Kinokritik: Logan Lucky Es bleibt nur die Flucht nach vorn

Von Kathrin Horster 

Der Regisseur Steven Soderbergh kehrt nach sechs Jahren zur großen Leinwand zurück mit einem als Gaunerkomödie maskierten Film – viel mehr als für die Tat interessiert er sich für die sozialen Hintergründe in den USA der Trump-Ära.

Stuttgart - Der Alltag der Brüder Jimmy und Clyde Logan ist ein absurd verkorkstes Dauerdesaster. Clyde (Adam Driver) wollte einst ein Held werden und flüchtete von der Schule direkt an die Front in den Irak. Das vermeintliche Abenteuer kostete ihn einen Arm. Als Barkeeper mit Handicap verdient er nun ein paar lausige Dollar in einer Kaschemme, sein Trinkgeld sind die derben Hänseleien der Gäste. Jimmy (Channing Tatum), in Highschooltagen ein Football-Ass, schlägt sich mit kaputtem Knie, lädiertem Ego und diversen Hilfsjobs durch. Als er gefeuert wird, droht ihm der Absturz. Doch selbst angesichts dieser verzweifelten Ausgangslage klingt Jimmys Plan dämlich, bei einem der berühmtesten Auto-Rennen der Welt, dem Nascar Coca-Cola 600, den Tresor des Veranstalters auszuräumen.

Nicht einmal annähernd so mies wie den Antihelden in seiner Gaunerkomödie ist es dem US- Filmemacher Steven Soderbergh ergangen, auch wenn er wie die Logans eine riskante Strategie zur Selbsterhaltung entwickelt hat. Als Soderbergh 2011 öffentlich erklärte, er habe die Nase voll vom Filmgeschäft, wirkte das nicht bloß wie kokettes Gerede eines übersensiblen Künstlers. Zermürbt von den Auflagen der Profitmaschine Hollywood wandte er sich dem Fernsehen zu, wo er sich mehr Interesse für abseitigere, weniger profitable Projekte erhoffte. Nach dem mehrfach ausgezeichneten, von Hollywood als „zu schwul“ eingestuften Fernsehfilm „Liberace“ (2013) über den gleichnamigen, 1987 an Aids gestorbenen Showpianisten, und der vielgelobten Serie „The Knick“ (2014/2015), die den Alltag in einer New Yorker Klinik zu Beginn des 20. Jahrhunderts schildert, kehrt Soderbergh nun doch wieder zurück zur großen Leinwand.

Möglichkeiten des Mammons sind der Stachel im Fleisch der Verlierer

Auf den ersten Blick mutet der Neustart mit „Logan Lucky“ wie eine Rückkehr zum Gestern an, Soderbergh hat ja zum klassischen Gauner-Genre schon seine dreiteilige „Ocean’s“-Reihe beigesteuert. Diesmal aber bricht er durch die betont ruhige, vor allem an den sozialen Hintergründen der Tat interessierte Erzählung die engen Grenzen des Genres auf. Nicht die Tat steht hier im Vordergrund, sondern das Milieu der hart arbeitenden, dennoch abgehalfterten unteren Mittelschicht Amerikas, die Donald Trump im Zuge seines Wahlkampfes gegen das Washingtoner Establishment mobilisierte. „Logan Lucky“ ist kein vordergründig politischer Film, verkleidet im Gewand einer leichten Krimikomödie vermittelt Soderbergh aber eine soziale Botschaft. Im Grunde bleibt Jimmy und Clyde bloß die Flucht nach vorn, um sich aus ihrer Misere zu befreien.

Jimmys Exfrau Bobbie (Katie Holmes), wiederverheiratet mit einem schlichten, dafür stinkreichen Autohändler, mokiert sich über ihren Ex und setzt ihn als Vater der gemeinsamen Tochter unter Druck: Für das Kind müssen weiterhin Alimente fließen. An Bobbies Beispiel erlebt Jimmy, welche Möglichkeiten der Mammon eröffnet. Das ist der Stachel im Fleisch eines Mannes, der sich stets als Verlierer fühlt. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich der amerikanische Traum von Glück und Erfolg, wie Bobbie ihn auslegt, als dessen trügerisch schillernde Billigvariante. Dass die Grundschülerin Sadie (Farrah Mackenzie) für einen Schönheitswettbewerb getrimmt wird, ist Teil dieses verqueren Lebensentwurfs, den der Regisseur belustigt vorführt. Jimmys Plan von der Enteignung superreicher Kapitalisten erscheint da als eleganter Akt zur Wiederherstellung der in der US-Verfassung verbrieften Gerechtigkeit.

Dauer-Knacki zeigt Potenzial und Köpfchen

Das Gespann der aufrechten Malocher komplettiert die Dritte im Logan-Clan, die Friseurin Mellie (Riley Keough), sowie drei kriminelle Brüder mit dem irrwitzigen Nachnamen Bang. Den gewieften Tresorknacker Joe Bang gibt der erblondete Daniel Craig als wortkargen Berufskriminellen mit beeindruckenden Chemiekenntnissen. Dass der in der Lage ist, aus Gummibärchen und anderen schnöden Zutaten einen Sprengstoff mit Wumms zu mischen, verblüfft; ausgerechnet der Dauer-Knacki entpuppt sich als Mensch mit Potenzial und Köpfchen.

Den eigentlichen Coup inszeniert ­Soderbergh als virtuoses, erst im Nachhinein nachvollziehbares Teamwork unterschiedlich kompetenter Partner. Das ist nicht nur lustig anzuschauen, sondern auch eine schöne Pointe. Letztlich siegt hier nicht die pure Vernunft über das Elend, sondern das Prinzip Hoffnung.

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