Kirchheimer Vogelkundler schlägt Alarm Die Schmetterlinge fliegen nicht mehr

Von Thomas Schorradt 

Wulf Gatter (Mitte) und seine Helfer halten vergeblich Ausschau nach ziehenden Schmetterlingen. Foto: Horst Rudel
Wulf Gatter (Mitte) und seine Helfer halten vergeblich Ausschau nach ziehenden Schmetterlingen. Foto: Horst Rudel

Wulf Gatter registriert seit Jahrzehnten nicht nur den Vogelzug am Randecker Maar, sondern auch die durchziehenden Schmetterlinge. Jetzt droht ihm die Arbeit auszugehen: Es kommen keine Schmetterlinge mehr.

Bissingen - Vom sommerlichen Brummen und Summen auf den Wiesen ist nur ein schwaches Echo geblieben. Die Insekten sind verstummt. Umso lauter schlägt der Kirchheimer Vogelkundler Wulf Gatter Alarm. Der Wissenschaftler führt an seiner Beobachtungsstation am Randecker Maar nicht nur Buch über die alljährlich nach Süden fliegenden Vögel, sondern dokumentiert auch seit dem Jahr 1972 den herbstlichen Zug der Schmetterlinge und Schwebfliegen. „Was wir hier am Albrand feststellen, ist eine dramatische Entwicklung“, sagt er. Noch dramatischer sei allerdings, dass das Sterben offensichtlich niemanden interessiere.

Bisher hat der gefühlte Verschmutzungsgrad der Windschutzscheibe am Auto herhalten müssen, wenn es darum gegangen ist, das Verschwinden der Insekten zu belegen. Gatter kann die gefühlte Wahrnehmung mit harten Zahlen untermauern. „Früher sind hier im Beobachtungszeitraum jeden Tag weit mehr als 1000 Kohlweißlinge vorbeigeflogen. Wenn es jetzt noch 20 sind, dann war es ein guter Tag“, sagt er. Von den rund 400 ziehenden Tagpfauenaugen, die das Beobachtungsteam an dem natürlichen Geländeeinschnitt der Schwäbischen Alb unweit des Weilers Bissingen-Ochsenwang noch vor wenigen Jahren registriert hat, ist gerade mal ein verirrter Falter übrig geblieben.

Auch die Schwebfliegen machen sich rar

Doch nicht nur die Schmetterlinge sind verschwunden. Auch die Schwebfliegen, die in mehreren Generationen über die Alpen bis nach Nordafrika und wieder zurück fliegen, machen sich rar. Früher seien pro Tag bis zu 1500 der Zuginsekten in den eigens dafür installierten Reusen gefangen worden, sagt Gatter. Seit zwei Jahren lohne sich der Aufbau der Reusen und die Auswertung der Fänge nicht mehr.

Die Fliege, die auf der Stelle schweben und bei Gefahr blitzschnell davonschießen kann, gilt als eine wichtige Bestäuberin auch von Nutzpflanzen. Gatter geht davon aus, dass den Insekten die Neonicotinoide zu schaffen machen. Die in Pflanzenschutzmitteln enthaltenen Substanzen stehen auch in dem Verdacht, den Orientierungssinn der Honigbiene so weit zu schädigen, dass die Bienen nicht mehr in den Stock zurückfinden.„Bienen und Schwebfliegen bedienen sich bei den gleichen Wirtspflanzen. Es liegt auf der Hand, dass es da einen Zusammenhang gibt“, sagt Gatter.

Mit der Einschätzung „auf der Hand liegen“ kann die Wissenschaft nichts anfangen. Immerhin aber wird das Insektensterben in Fachkreisen inzwischen als „ganz heißes Thema“ gehandelt. Das sagt Dr. Hossein Rajaei Shoorcheh, der sich am Naturkundemuseum Stuttgart mit dem Fachgebiet Lepidoptera, der Schmetterlingsforschung, beschäftigt. „Wir können zwar die Beobachtungen bestätigen, aber es gibt in ganz Europa keine publizierten wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Themenbereich“, bedauert der Stuttgarter Wissenschaftler.

Wissenschaftler beklagen mangelnde Datengrundlage

Seinen Worten zufolge mangelt es vor allem an der Datengrundlage. Die aber könnte der Vogel- und Schmetterlingsbeobachter von der Schwäbischen Alb liefern. „Wir haben hier am Randecker Maar über die Jahre nicht nur rund 20 Millionen Zugvögel erfasst, sondern, nach wissenschaftlichen Kriterien, auch weit mehr als 100 000 Schmetterlinge“, sagt Wulf Gatter. Sieben Jahre lang sind auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb auch Lichtfallen aufgestellt gewesen. Dabei konnten 200 Arten von Eulen (Noctuidae) und 90 Arten von Spinnern und Schwärmern (Bombyces und Sphinges) nachgewiesen werden. „Wir haben viel statistisches Material, aber kein Geld, es auszuwerten“, sagt Gatter, der von 1990 bis 2008 das ökologischen Lehrrevier der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg im Lenninger Tal geleitet hat und der für seine Pionierarbeit bei der Erforschung des Zugverhaltens der Vögel mittlerweile schon mit zwei Ehrendoktor-Titeln ausgezeichnet worden ist. Die Forschungsstation Randecker Maar ist von ihm gegründet worden und wird ehrenamtlich betrieben. Der Standort gilt als ideal: Die Vögel und Insekten kommen aus dem Albvorland an und müssen auf kurze Distanz einen Höhenunterschied von 450 Metern überwinden. Die Station liegt in 773 Meter Höhe in einem Trichter, der den Zug von Vögeln und Insekten auf das Maar zuleitet.

Forschungsarbeit in Vorbereitung

„Wir sind sehr an dem statistischen Material interessiert, das Herr Gatter gesammelt hat“, sagt Hossein Rajaei Shoorcheh. Zumal das Naturkundemuseum in Stuttgart seinen Worten zufolge im kommenden Jahr eine Forschungsarbeit zum Thema Insektensterben in Angriff nehmen will. Laut Hossein Rajaei Shoorcheh hat inzwischen auch die baden-württembergische Landesregierung das Thema für sich entdeckt und ein großes Interesse daran, einen der letzten weißen Flecken in der Forschungslandschaft zu tilgen. „Weniger Insekten bedeutet eben mittelfristig auch weniger Obst und Gemüse. Das Verschwinden der Bestäuber hat Auswirkungen auf alle Lebensräume“, sagt der Schmetterlingsforscher.

Auch Claudia Häußermann von der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim weiß um die fatale Entwicklung. „Das ist definitiv ein großes Problem“, sagt sie. So habe sich die Zahl der Insekten, die nachts mit Hilfe von Lichtfallen gefangen werden, mehr als halbiert. Allerdings schränkt auch sie ein, dass die Beobachtungen bisher wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten können. „Für Insekten hat sich bisher eben niemand interessiert“, sagt die Bienenexpertin.

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