Kirchentag in Stuttgart Musik sprengt religiöse Ketten

Von Martin Haar 

Proben in der Bachakademie für den Auftritt in der Liederhalle Foto: factum/Granville
Proben in der Bachakademie für den Auftritt in der Liederhalle Foto: factum/Granville

Kirchentagspräsident Andreas Barner sorgt sich: „Wir steuern auf zu auf einen Kirchentag in Zeiten, die so brutal, so kriegerisch sind wie lange nicht mehr.“ Doch es gibt auch einen Hoffnungsschimmer: das Projekt Trimum.

Stuttgart - Es sind Klänge wie aus Tausendundeiner Nacht. Musik, wundersam changierend zwischen ethnischen Einflüssen aus verschiedenen Himmelsrichtungen, zwischen Komponiertem und Improvisiertem. Sie schaffen Raum für Um- und Ausdeutungen. Denn in die Klänge der Oud, einer orientalischen Kurzhalslaute, mischen sich nach und nach Töne der abendländischen Instrumente: Gitarre, Klavier, Streicher, Holzbläser. Monologe mit Texten aus allen drei Büchern entwickeln sich zu einem Dialog. Schließlich entsteht eine Symphonie der Kulturen. Eine Harmonie der drei Religionen: Islam, Judentum und Christentum.

Doch das jähe „Stopp“ von Projektleiter Bernhard König in den Proben stört diese Harmonie. Die Unterbrechung markiert einerseits Königs Wunsch nach Perfektion. Andererseits sollen die Zäsuren an diesem Tag in den Räumen der Bachakademie die Virtuosen stets zur Besinnung mahnen. Musikalisch, aber auch religiös. Denn diese Musik trägt die Botschaft gegen Gewalt und Intoleranz mit sich. Eine Botschaft, die in Zeiten von „Charlie Hebdo“ oder einem aufflammenden Antisemitismus wichtiger denn je ist. Sie wird vom interreligiösen Chor Trimum auf dem Kirchentag in die Welt getragen.

Auf dem Kirchentag wird Trimum als Einheit von drei unterschiedlichen Teilen auftreten. Jeder wird gespannt schauen und fragen: Gelingt die Annäherung zwischen Christen, Muslimen und Juden? Vermischen sich hier etwa nicht nur die Musik, sondern auch strenge Glaubensunterschiede? Und zuletzt: Ist so ein Traditionsbruch erlaubt? Oder sprengt er alle Grenzen?

Gernot Rehrl, Intendant der Bachakademie, sucht nicht nach Trennendem: „Ich finde das Projekt wunderbar, weil es nach den Gemeinsamkeiten in der geistlichen Musik sucht.“ Der Diskurs des Findens tut gut, „weil er in dieser Welt, die sich rasant verändert, über die Musik Zusammenhänge, Wurzeln und Gemeinsamkeiten zutage fördert“.

Musik als Mittler zwischen Religionen?

Das ist Asaf Levitin (42), jüdischer Kantor und Opernsänger aus Berlin, zu einfach. „Das hier soll keine Trallala-Veranstaltung sein“, sagt er. Auch vom Geiste Lessings und dessen Ringparabel in „Nathan der Weise“ ist Levitin meilenweit entfernt. Das Gleichnis, das den Sultan überzeugen soll, dass keine der drei großen monotheistischen Religionen den anderen gegenüber Vorzüge besitzt, sieht er aus heutiger Sicht kritisch.

Toleranz-Geschwafel. Aufklärung war gestern.

Heute gebe es konkrete Konflikte. Raketen fliegen zwischen Israel und dem Gazastreifen hin und her. Sie erschweren seine Freundschaft zu einem Muslim in Gaza. „Mein Freund ­findet das alles genauso furchtbar“, sagt Levitin, als höre er die Worte des Kirchentagspräsidenten Andreas Barner: „Wir steuern zu auf einen Kirchentag in Zeiten, die so brutal, so kriegerisch sind wie schon lange nicht mehr.“ Levitin meint deshalb, wie könne da eine Parabel helfen, ein von Humanität bestimmtes Leben zu führen. Wo bleibt in diesen Konflikten das Ziel, in dem alle Religionen übereinstimmen: Menschlichkeit auf Erden zu verwirklichen.

