Kärtchenhändler getestet „Ich bin an Ihrem Wagen interessiert“

Von Stefanie Köhler 

„Ich zahle 100 Euro mehr als alle anderen Anbieter“, verspricht der Autohändler auf diesem grünen Visitenkärtchen. Das stimmt oft nicht. Foto: StN
„Ich zahle 100 Euro mehr als alle anderen Anbieter“, verspricht der Autohändler auf diesem grünen Visitenkärtchen. Das stimmt oft nicht.Foto: StN

Sie versprechen an Windschutzscheiben das schnelle Geld für Fahrzeuge aller Art: die Visitenkarten von Autohändlern. Dieses Geschäft ist nicht grundsätzlich unseriös. Die Händler sind jedoch Profis und drücken die Preise gewaltig. Wir haben drei "Kärtchenhändlern" am Telefon Autos zum Verkauf angeboten.

Sie versprechen das schnelle Geld selbst für Fahrzeuge mit Motorschäden und hängen ständig an Windschutzscheiben: die Visitenkarten von Autohändlern. Das Geschäft mit ihnen ist nicht grundsätzlich unseriös. Die Händler sind jedoch Profis und drücken die Preise gewaltig. Wir haben drei sogenannten Kärtchenhändlern am Telefon Autos zum Verkauf angeboten.

Stuttgart - Abdul nennt sich der Mann, dem wir am Telefon einen dunkelblauen fünf Jahre alten Golf 2.0 TDI anbieten. Welche Preisvorstellung der Verkäufer habe, fragt Abdul. Als er 8000 Euro hört, bleibt ihm der Atem weg. Auf einen Preis will er sich plötzlich nicht mehr festlegen. Ja, doch, mehr als 5000 Euro werde er schon zahlen – nachdem er sich das Auto angeschaut habe. „Schicken Sie mir doch per Mobiltelefon ein Bild. Ich habe auch bald Urlaub, dann können wir uns in Stuttgart treffen“, sagt er.

Abdul gehört zu den unzähligen Autohändlern in Stuttgart, die ihre Visitenkarten an Windschutzscheiben oder Außenspiegeln hinterlassen. Genaue Zahlen über die sogenannten Kärtchenhändler werden nicht erfasst. Es gibt sie in ganz Deutschland. Jeder konzentriert sich aber meist auf eine Region.

Liegt es an der Marke, dass Abdul zögert? Am Alter des Autos? Anruf bei einem zweiten Händler. Er bekommt einen drei Jahre alten makellosen Ford Ka angeboten. Und er gibt sich ebenfalls gelassen. Auch wenn er sich am liebsten noch am selben Tag mit uns getroffen hätte, um den Kaufvertrag zu unterzeichnen und das Geld bar zu übergeben. Der Anbieter könne natürlich darüber nachdenken, ob er sein Fahrzeug für 6000 Euro verkaufen will. Wer das Auto abmeldet, ist dem Händler egal. Und gut, dass der Ka blau ist, „bei Gelb gäbe es 1000 Euro weniger“. Was er mit dem Ka anstellt? Der Händler hält sich bedeckt. Weiterverkaufen. Dann klingt er patzig. „Sammeln tu’ ich die Autos nicht.“

Wie begehrt ist eigentlich ein altes Auto? Anruf Nummer drei. Dieser Händler wird sauer, weil er nicht sofort den Fiat Punto, elf Jahre alt, anschauen darf. 600 Euro verlangt der Verkäufer. In der Hoffnung auf das Auto akzeptiert der Mann erst einmal jeden Preis. Er versucht uns die Adresse zu entlocken, drängt erneut auf ein Treffen.

„Die laufen um das Auto herum und finden Mängel, um den Preis zu mindern“

Die Kärtchenhändler sind nicht grundsätzlich unseriös oder gar illegal, sagt Silvia Schattenkirchner, Juristin beim Automobilclub ADAC. Lediglich ihre Art, auf der Straße zu werben, stelle eine Ordnungswidrigkeit dar. Weil die Händler bloß Handynummern angeben und anonym bleiben, sei es aber so gut wie unmöglich, sie für die „unerlaubte Sondernutzung der Straße“ zu belangen.

