Kinderflüchtlinge Minderjährig und auf riskanter Flucht

Von Michael Weißenborn 

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen besondere Zuwendung, wenn Integration gelingen soll. Foto: dpa
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen besondere Zuwendung, wenn Integration gelingen soll. Foto: dpa

Viele minderjährige Flüchtlinge fristen ein elendes Dasein in Lagern in Griechenland und Italien. Dass es auch anders geht, zeigt unter anderem Deutschland mit seiner relativ engmaschigen Jugendhilfe.

Stuttgart - Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zählen zu den schwächsten und bedürftigsten Flüchtlingen. Viele vegetieren in armseligen Lagern in Griechenland und Italien vor sich hin. Ohne jede Perspektive. Hinzu kommt: Europas Polizeibehörde Europol schätzt, dass in den vergangenen zwei Jahren europaweit 10 000 geflohene Kinder und Jugendliche verschwunden sind.

Dass das auch anders gehen kann, zeigt das Beispiel von Ahmed aus Oberhausen, der aus dem ostafrikanischen Bürgerkriegsland Somalia stammt. Sein Vater hatte den damals 16-jährigen Jungen vor fast sechs Jahren für viel Geld mit einem gefälschten Kinderpass ins Flugzeug nach Deutschland gesetzt, damit er sich dort ein besseres Leben aufbaut. Es hat funktioniert: Heute absolviert der 22-Jährige eine Lehre als Zerspanungsmechaniker. Er gilt als Ausnahme-Azubi, wird ein hervorragender Facharbeiter. Und er träumt davon, ein normales Leben zu führen.

Zeichen gegen die Ablehnung

Diese Erfolgsgeschichte hat Ute Schaeffer am Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa) erzählt. Sechs Monate lang hat sie sich von zwölf jungen Flüchtlingen in Deutschland ihre Geschichten erzählen lassen, ihre Fluchtwege rekonstruiert, dazu die politischen Hintergründe in den Herkunftsländern recherchiert. Herausgekommen ist das Buch „Einfach nur weg. Die Flucht der Kinder“. Das Ifa bestritt jetzt mit einem Gespräch mit der Autorin den Auftakt ihrer neuen Veranstaltungsreihe „Kulturpolitik im Dialog“. „Bewusst wollen wir damit ein Zeichen gegen die wachsende Ablehnung von Flüchtlingen im Land setzen“, erklärt Ifa-Generalsekretär Ronald Grätz. In der Debatte in Deutschland sei es wichtig, hinter Statistiken und Begriffen wie „Flüchtlingsstrom“ die menschlichen Schicksale zu sehen. Ahmeds Geschichte zeigt, was möglich ist in Deutschland dank einer engmaschiger Betreuung für junge Flüchtlinge. „Wenn sie immer wieder die richtigen Menschen finden, die sie unterstützen“, sagt Ahmed selbst und meint neben den professionellen Helfern auch ganz normale Leute wie Nachbarn oder Chefs.

Dabei verhehlt Schaeffer nicht die vielen Probleme auf dem langen und beschwerlichen Weg hin zu gelungener Integration junger Flüchtlinge: „Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung mit schulischer Förderung kostet viel Geld“, sagt sie. Und: Nicht alle jungen Flüchtlinge schaffen es. Vor allem bei den oft von Kriegsgräueln traumatisierten bestehe die Gefahr, dass sie sich ohne Kontakt zur deutschen Gesellschaft in Parallelwelten abkapselten. Und bei den Illegalen, die sich gar nicht auf dem Radarschirm der Behörden befinden, besteht zusätzlich das Risiko, dass Schlepper mit ihnen europaweit Geld verdienen und sie zur Prostitution, Kriminalität oder in die Sklaverei zwingen.

Abschotten reicht nicht

Für eine erfolgreiche Integration braucht es in den Augen Schaeffers mehr als nur eine Begrenzung des Zuzugs: „Wenn wir bei der Abschottung stehen bleiben, schaffen wir uns Probleme, zum Beispiel die Radikalisierung.“ Für junge Flüchtlinge sieht sie besonders Schulen und Moscheen in der Pflicht: „Dort müssen wir aktiv Angebote machen und Bezugspunkte zu unserer Gesellschaft herstellen.“

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