Klaus Gerrit Friese „Kennerschaft entwickeln“

Nikolai B. Forstbauer, 05.12.2012 18:40 Uhr

Stuttgart - Klaus Gerrit Friese, der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Galerien, beobachtet eine starke Nachfrage nach Gegenwartskunst.

Herr Friese, die Investition in Kunst gilt anhalten als sicher. Gibt es diesen stabilen Markt?
Wenn wir die Preisentwicklung der vergangenen 20 Jahre analysieren, kann man dies klar bejahen. Selbst 2008 war nur eine kleine Delle. Aber: Nicht jede Kunst, jeder Künstler steigt im Wert. Wer einsteigen will, muss selber Kennerschaft entwickeln, um nicht vorschnell falsche Entscheidungen zu treffen.

Was wird besonders stark nachgefragt?
Erstaunlich ist, wie stark die zeitgenössische Kunst vom Preisboom erfasst wird. Das hat auch mit einem ansonsten begrenzten Markt zu tun: die Altmeisterbilder und wesentliche Arbeiten der klassischen Moderne sind verteilt. Wo kann man noch mit einer relativ großen Quantität handeln? In der Kunst der vergangenen 60 Jahre. Dies setzt Sorgfalt und Genauigkeit voraus. Also auch die exakte Überprüfung der Provenienz und die Zustandsbegutachtung des Werkes. Auch, weil Fälschungen ein Phänomen eines Marktes sind, in dem viel Geld im Spiel ist. Dagegen kann man sich wappnen, man muss es im Eigeninteresse sogar.

Welche Rolle spielen Privatgalerien für die Investition in Kunst?
Kein Künstler von Rang ist im Markt, der nicht zunächst in Privatgalerien ausstellte. Die 380.000 Besucher der Gerhard Richter Retrospektive in der Nationalgalerie in Berlin – die alle staunend vor Bildern im Wert von bis zu 20 Millionen Euro standen - , haben ihre Vorläufer in der kaum besuchten, kaum verkauften Ausstellung von Gerhard Richter in der Galerie Parnass in Wuppertal 1964. Damals kosteten die großen Bilder 800 Euro. Und es war für die Galerie wichtig, sie zu zeigen. Heute ist irgendwo in Deutschland, auf der Welt ebenso eine Ausstellung eines jungen Genies zu sehen, der ebenso teuer, oder besser ebenso billig ist. Die Rolle der Galerien ist doch vornehmlich diese: Lust auf das Erlebnis von Kunst zu machen, das Hinschauen zu lernen und zu vermitteln. Wir ­erfahren durch Kunst immer etwas über unser Leben, unsere Gesellschaft. An dem Anspruch ist festzuhalten, jenseits der reinen Lust an der Ökonomie.

 
 
Kommentare (0)
  • Kommentar schreiben
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.