebensmittel zu schicken, mit denen sie die beiliegenden Gerichte kochen konnten. Schnell fand das Konzept Nachahmer. Der 2011 in Deutschland gegründete Anbieter Hello Fresh etwa liefert heute in sieben Ländern, darunter Österreich, die Niederlande, Großbritannien, aber auch Australien und die USA.

Ein Paket mit fünf Mahlzeiten wie ­Rindfleisch-Burritos, Gemüsesuppe oder Joghurt-Hähnchen für je zwei Personen ­kostet knapp 55 Euro. Die Zubereitung der Gerichte wird auf den beiliegenden Rezeptkarten erklärt. Wem neben Planung und Einkauf selbst das Kochen zu viel wird, ­findet auch für dieses Problem eine Lösung: Anbieter wie The Chefs, Dinnery oder Eatfirst liefern fertige Gerichte, die zu Hause aufgewärmt werden und Tiefkühlkost in Geschmack und Originalität überbieten sollen. Auch Anbieter, die eigentlich ein anderes Modell haben, springen teilweise auf den Trend auf: Zum Beispiel liefern etwa Landwirte in der Region Stuttgart, die schon länger Gemüsekisten bis vor die Haustür bringen, zum Teil auch Rezepte mit. Unter anderem bietet auch die Supermarktkette Rewe ein „Rezept der Woche“ an und bringt die Zutaten dafür nach Hause.

Einer der größten Anbieter machte 2015 Verluste

Ob sich Kochboxen langfristig etablieren werden, ist aber fraglich. „Im Moment lässt sich beobachten, dass sich viele Konsumenten aus Neugierde Foodboxen bestellen“, sagt Marktforscherin Julia Eymann. Damit auch Gewinn zu machen gelingt etwa Hello Fresh, einem der größten Anbieter in Deutschland, aktuell aber nicht. Zwar machte das Unternehmen nach neun Monaten 2015 rund 198 Millionen Euro Umsatz. Unter dem Strich aber stand eine rote Zahl: 58 Millionen Euro Verlust nach drei Quartalen 2015. Das liegt vor allem an den hohen Marketingkosten, vermuten Branchenkenner. Hello Fresh wirbt derzeit massiv mit Gutscheinen. Allein das kostete in den ersten Quartalen rund 70 Millionen Euro, mutmaßt die Nachrichtenagentur Reuters.

Die Mehrheit an Hello Fresh hält die Firma Rocket Internet. Das von den Brüdern Marc, Oliver und Alexander Samwer gegründete Unternehmen verdient sein Geld vorwiegend damit, erfolgreiche Geschäftsmodelle aus anderen Ländern international zu etablieren. Dafür beteiligt sich Rocket Internet an jungen Unternehmen, fördert diese und verkauft die Anteile später an andere Investoren oder bei Börsengängen.

Börsengang von Hello Fresh verschoben

Der Kochbox-Anbieter Hello Fresh gehört bei Rocket Internet zu den größten Hoffnungsträgern. Nachdem die Firma 2014 den Online-Modehändler Zalando an die Börse brachte, wächst der Druck, mit einer Beteiligungen erneut einen Börsengang zu schaffen. Im Herbst 2015 wurde angekündigt, dass dies mit Hello Fresh gelingen soll. Wegen eines Streits mit einem schwedischen Großinvestor von Rocket Internet wurde der angekündigte Börsengang jedoch verschoben.

Ob sich Kochboxen auf dem Lebensmittelmarkt etablieren und dem Supermarkt ernsthaft Konkurrenz machen werden, ist noch offen. Eines aber scheint nach der 1,9 Millionen Jahre alten Erfolgsgeschichte klar: Kochen – ob mit oder ohne Box – wird der Mensch auch in 100 Jahren noch.

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