Kinoereignis "Beyond Punishment" Dürfen die Opfer den Tätern vergeben?

Von Wolfram Hannemann 

Szene aus „Beyond Punishment“ Foto: Verleih
Szene aus „Beyond Punishment“Foto: Verleih

Wie finden Täter und Opfer gleichermaßen ihren Frieden? Ist der Strafvollzug überhaupt sinnvoll? In seinem Dokumentarfilm „Beyond Punishment“ geht Autor und Regisseur ­Hubertus Siegert genau diesen Fragen nach.

Stuttgart - Bronx, New York: Im Supermarkt wird ein Jugendlicher erschossen, der Täter zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt; in Norwegen wird ein Mädchen getötet, und der Täter ­erhält schon nach wenigen Jahren Hafturlaub. In Berlin schießt die RAF 1986 einen hohen Beamter nieder, ein Mörder wird nie gefasst, viele Fragen bleiben offen.

Alle drei Gewaltverbrechen haben etwas gemeinsam: Sie haben nicht nur Konsequenzen für die Täter, sondern insbesondere auch für die Hinterbliebenen der Opfer. Wie gehen diese mit ihrem Schicksal um? Wie finden Täter und Opfer gleichermaßen ihren Frieden? Ist der Strafvollzug überhaupt sinnvoll? In seinem Dokumentarfilm „Beyond Punishment“ geht Autor und Regisseur ­Hubertus Siegert genau diesen Fragen nach.

Den Anstoß gab sein kleiner Sohn, der eingeschult wurde und durch den Kontakt mit anderen Kinder erfuhr, dass deren Eltern sie für begangene Fehler bestrafen. „Ich habe damals zusammen mit meiner Frau festgestellt, dass wir in unserem Erziehungskonzept eigentlich gar keine Strafen vorgesehen hatten“, erklärt Siegert bei der Premiere im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk. „Woher­ kommt es, dass die Strafe existiert, dass wir sie aber nicht anwenden, während andere sie für sinnvoll halten?“

Um in diese Thematik richtig eintauchen zu können, widmete sich Siegert daraufhin einer der extremsten Ausformungen: der Gefängnisstrafe für ein Tötungsdelikt. Hilft dieses Strafsystem den Beteiligten tatsächlich? Anhand von konkreten Fällen suchte der Wahl-Berliner jetzt nach Antworten. „Ich ­habe die Protagonisten nicht ausgewählt, sondern sie haben mich gefunden“, sagt Siegert, der ganz genau wissen wollte, wie es Tätern und Hinterbliebenen viele Jahre nach der Tat damit geht. Entstanden ist dabei ein ebenso eindrucksvolles wie eindringliches Plädoyer für den sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich im Justizvollzug.

Die Grundidee: Es sei hilfreich, die jeweils andere Seite zu verstehen; also einerseits zu erfahren, warum die Tat begangen wurde, und andererseits zu begreifen, wie sie sich auf die Angehörigen der Opfer auswirkt. Auf diese Weise, so die Theorie, könnten beide Seiten von dem loslassen, was sie umtreibt – sie könnten ihren Frieden schließen.

Beispielhaft zeigt der Film den Gesprächskreis zwischen Angehörigen und Tätern, den eine pensionierte Richterin in Wisconsin in den USA ins Leben gerufen hat. Da sitzen alle in einem Kreis zusammen, stellen Fragen, fassen ihre Gefühle in Worte, versuchen sich an Antworten. Mit großem Einfühlungsvermögen ist es Siegert gelungen, die Beteiligten der eingangs erwähnten Mordfälle über einen längeren Zeitraum mit seiner Kamera zu begleiten. Täter und Opfer geben ihm freimütig Auskunft über ihre ­Gefühle damals und heute.

Lisa, die ihren Bruder verloren hat, kämpft mit sich, ob sie dem Täter vergeben darf oder damit ihren Bruder verraten würde. Patrick, Sohn des RAF-Opfers, trifft sich mit Manfred, einem einstigen RAF-Mitglied, in der Hoffnung auf eine Antwort auf die ihn quälende Frage, warum sein Vater sterben musste. Und Erik, dessen 16-jährige Tochter erschossen wurde, hat Angst davor, deren Mörder zu begegnen, während dieser auf Freigang ist. Dass er sich ausgerechnet für drei Mordfälle entschieden hat, wo doch der Täter-Opfer-Ausgleich auch für jede andere Straftat angeboten wird, begründet Siegert damit, dass es gerade beim Tötungsdelikt am schwersten sei, den Menschen im Täter zu erkennen.

Siegert beobachtet die drei Fälle sehr präzise und ohne jegliche Effekthascherei. Nicht einmal Filmmusik gibt es hier – eine Entscheidung, die nicht von Anfang an klar war. „Wir haben natürlich einen Komponisten beauftragt und sogar intensiv mit Layout-Musik experimentiert“, sagt der Regisseur, „doch alle unsere Versuche, den Film mit Musik zu unterlegen, haben ihn so offenkundig kaputt gemacht, dass wir davon ­Abstand genommen haben. Das ist normalerweise schwer durchzusetzen, aber in diesem Fall war ich selbst der Produzent.“

Dass emotionale Momente auch ohne die Hilfe von Musik ­gelingen, wird in einer Szene deutlich, in der Lisa vergeblich versucht, ihre Tränen zu unterdrücken. Überhaupt ist der Film bemerkenswert: Trotz seiner schweren Thematik strahlt er eine ungeheure Ruhe aus, wirkt fast meditativ. Seine zen­trale Frage hallt lange nach: Erfüllt unser gegenwärtiges Strafvollzugssystem noch seinen Zweck, oder wäre es nicht an der Zeit, Alternativen stärker zu betonen?

Ab 12; in Stuttgart im Kino Atelier am Bollwerk

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