Kabarettpreis des Stuttgarter Renitenztheaters Prolltürkin in Jogginghose

Von Cornelius Oettle 

Die Gewinnerin des Stuttgarter Besens: Idil Baydar Foto: Renitenz
Die Gewinnerin des Stuttgarter Besens: Idil Baydar Foto: Renitenz

Jährlich verleiht die Stadt Stuttgart im Rahmen des Kabarettfestivals den Stuttgarter Besen. Es gab eine kleine Sensation im Renitenztheater: Die Wahlkreuzbergerin Idil Baydar hat gewonnen – und wirkte selbst irritiert.

Stuttgart - Was man in der Fernsehaufzeichnung des SWR später garantiert nicht zu sehen ­bekommen wird, sind die zahlreichen Versuche, die es braucht, bis Moderator, Kameramann und Regieleiter eine harmonische An-, Ab- und Zwischenmoderation im Kasten haben. Exklusivinfo also für unsere Leser: Während die Jury des Kabarettpreises sich zurückgezogen hatte, nahm der Mann von der „Spätschicht“, Florian Schröder, mehrfach Anlauf auf die Linse.

Die Reihen im Renitenztheater mussten jedes Mal Beifall spenden. An den damit einhergehenden Strapazen für die Handflächen des Publikums lag es allerdings nicht, dass beim Verleih des Goldenen Besens nicht ­gerade inbrünstiger Applaus aus dem Zuschauerraum kam.

Der Stuttgarter Besen ist der Kern des hiesigen Kabarettfestivals. Jährlich stiftet die Stadt insgesamt 8200 Euro Preisgeld. Neben schnödem Mammon gibt’s auch was für die Vitrine: den Publikumspreis, den Hölzernen, den Silbernen und eben den Goldenen ­Besen. Acht Nominierte hatten sich unter mehr als hundert Bewerbern durchgesetzt und amüsierten um die Wette. Die Vielfältigkeit dieses Oktetts verschaffte den Gästen einen durchweg kurzweiligen, insgesamt vierstündigen Abend.

Kabarettpuristen mit Faible für feingeschliffene Aperçus und durchtriebene Sottisen ließ folgende Entscheidung die Kinnlade kippen: Idil Baydars Kunstfigur Jilet Ayse, eine radebrechende Prolltürkin in Jogginghose, überzeugte die Jury. Im Kontrast dazu bekam das Anzugträgerduo „Onkel Fisch“, bestehend aus Adrian Engels und Markus Riedinger, den per Applausometer bestimmten Publikumspreis. Die beiden Herren nutzten ihre Auftrittszeit zur gelungenen Lobbyismuskritik: Wen vertreten diese Volksvertreter eigentlich? 80 Prozent der Deutschen seien gegen Rüstungsexporte, doch ihre Nation ist der drittgrößte Waffenexporteur. Und damit Kriegsprofiteur.

Wie kommt’s, dass Jury und Publikum die zumindest optisch extrem divergierenden Künstler kürten? Ganz einfach: Die Wahlen fielen auf die politlastigsten Darbietungen. Gut so, es ist ein Kabarettpreis! Dennoch dürfte Jilet Ayses Triumph auch mit einigem Kopfschütteln quittiert werden.

Es stimmt: die Frau schreckt ab, aber nicht nur sprachästhetisch. Jilet Ayse – über Kunstfiguren darf man ja lästern – wabbelt über die Bühne, brüllt wutentbrannt „Wallah!­“­ und droht Zuschauern Schläge an. Diese erfundene Frau will man höchstens aus sicherer Distanz an der Bushaltestelle beobachten, keinesfalls jedoch im Bekanntenkreis haben. Schon deshalb riss sie bei der Preisübergabe fassungslos die Augen auf. Mit Unverständnis für die Entscheidung rechnete wohl auch der Jurypräsident Thomas Freitag, der die Wahl vorauseilend rechtfertigte: Es ginge eben auch um „Zeitnähe­“­.

Doch der kruden Erscheinung und der grenzwertigen Diktion zum Trotz, nimmt sich Idil Baydars Alter Ego den großen politischen Fragen der Gegenwart an. Oder stellt sie zumindest: „Wer hat AfD gewählt?“ Keine Meldungen aus dem Publikum, was als gutes Zeichen zu werten ist: Noch ist es den Unterstützern der Rechtsausleger peinlich. Wobei natürlich auch denkbar ist, dass der per se intelligente, gebildete und einfach rundum attraktive Kabarettbesucher sich von derlei Populismus fernhält. Jilet Ayse versteht das ohnehin nicht: „Warum wählt ein Schaf einen Wolf? Nur um den Hirten zu ärgern?“ Zudem beschreibt sie Fälle gescheiterter Integration: „Wenn Ausländer Steuern zahlen, wovon ein NSU-Staat aufgebaut wird, der sie umbringt.“

Weniger kontrovers, doch auch sehr unterhaltsam: Ingmar Stadelmann, der sich den Silbernen Besen holte unter anderem mit dem Einfall, islamistische Terroristen nicht mit Bomben, sondern mit Schweineschnitzeln und Schwulenpornos zu bewerfen. Der grandios absurd-komische Friedemann Weise indes griff den Holzbesen ab. Sein Habitus: irgendwo zwischen todmüde, zugekifft und angesoffen. Dass er den Preis verdient hatte, rechtfertigte er spätestens mit seiner Antwort auf die Frage, weshalb es Facebook-Blogger wie ihn überhaupt gebe: „Das ist so wie früher die Hitlerjugend. Da muss man einfach dabei sein.“

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