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Kirchentag in Stuttgart Ein Testlabor für die Zukunft

Von Jürgen Bock 

Eine der Neuerungen, die beim Kirchentag in Stuttgart erprobt werden: Lastenfahrräder für den Transport kleinerer Güter Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Eine der Neuerungen, die beim Kirchentag in Stuttgart erprobt werden: Lastenfahrräder für den Transport kleinerer GüterFoto: Lichtgut/Leif Piechowski

Eine Großveranstaltung mit weit mehr als 100 000 Teilnehmern und Umweltschutz – das passt auf den ersten Blick nicht wirklich zusammen. Doch der Kirchentag hat sich gerade im feinstaub- geplagten Stuttgart vorgenommen, Vorreiter in Sachen Ökologie zu sein.

Stuttgart - Merkwürdige Podeste stehen am Rand des Kirchentagsgeländes auf dem Wasen. Vier Stufen führen hinauf auf eine Art Hochsitz. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn oben laden Klobrillen zum Platznehmen ein. Unter den Kabinen stehen große grüne Tonnen.

Sieht ungewöhnlich aus – und ist es auch. 45 Komposttoiletten sind auf dem Gelände verteilt. Sie dienen nicht nur der Erleichterung der Besucher, sondern auch der Erkenntnis der Wissenschaft. Die Hinterlassenschaften werden auf ein Testgelände in Ludwigsburg gefahren und mit Grünschnitt vermischt. Experten der Universität Stuttgart ziehen Proben und werten aus, ob dem Verwertungsmodell die Zukunft gehört. Ein Testlabor im Echtbetrieb.

Klug werden wollen die Kirchentagsbesucher getreu des Mottos des Christentreffens. Das schadet nie – und lässt Raum für Interpretationen. Eine davon liefert Andreas Barner. „Es geht auch um das rechte Maß, um die richtige Haltung. Im Umgang mit anderen, im Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen, mit unserer Welt“, sagt der Kirchentagspräsident. Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind zentrale Motive der Diskussionen. Und das in Deutschlands Feinstaubhochburg Stuttgart.

Draußen kriecht der Verkehr, drinnen in Zelten und Kirchen werden Zukunftsbilder entworfen. Doch grau ist alle Theorie. Deshalb soll der Kirchentag selbst ein Beispiel geben für ökologisches Denken. Und setzt sich hohe Ziele. Der Kirchentag sei eine der umweltfreundlichsten Großveranstaltungen in Deutschland, betonen die Organisatoren. Für die Wege der Besucher zwischen den einzelnen Veranstaltungsorten in Bad Cannstatt, Fellbach und der Innenstadt hat man sogar das Motto „emissionsfrei mobil“ ausgegeben.

Auf den ersten Blick will das nicht recht zu einer Großveranstaltung mit rund 100 000 Dauerteilnehmern aus ganz Deutschland und dem Ausland passen. Zwar reisen normalerweise etwa drei Viertel der Gäste mit Bussen und Bahnen an, in Stuttgart scheint diese Zahl aber tiefer zu liegen, bei gut 62 Prozent. Etwa 26 000 Besucher sind mit dem Auto gekommen. Rund 400 Kilometer Kabel sind für die Veranstaltung verlegt worden. Und die 300 Dienstleister und Lieferanten sind wohl auch nicht zu Fuß unterwegs.

Beim Amt für Umweltschutz urteilt man zurückhaltend. Die Luftbelastung sei in Stuttgart „in hohem Maße vom Verkehrsaufkommen abhängig“, heißt es dort. Großereignisse wie der Kirchentag könnten die Verkehrsmenge verändern oder auch durch Sperrungen den Fluss der Autos behindern und somit die Emissionen erhöhen. Diese höhere Belastung lasse sich zwar messen, aber nicht unbedingt zuordnen, weil man einzelne Tage aufgrund des Wetters und sonstiger Parameter nicht direkt vergleichen könne. So gesehen dürfte der Kirchentag also alles andere als emissionsfrei sein.

