Kinder-Euthanasie in Grafeneck Morde ohne Erinnerung

Von Brigitte Jähnigen 

Das Schloss Grafeneck bei Gomadingen Foto: dpa
Das Schloss Grafeneck bei GomadingenFoto: dpa

In seinem Buch „Behandlung empfohlen – NS-Medizinverbrechen an Kinder und Jugendlichen in Stuttgart“ geht der Mediziner Karl-Horst Marquart auf Spurensuche unter anderem in der Landeshauptstadt. Mehr als 5000 Kinder wurden in Hitler-Deutschland als „lebensunwerte Ballastexistenzen“ ermordet.

Stuttgart - Die kleine Gerda war noch keine vier, als sie ermordet wurde. Karin war ein Baby, als man ihr das Leben nahm. Klaus überlebte, weil er eine standhafte Mutter hatte. Lange wurde geleugnet, dass es während der Nazizeit in Stuttgart vollendete und ­geplante Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen gab.

Mit seinem Buch „Behandlung empfohlen“ legt Karl-Horst Marquart Beweise für das perfide Handeln von Ärzten und medizinischem Fachpersonal vor, die eindeutig dem hippokratischen Eid widersprachen und einzig der „Erb- und Rassenpflege im Dritten Reich“ folgten. Der früher im­ ­örtlichen Gesundheitsamt tätige Mediziner Marquart hat über das Schicksal von 74 ­Opfern in einschlägigen Archiven und bei ­Gesprächen mit Zeitzeugen akribisch Informationen zusammengetragen.

Nach Recherchen Karl-Horst Marquarts wurde das erste Kind der Stuttgarter „Fachabteilung“ am 11. Januar 1943 umgebracht. Es war acht Tage alt und hatte mehrere ­Missbildungen. Behindert geboren zu sein, dieses Schicksal teilten mit diesem Opfer Gerda Metzger, Karin Weininger und Klaus W. Gemäß der nationalsozialistischen Erb- und Rassenpflege stuften Ärzte diese ­Kinder als „lebensunwerte Balastexistenzen“ ein, die durch staatlich organisierte, aber geheim ablaufende Ermordungen (aktive Sterbe­hilfe war verboten) aus dem „Volkskörper“ entfernt werden sollten.

„Behandlung“ statt Tötung

In der verbalen Verständigung (der offizielle Begriff „Aktion“ aus dem Erlass des Reichsministeriums des Innern in Berlin wurde erst nach 1945 zum Terminus „Aktion T4“) sprach man nicht von „Tötung“,­ ­sondern von „Behandlung“.

„Mitwisser, Mittäter und Täter waren Hebammen, niedergelassene Ärzte, Klinikärzte, Anstaltsärzte, Amtsärzte und ­Medizinalbeamte“, sagt Marquart. Der ­Autor berichtet über Zwangssterilisierungen schwangerer Frauen, über Zwangs­abtreibungen, über Ermordungen von Zwangsarbeiterkindern, über die Ermordung behinderter Kinder wie Gerda ­Metzger.

Auf einem Foto sitzt das Mädchen aufrecht in einem Bettchen, das volle Haar ist mit einer Schleife verziert. Das Kind, ­berichtete später eine Zeitzeugin, sei „beim Spazierengehen immer auf den Zehen­spitzen gegangen“ – eine typische Folge von Sehnenverkürzungen bei frühkindlichen spastischen Lähmungen. Nach einer offensichtlich oberflächlichen Untersuchung durch einen Arzt in der Wohnung der ­Metzgers, bei der die Mutter nicht dabei sein durfte, nahm der Mann das Kind mit unbekanntem Ziel mit. Die Mutter fand ihre Tochter am nächsten Tag im Kinder­krankenhaus Am Weißenhof 20. Das Kind war apathisch und am folgenden Tag „an einer Kehlkopf-Diphterie“ (offizielle Todesursache) verstorben.

Die erste Mordfabrik Deutschlands

Kinder wie Gerda wurden in Stuttgart mit Luminal oder Morphium ermordet, in ­Grafeneck (Kreis Gomaringen), der ersten Mordfabrik Deutschlands im Rahmen der sogenannten „T4-Aktion“, durch Kohlenmonoxid erstickt. 2005 wurde in der Gedenkstätte Grafeneck ein Dokumentation­s­zentrum eingerichtet. Seitdem besuchen jährlich bis zu 20 000 Menschen den Ort.

Der Leser, der Marquarts Buch „Behandlung empfohlen“ liest, muss jedoch zum Schluss kommen, dass sich die offizielle Politik in der Landeshauptstadt Stuttgart mit dem Thema „Kinderfachabteilung“ und den dort verübten Morden an Minderjährigen bis heute schwertut. Zwar wurde am 13.­April 2013 ein „Stolperstein“ für das Kind Gerda Metzger vor dem Eingangsportal des ehemaligen Kinderkrankenhauses in der heutigen Türlenstraße 22 A vom Künstler Gunter Demnig (Initiative Stolperstein Stuttgart-Vaihingen und Initiative Stolperstein Stuttgart-Nord) verlegt. Doch die Stadt übe, so die Kritik eines Aktionsbündnisses zu Aufarbeitung und Gedenken an die NS-Opfer, „eine traurige Kontinuität des Leugnens und Verschweigens“.

Eine Mahntafel anbringen

Marquart nennt drei Stellen und namentlich auch „Ross und Reiter“, die an der ­Kinder-Euthanasie beteiligt waren: das städtische Gesundheitsamt, das würt­tembergische Innenministerium, die „Kinderfachabteilung“ im städtischen Kinderheim in der Türlenstraße 36. Sie war, so der Autor, eine von 30 „Fachabteilungen“ im Dritten Reich. In ihnen wurden aus Gründen der Rassenhygiene über 5000 Kinder ­ermordet.

Zur Stuttgarter Indizienlage äußerte sich am 7. Dezember vergangenen Jahres Udo Benzenhöfer vom Dr. Senckenbergischen Institut für Geschichte und Ethik der ­Medizin der Universität Frankfurt am Main. Benzenhöfer ist selbst Autor von Grund­lagenwerken wie „Kinderfachabteilungen“ und „NS-Kindereuthanasie“. In seiner ­Stellungnahme schreibt er: „In der Zusammenschau ergeben zahlreiche Einzel­in­dizien eine starke Indizienkette, die die ­Aussage zulässt, dass in Stuttgart in den Städtischen Kinderheimen im Zuge des ‚Reichsausschußverfahrens‘ eine soge­nannte ‚Kinderfachabteilung’ eingerichtet ­wurde. Die Anbringung einer Mahn- und Gedenktafel ist m. E. geboten“. Benzenhöfers Stellungnahme bleibt eine einzulösende Aufforderung.

Karl-Horst Marquart: „Behandlung ­empfohlen – NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart“, Verlag Peter Grohmann, ISBN 978-3-944137-33-9

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