Auch der ADAC hat Kärtchenhändler getestet. Fazit: Wer sein Auto, das im besten Fall alt ist, schnell und unkompliziert loswerden will, kann es schon an einen solchen Händler verkaufen, sagt Schattenkirchner. Denn lange fackeln will der nicht. „Er will das Auto sofort begutachten und mitnehmen. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass er die Preise extrem drückt.“ Die Juristin bezeichnet die Händler als gnadenlose Profis, die sich mit Marken und Modellen sehr gut auskennen. „Die laufen um das Auto herum und finden Mängel, um den Preis zu mindern.“ Zwei der drei Händler in Stuttgart würden nur die Hälfte dessen bezahlen, was das angebotene Auto tatsächlich wert ist.

Der Jurist Erich Nolte von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg warnt vor überstürzten Geschäftsabschlüssen. „Alles, was schnell geht, ist sicher unseriös. Man sollte in so einem Fall wirklich aufmerksam sein.“ Eine alte Rostlaube könne man durchaus auf dem Weg loswerden. „Wer auf sein Geld achtet, sollte sein Auto andersweitig verkaufen“, rät Nolte.

Alte Autos verschmähen die Deutschen

Die Händler schlachten die Gebrauchtwagen aus oder reparieren sie bei Bedarf und verkaufen sie weiter – oft ins Ausland, sagt ADAC-Juristin Schattenkirchner. Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als drei Millionen Pkw für immer stillgelegt. Laut dem Umweltbundesamt werden aber nur 500 000 Altautos verschrottet. Knapp eine Million Autos geht in EU-Staaten, vor allem nach Polen, rund 400 000 in Nicht-EU-Staaten, häufig nach Westafrika.Was mit dem Rest passiert, will die Behörde nun in einer Studie herausfinden. Thomas Seemann vom Hauptzollamt Stuttgart sagt, dass täglich bis zu zehn Gebrauchtwagen von Aufkäufern in Nicht-EU-Staaten exportiert werden. „Überwiegend nach Ex-Jugoslawien oder Albanien.“ Exporte innerhalb der EU erfasst das Zollamt nicht.

Alte Autos verschmähen die Deutschen. Laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) liegt das Durchschnittsalter von Pkw bei 8,7 Jahren. Alte Autos scheitern zum Beispiel an der Hauptuntersuchung, oder die Besitzer wollen kein Geld mehr in Reparaturen stecken. „In anderen Ländern, speziell außerhalb der EU, sind die technischen und umweltrelevanten Anforderungen nicht so hoch wie in Deutschland“, sagt Wolfgang Sigloch von der Prüfgesellschaft Dekra. Gerade wegen der Hauptuntersuchung alle zwei Jahre kümmerten sich Halter hierzulande um ihre Autos. Mängel wie abgefahrene Bremsbeläge oder durchgerostete Teile würden dagegen im Ausland hingenommen.

Entspannter und zu relativ fairen Preisen können Halter Autos bei Autobörsen wie Mobile.de oder Autoscout24.de loswerden. „Im Netz kann man sich zudem eine Vorstellung davon holen, welchen Preis man für sein Auto erzielen kann“, sagt Vincenzo Lucà vom Tüv Süd. Der Preis liege umso höher, je mehr Zeit ein Verkäufer hat und je gefragter ein Auto oder eine Marke gerade sei. ADAC-Juristin Schattenkirchner empfiehlt Online-Autobörsen ebenfalls. Aber: „Natürlich wollen die Käufer auch dort den Preis drücken. Und man muss sich unter Umständen mit mehreren Interessenten treffen.“

Autohäuser sind nur bedingt eine Alternative. Sie nehmen Autos nur dann etwa in Zahlung, wenn man sich dort ein neues kauft, sagt Lucà vom Tüv Süd. Nicht älter als acht Jahre und gut in Schuss sollte der Wagen obendrein sein. Ob der Verkäufer viel Geld rausschlagen kann, ist aber fraglich: „Autohäuser halten den Kaufpreis möglichst niedrig“, sagt Lucà.

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