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Karl-Schubert-Gemeinschaft Geben und Nehmen beim Sozialprojekt

Jens Noll, 30.11.2012 10:00 Uhr

Bonlanden - Michael Waldmann hat in der Metallwerkstatt der Karl-Schubert-Gemeinschaft (KSG) in Bonlanden neue Freunde gefunden. „Michael, Michael“, ruft es aus einer Ecke des Raums, als er die Behindertenwerkstatt betritt. Zwei Frauen kommen auf ihn zu und umarmen ihn. Für vier Tage war Waldmann, Auszubildender der Hirschmann Automation and Control GmbH, ihr Kollege.

Die sozialtherapeutische Einrichtung und die beiden Firmen Hirschmann Car Communication und Hirschmann Automation and Control aus Neckartenzlingen haben ein Pilotprojekt gestartet. „Wir wollen soziale Kompetenzen in unserer Ausbildung stärken“, erklärt Bernhard Wolf, Ausbilder bei Hirschmann Automation and Control, den Ansatz. „Wir haben festgestellt, dass verschiedene Kompetenzen aus dem Alltag verschwinden“, berichtet er und zählt Höflichkeit, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft sowie das Mitdenken für andere auf.

16 Azubis aus den beiden Technologieunternehmen, die aus der Firma Hirschmann hervorgegangen sind, haben im November jeweils für vier Tage in einer Werkstatt ihrer Wahl bei der Schubert-Gemeinschaft mit körperlich und geistig behinderten Menschen zusammengearbeitet. „Es war eine interessante und schöne Woche“, erzählt Michael Waldmann.

Beide Seiten lernen

Der Werkzeugmechaniker im dritten Lehrjahr hat in der Metallwerkstatt in gewisser Weise die Funktion eines Meisters übernommen. Er hat bei Problemen geholfen, hat die Vorrichtungen an den Maschinen eingestellt und sich an der Produktion der Türschlösser beteiligt. Durch den Kontakt mit den betreuten Mitarbeitern der KSG hat der 25-Jährige gelernt, wie man mit Menschen mit Behinderung umgehen kann und soll. „Bisher habe ich sofort geholfen. Jetzt weiß ich, dass man ihnen mehr zutrauen kann“, berichtet er.

Die betreuten Mitarbeiter wiederum haben von dem Azubi in handwerklicher Hinsicht etwas lernen können – und die Gruppenleiter waren froh um die Unterstützung von außerhalb. Wie die Kooperationspartner betonen, soll das Projekt auch ein Geben und Nehmen sein. „Wir sind alle irgendwie Lernende“, sagt Christof Mellinghaus, der Werkstattkoordinator bei der Schubert-Gemeinschaft.

„Durch Sozialpraktika entsteht ein Mehrwert in der Ausbildungslandschaft“, meint Mellinghaus. Die Hirschmann-Firmen sind nicht die ersten Unternehmen, die mit der KSG kooperieren. Geschäftsführer Wolfgang Woide erinnert sich an ein Projekt mit der Stuttgarter Straßenbahnen AG. „Das war sehr erfreulich“, sagt er. Auch über die Mitarbeit der Hirschmann-Azubis, die er als „junge Freunde“ bezeichnet, fällt Woides Fazit sehr positiv aus: „Das Echo im Haus ist überwältigend.“

Azubis wurden herzlich empfangen

Als Constantin Hau in die Industriemontage der KSG kam, war er erst sehr zurückhaltend, wie er zugibt. Zuvor hatte der 20-jährige Azubi nicht mit Behinderten zu tun. Das Sozialpraktikum hat ihm menschlich viel gebracht. „Man weiß, dass man mit den Menschen anders umgehen kann“, sagt er nach den vier Tagen. „Man muss nicht Mitleid haben“, ergänzt Waldmann.

Die angehende Industriekauffrau Marilena Franz hat sich über den herzlichen Empfang in der Behindertenwerkstatt gefreut. „Die Mitarbeiter nehmen einen gleich mit und reden mit einem“, sagt sie. Einen bleibenden Eindruck in der Weberei der KSG hat Hirschmann-Ausbilder Gerold Sawadski hinterlassen. Der Fachmann hat dort auch einige Tage gearbeitet, eine Maschine nachgestellt und Verbesserungsvorschläge eingebracht. Und als bei den großen Webstühlen neue Fäden aufgewickelt werden mussten, hat Sawadski kurzerhand die Hirschmann-Azubis zu Hilfe gerufen.

Aufgrund der positiven Erfahrungen sind die KSG und die Unternehmen an einer Fortsetzung der Kooperation interessiert. Das Sozialprojekt könnte künftig fester Bestandteil der gemeinsamen Ausbildung des Herstellers von Empfangs- und Sendesystemen und des Anbieters von Automatisierungs- und Netzwerktechnik werden. Vielleicht kommt auch bald eine Gruppe der KSG nach Neckartenzlingen. Die Absprachen laufen noch.

 
 
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