Kambodscha Siem Reap: Stadt der Götter

Helge Bendl aus Siem Reap, 25.12.2012 05:00 Uhr

Siem Reap - Sie lächelt verführerisch, ein knappes Stück Stoff bedeckt ihre schlanke Hüften. Darunter zeichnen sich schlanke Beine ab, und ihre vollen blanken Brüste ziehen alle Blicke an. Eine aufregende Gestalt - doch leider hat die Apsara-Tänzerin kaum etwas im Kopf. Und ist deswegen ein Fall für Restauratorin Emmeline Decker. Denn die Schöne ist aus Sandstein und bröckelt. Mitten im kambodschanischen Dschungel, in der Tempelanlage von Angkor, hat Emmeline Decker ihren Arbeitsplatz. Wer die 31-jährige Deutsche in Angkor Wat sucht, im größten Tempel der Welt, muss zuerst wie alle Besucher den Wassergraben überqueren, dann den langen Prozessionsweg nach Osten gehen, und schließlich Treppe um Treppe nach oben steigen bis ins zentrale Heiligtum, eine imposante Pyramide.

Dort, auf einem schwindelerregend hohen Gerüst im Herzen der Anlage, hört man es leise pochen. Dämonen und Affen, Sklaven und Könige und die zur Unterhaltung der Götter himmlisch tanzenden Apsaras, jene grazilen Nymphen von überirdischer Schönheit - die Restauratorin sitzt an einem Relief und prüft Zentimeter für Zentimeter alle Figuren. Es sind Tausende. Mehr als 600 Jahre lang, vom 9. bis ins 15. Jahrhundert, bauten 36 Könige der Khmer von Angkor aus an ihrem Imperium und schufen das mächtigste Reich Südostasiens. Nicht nur Kambodscha, sondern weite Teile von Thailand, Laos und Vietnam wurden von ihnen beherrscht. Und sie, die Gottkönige, bauten den Göttern eine eigene Stadt - eine Sinfonie in Stein mit Dutzenden Tempeln, Heiligtümern, Reliefs und Statuen. „Allein in Angkor Wat wurden mehr Steine verbaut als in der Cheopspyramide. Restauratoren haben hier wirklich genügend Arbeit“, sagt Emmeline Decker. Sie ist vor Ort in Angkor die Verantwortliche des German Apsara Conservation Project.

Innerhalb von ein paar Jahren wurde alles schwarz

Der Kölner Fachhochschulprofessor Hans Leisen hat das Projekt 1995 initiiert. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts und der Hilfe diverser Sponsoren werden die vom Verfall bedrohten Reliefs des Areals konserviert. Dass das deutsch-kambodschanische Team so viel Arbeit hat, liegt nicht nur am nagenden Zahn der Zeit, sondern auch an unklugen Restaurierungsmaßnahmen in der Vergangenheit. Erst kamen die Franzosen und rodeten in Angkor Wat viele Bäume, so dass inzwischen die Sonne ungeschützt auf den Stein brennt. Dann kamen die Inder - und leisteten ganze Arbeit. „Da wurden die Flechten mit Drahtbürsten abgekratzt, zack, zack“, sagt Emmeline Decker mit blitzenden Augen, und man versteht ihre ehrliche Empörung. Dann spritzten Arbeiter Ammoniak und spülten die Fassaden mit ungereinigtem Wasser ab - woraufhin plötzlich Algen und Bakterien auf dem Stein gediehen. Auf Postkarten sieht man Angkor Wat noch in Weiß erstrahlen, doch das ist seither vorbei: Innerhalb von ein paar Jahren wurde alles schwarz.

Emmeline Decker und ihre kambodschanischen Helfer arbeiten nun mit Gaze-Handschuhen und Zahnbürsten und manchmal auch nur mit feinen Pinseln, mit Glasfaser­dübeln und Kieselsäureestern. Sie injizieren Füllmassen in Hohlräume, die genau auf die Eigenschaften des Steins abgestimmt sind und mürbe Teile mit einem Spezialkleber verbinden. Sie testen, welche Chemie am besten gegen die Algen wirkt, und dokumentieren penibel, was sie tun. Das alles dauert. Die Macht der Natur, sich die Tempelstadt zurückzuerobern, hatte schon im 19. Jahrhundert europäische Abenteurer begeistert, die den Mekong hinauffuhren und bis nach Angkor vordrangen. „Die Realität übertrifft den schönsten Traum“, schwärmte 1866 der Expeditionszeichner Louis Delaporte in seinem Tagebuch. Vor allem der französische Naturkundler und „Entdecker“ Angkors, Henri Mouhot, ließ seine Landsleute von dem mystischen und scheinbar unerreich­baren Ort im Urwald träumen, wo Tiger zwischen den Ruinen umherstreiften: „Angkor ist gewaltiger als alles, was uns Griechen oder Römer hinterlassen haben.“ Knapp 150 Jahre später wird die Tempelanlage von Touristen überrannt.

„Wir schicken unsere Gäste schon früh am Morgen in die Tempel“

1,6 Millionen Ausländer waren es im vergangenen Jahr, und noch einmal so viele Einheimische. Besonders populär sind die Heiligtümer für asiatische Besucher, die in Gruppen anreisen. „Die ziehen hier durch wie eine Dampfwalze“, sagt Emmeline Decker und muss sich sehr zusammennehmen, um nicht aufzuspringen, als sich ein Hochzeitspaar für Fotoaufnahmen an die gedrechselten Säulen der Umfassungsmauer lehnt. Doch viele europä­ische Besucher machen es nicht besser: Rucksäcke schrammen an fein ziselierten Gesichtern vorbei, die Brüste der tanzenden Göttinnen werden betatscht, Namen in den weichen Stein eingeritzt. Die Aufseher trauen sich nicht einzugreifen. „Vor 20 Jahren gab es in Angkor mehr Schlangen als Menschen. Doch jetzt ist es eine Herausforderung, Gästen ein exklusives Erlebnis zu bieten“, sagt Choup Lorn, der im Auftrag der Agentur Diethelm Travel deutsche Besucher in Angkor betreut. Seine Lösung: „Wir schicken unsere Gäste schon früh am Morgen in die Tempel.“ Dass die Tempel durch den Besucher­andrang leiden, weiß auch die Unesco - nur will man der kambodschanischen Regierung nicht öffentlich auf die Füße treten. Nächsten Sommer kommt die Welterbekommission zu ihrer Jahreskonferenz zusammen - ausgerechnet in Kambodscha. Dann soll das Konzept für ein Besuchermanagement präsentiert werden. Ob es dazu kommt, ist indes unklar.

In ihrem Entwurf geben die austra­lischen Berater keine konkrete Antworten auf die wichtigsten Fragen: Wie soll der Besucherstrom gelenkt werden? Und wie kontrolliert man das Wachstum der nahen Stadt Siem Reap, wo das Wasser für die Einheimischen schon jetzt rationiert ist, weil die Hotels so viel für Duschen und Pools brauchen? Genießen kann man das himmlische Erbe der Khmer-Könige trotzdem. Morgens um fünf huscht nur ein einsamer Mönch durch die Trümmerlandschaft aus verfallenen Gebäuden und mächtigen Würgefeigen. „Der Rest der Welt entdeckt die Mystik von Angkor gerade aufs Neue“, sagt Ros Borath, bei der staatlichen Denkmalschutzbehörde zuständig für die Erhaltung der Monumente von Angkor. „Doch für uns Kambodschaner ist Angkor die Seele des Landes - wir haben die Tempel nie vergessen.“

 
 
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