Klinik in Vaihingen/Enz schließt Tränenreicher Abschied vom Krankenhaus

Von mk 

Leere Gänge, dunkle Räume, Umzugskisten – in dem  kleinen Krankenhaus in Vaihingen/Enz wird der Betrieb auf (fast) Null herunter gefahren. Foto: factum/Granville
Leere Gänge, dunkle Räume, Umzugskisten – in dem kleinen Krankenhaus in Vaihingen/Enz wird der Betrieb auf (fast) Null herunter gefahren. Foto: factum/Granville

Die kleine Klinik schließt nach 80 Jahren Betrieb die Pforten – ein Schlag für die Stadt. Doch auch vielen Mitarbeiter fällt die Umstellung schwer – so schwer, dass es manchem die Sprache verschlägt.

Vaihingen/Enz - Die Räume und Gänge sind leer und dunkel, in den Zimmern liegen keine Patienten mehr, dort sind Umzugskisten eingezogen. Nur der unverwechselbare Geruch nach Desinfektionsmittel erinnert daran, dass das ein Krankenhaus ist. Ein Krankenhaus auf Abruf allerdings. An diesem Freitag veranstaltet die Geschäftsführung der Regionalen Kliniken Holding RKH, zu der auch das Haus in Vaihingen gehört, einen Abschiedsabend.

„Ich denke, es wird viele Tränen geben“, sagt Olaf Sporys. Der Regionaldirektor für Bietigheim, Markgröningen und Vaihingen hat in seiner 21  Jahre währenden Karriere auch noch nie ein Krankenhaus schließen müssen. „Das ist ein komisches Gefühl“, gibt Sporys zu. Die in den Gängen fast schon spürbare gedrückte Stimmung scheint vielen Beschäftigten die Sprache verschlagen zu haben.

Die Suche nach einem Gesprächspartner für die Tageszeitung gestaltet sich enorm schwierig. „Bei mir ist es gerade ganz schlecht“, sagt eine Pflegerin und verweigert jeden Kommentar. Eine Kollegin läuft gehetzt vorbei und murmelt etwas von „Dienstbesprechung“.

Einst waren es 60 Betten

Seit einer gefühlten Ewigkeit ist Vaihingen eine Krankenhausstadt. Das Selbstmarketing als Standort mit allen Schultypen, Schwimmbad, schöner Altstadt und eben einer kleinen Kreisklinik wird durch die Schließung schwer beschädigt. Im Jahr 2007 schluckte die Stadtverwaltung bereits die erste Kröte. Die Klinikengesellschaft installierte ein Ärztehaus neben dem Krankenhaus. Arztpraxen gelten als wichtige Frequenzbringer für den Innenstadthandel. Und jetzt also: Schrumpfkur des Krankenhauses mit einst 60 Betten auf einem mickrigen Restbetrieb von zwölf Betten als reine Tagesklinik.

Der Oberbürgermeister Gerd Maisch ging Anfang des Jahres auf die Barrikaden, nahm dafür sogar zwischendurch ein Zerwürfnis mit dem Landrat Rainer Haas in Kauf. „Sie haben kein Herzblut mehr für das Krankenhaus“, warf Maisch dem Landrat und dem Kliniken-Chef Jörg Martin im März bei einer Bürgerversammlung vor. Kleine, überschaubare Häuser seien auch in Zeiten angespannter Krankenhauskassen „kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit in einer älter werdenden Gesellschaft“, sagte Maisch unter tosendem Applaus.

Viele Mitarbeiter sind seit 20 oder 30 Jahren dabei

Jetzt, knapp neun Monate später, scheint es, also habe der OB nicht ganz Unrecht gehabt. Eine Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, schwärmt vom „angenehmen Arbeiten“, von „toll funktionierenden Teams“. Und sie berichtet von älteren Patienten, „die gerne hierher kamen, weil es hier kleiner und überschaubarer ist. Man verläuft sich nicht so leicht.“ Auch sie berichtet von der gedrückten Stimmung im Kollegenkreis. „Den alteingesessenen Pflegekräften fällt der Abschied schon sehr schwer.“ Viele seien seit 20 oder 30 Jahren hier beschäftigt, manche davon wohnten direkt neben der Klinik, die „eine Art zweite Heimat“ geworden sei. „Die Leute haben sich hier einfach wohl gefühlt.“

Olaf Sporys zeigt Verständnis für solche Gefühle. Doch er hat einen anderen Job – und damit auch eine andere Sichtweise. „Wir müssen die ganze Holding im Blick haben“, sagt der Regionaldirektor. Mit dieser Brille zeige sich ein anderes Bild. Das eines Hauses, das seit Jahren tiefrote Zahlen schreibe. Aber auch das einer Klinik, für die es zusehends schwierig geworden sei, überhaupt Mitarbeiter zu finden. Schon im Jahr 2011 habe es so große Engpässe gegeben, „dass ich beinahe den ärztlichen Bereitschaftsdienst hätte abmelden müssen“.

Die Zahl der Beschäftigten sinkt von 130 auf acht

Er habe die Lage damals „gerade noch retten können“. Doch das Problem sei von Dauer. Die Facharztausbildung sei darauf ausgerichtet, in einer bestimmten Zeit eine Mindestzahl von Arbeitsstunden in mehreren Fachbereichen nachweisen zu können. In Vaihingen sei das nicht möglich. „Viele sagen: es ist doch immer gegangen. Aber die Welt um uns herum hat sich verändert.“

130 Mitarbeiter hatte das Krankenhaus noch bis vor Kurzem. Künftig sollen hier nur noch etwa acht Menschen tätig sein. Laut Olaf Sporys haben inzwischen fast alle einen neuen Job gefunden – in den Kliniken Bietigheim, Mühlacker oder Markgröningen vor allem. Zurück zur Orthopädischen Klinik in Markgröningen (OKM) wird es auch den Anästhesiepfleger Udo Rzehak ziehen. Der 39-Jährige ist der einzige, der kein Problem hat mit Foto und Namen in der Zeitung zu erscheinen. Er ist aus der OKM in Vaihingen eingesprungen, um Personalengpässe zu vermeiden. Er habe seinen Arbeitsplatz als „kleines Haus mit kurzen Wegen“ schätzen gelernt. Er wisse von der emotionalen Situation vieler Kollegen und wäre auch gerne hier geblieben. „Hier war’s schön schaffen.“

Der Betrieb wird jetzt herunter gefahren. Am Donnerstag gab es noch drei Patienten im Krankenhaus. Diese sollen laut Sporys im Verlauf dieses Freitags auch entlassen werden. Dann ist Schluss.

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