Zu wörtlich genommen wollen die Veranstalter dieses Motto auch nicht verstehen. „Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen und gute Ideen nicht für uns behalten“, sagt Christof Hertel von der Stabsstelle Umwelt. Das bedeutet, dass bei den Kirchentagen im großen Rahmen neue Methoden der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes erprobt werden, die im Idealfall Einzug in die Gesellschaft finden sollen. Zum Teil wissenschaftlich begleitet. So wie beim Versuch mit den Komposttoiletten. Mit einem solchen Test hat der Kirchentag einstmals das Kombiticket für Veranstaltungen und öffentlichen Nahverkehr erfunden, das heute bei Konzerten oder Sport gang und gäbe ist.

Seit 2007 bilanzieren die Veranstalter die Auswirkungen des Kirchentags. „Wir versuchen, immer besser zu werden“, sagt Hertel. Zum Beispiel beim Thema Ernährung. Seit Jahren gibt es das gläserne Restaurant, in dem nur Speisen aus saisonalen, regionalen, ökologisch angebauten und fair gehandelten Lebensmitteln verwendet werden. Zum Programm gehört auch ein Naturkostmarkt. Im Kirchentagsbüro gibt es nur vegetarische Verpflegung, während der Veranstaltung wird auch beim Essen für die 5000 Helfer der Hauptakzent auf fleischarme Kost gesetzt. „Fleisch ist neben dem Verkehr der Klimakiller schlechthin“, sagt Hertel.

In Stuttgart ist die Zelthalle 12 auf dem Wasen als Modell für ein möglichst „grünes“ Zelt entwickelt worden. Müll wird recycelt, wo immer es geht wird kein Wegwerfgeschirr verwendet. Für die Fortbewegung stehen 1000 Leihfahrräder zur Verfügung. Neu sind Rikschas, mit denen auch Rollstuhlfahrer transportiert werden können, und Lastenräder für kleine Transporte. Ob und wie dieses Fahrradmodell funktioniert, wird ebenfalls von der Uni Stuttgart wissenschaftlich erfasst.

„Unser Anspruch ist, Innovationen auszuprobieren. Das erwarten die Teilnehmer auch von uns“, sagt Hertel. Und Präsident Barner wünscht sich, „dass wir etwas vom Stuttgarter Kirchentag in unsere jeweilige Welt tragen können“. Gerade Ideen für die Umwelt. Wenn das klappt, könnte Stuttgart noch lange über diesen Kirchentag hinaus von dessen Errungenschaften profitieren.

Info

Das Thema Umweltschutz ist Bestandteil vieler Veranstaltungen. Besonders im Blickpunkt steht dabei das Zentrum Mobilität, Energie, Ressourcen in der Zelthalle 12 auf dem Cannstatter Wasen. Dort wird beispielsweise an diesem Freitag um 11 Uhr über das Thema „Ohne Energiewende keine Klimawende“ diskutiert. Im Außenbereich steht ein zweistöckiges Ausstellungsfahrzeug der Baden-Württemberg-Stiftung. Dort gibt es bis einschließlich Samstag um 11, 13, 15 und 17 Uhr Live-Präsentationen zum Stichwort Nachhaltigkeit.

„Schmecken, schauen und globale Zusammenhänge verdauen“ lautet das Motto des gläsernen Restaurants auf dem Wasen. Dort gibt es Mittagessen und abends Vesper. Es wird gezeigt, dass leckere Ernährung nicht den Grundsätzen von ökologisch und fair erzeugten Nahrungsmitteln widerspricht. Geöffnet ist das Restaurant am Freitag und Samstag zwischen 11.30 und 14 Uhr sowie von 17 bis 18.30 Uhr.

Zum Verpflegungsangebot gehört auch der Naturkostmarkt auf dem Markt der Möglichkeiten (Cannstatter Wasen). Dort verkaufen ökozertifizierte Anbieter an ihren Ständen Getränke und Milchprodukte, Obst und Salate, Gemüse- und Kartoffelgerichte sowie Fleisch- und Wurstwaren. (jbo)

 

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