Seine Antwort lautet: in einem abstrakten Nebel. Erst der direkte Kontakt, die unmittelbare Auseinandersetzung hilft ihm. Denn bei Trimum treffen Musiker, Kantoren, Komponisten und Religionspädagogen der drei Buchreligionen aufeinander. Sie entdecken dabei Gemeinsamkeiten, aber auch Grenzen. Asaf Levitin wird deutlich: „Ich kann Jesus beim besten Willen nicht als Prophet akzeptieren.“ Oder: „Ich kann und will die Probleme zwischen Muslimen und Juden nicht verschweigen.“ Daher soll das Projekt Trimum mehr sein, „als sich gegenseitig toll zu finden“. Nein: „Es soll zeigen, was können wir zusammen und was nicht.“

Als Beispiel nennt Levitin eine Vorschrift des Koran: Man darf keine Suren singen – sondern nur vorlesen. Für die christlichen und jüdischen Projektteilnehmer war das neu. Ein Lerneffekt, der Trimum ausmacht. Levitin: „Es ist wie in einer Ehe. Auch dort sagt man: Ich finde dies und das toll an dir, aber ich hasse es, wenn du mich da oder dort berührst.“ Am Ende stehen jedoch Antworten auf Fragen: Wer bin ich, wer bist du? Was sind deine Wurzeln? „So finden wir die Quelle, die uns alle speist“, sagt Levitin, „aber wir lernen, uns und unsere Grenzen zu respektieren.“ Sein Credo lautet: Erst wer seine eigene Identität und Herkunft genau kennt, kann auch den anderen verstehen.

Lernen statt belehren. Hören statt sprechen. Tuba Isik (33), wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für komparative Theologie an der Uni Paderborn, gefallen diese Gedanken. Wenn die Muslima Psalmen oder Suren rezitiert, macht sie das mit Eifer. „Wir bringen hier verschiedene Traditionen zusammen und lassen aus dem Alten etwas Neues entstehen“, sagt Isik. Niemand müsse seine Persönlichkeit, seine Meinung oder seine religiösen Überzeugungen an der Garderobe der Bachakademie abgeben. „Wir wollen hier keine Meta-Religion basteln“, sagt Tuba Isik, „wir wollen lernen, miteinander umzugehen.“ Aus Dialog wird Trialog – das Projekt Trimum.

In der Präambel zu Trimum steht: „Wir wollen gegen die Lockrufe und Hassgesänge all derer ansingen, die ihren Glauben oder Unglauben mit einem ,Rechthaben um jeden Preis‘ verwechseln. Die Fremdheit für etwas Bedrohliches halten. Oder die nur das Gewaltpotenzial der Religionen sehen können und vor ihrem Friedenspotenzial, ihrer Schönheit und ihrem Reichtum die Ohren verschließen.“

Das Medium Musik scheint hierbei Wunder zu wirken. Es lindert die Schmerzen von seelischen Verwundungen. Die Musik baut „emotionale Konflikte“ ab, wie Alon Wallach (34), der jüdische Komponist, meint. Im Freiraum der Kunst ist es möglich: Hier ist Zeit zum Lernen und Experimentieren, Zeit für Irrtümer und Entdeckungen. Kleine Pannen tun sogar gut. Die Choristen schmunzeln immer wieder in sich hinein, wenn der Iraker Saad Thamir aus dem biblischen David einen „Schützenjäger“ statt einen „Schürzenjäger“ macht. In solchen Momenten spürt man, dass hier etwas entstanden ist: Freundschaft und Nähe.

Genau das soll auch beim Auftritt am Donnerstag (4. Juni, 20 Uhr) in der Liederhalle rüberkommen. Das Publikum soll spüren, dass aus drei Teilen ein Ganzes geworden ist. Helmut Biler, ein Vertreter des Abendlandes, bringt es auf den Punkt: „Wir zeigen das Faszinosum, dass unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Richtungen etwas zusammengebracht haben. Wir zeigen, dass es geht und ein Modell für andere sein kann.“

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