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Joe Bauer in der Stadt Stuttgarts "Digital-Chaoten"

Joe Bauer, vom 23.07.2010 14:05 Uhr
Suite Foto: Piechowski
Suite Foto: Piechowski

Die folgenden Zeilen waren zunächst nur als Notiz für meine private Homepage geplant. Dann dachte ich mir, die Zeitungsleser sollten ruhig mal wissen, was die Leute im Internet so treiben. Am Mittwoch war ich als Dienstältester bei Stuttgarts "Digital-Chaoten" (Selbsteinschätzung) in der Suite, Theodor-Heuss-Straße.

Der Laden, auch historisch die erste Adresse auf der liebsten Partymeile des steil frisierten Kreisstadt-Motoristen, ist eine Art Kindertagesstätte mit nächtlichem Auffanglager für allein erzogene Eltern. Vor dem Laden fragt mich der Türsteher: Bist du der Opa von Annette und suchst deren Enkelin Lena? Verpiss dich, sage ich, Opa haut heute solo auf die Kacke. So habe ich das nicht gesagt. Es gibt nämlich gar keinen Türsteher. Ist ja nicht Wochenende.

Früher, als alles besser war, waren die Kneipen in der Stadt nicht nur am Wochenende, sondern jede Nacht bis zum Anschlag voll. Jedenfalls die eine, die geöffnet hatte.

Im ersten Stock des Clubs ist Hochbetrieb, das Stuttgart-Blog Kessel.TV feiert mit der Lesung eigener Produkte sein zweijähriges Bestehen. Die Menschen, die vorlesen (in der Mehrheit Männer, soweit ich das beurteilen kann), sind Verdienstordensbrüder des nicht kommerziellen Blogger-Betriebs, im Hauptberuf DJ wie der Kessel-TV-Gründer Martin Elber als RAM, Stadtmagazin-Redakteur wie Ingmar Volkmann (lift), Michael Setzer (Prinz) oder Freiberufler wie Thorsten Weh (er schreibt auch für diese Zeitung).

Auch eine Dame, Jana Ullsperger, geht an den Lesetisch und trägt, frauenuntypisch, einen Text über Schuhe vor. Es geht um Ugg Boots, das hässlichste Schuhwerk seit der Erfindung des gelben Stiefels für Kickers-Spieler. Die Thematik trifft mich hart, ich bin Stiefelmann und weiß: Besagte Lammfelldinger hätte nicht mal Charlie Chaplin im "Goldrausch" gefressen.

Der Trick des Blog-Erfolgs funktioniert ähnlich wie in der unteren Comedy-Etage: Die Texte vermitteln dem Bildschirm-Leser das Gefühl, er könnte das auch selbst, würde er sich nur trauen. Es sind meist unpolitische Stoffe, es geht um Clubs, um Partys, man könnte sagen: um gesellschaftliche Peinlichkeiten.

Die Blog-Kunden, etwa 2000 am Tag, versorgen die Redaktion mit Kommentaren zu den Texten der unbezahlten Chefautoren (die inhaltlich und stilistisch nicht unbedingt um jede Silbe ringen). Verblüffend ist die minimalistische Konsequenz. Ein guter Kommentator reduziert sein anfänglich noch ausschweifendes "Echt saucool geschrieben" nach und nach auf ein professionelles "Yeah!". Wenn nur noch das Ausrufezeichen zu sehen oder Spuren der Leertaste zu erahnen sind, steht er vor dem Blogger-Nobelpreis. Auffallend oft fiel am Abend das Wort "blöd", womöglich als Sommerversion von "Scheiße" oder aus Rücksicht auf die Kinder.

Sympathisch sind die Netzwerker allemal, weil sie bei Veranstaltungen wie der Suite-Lesung das wichtigste Gesetz des hoffnungsvollen Lebenskünstlers beachten: Sie trotzen für zwei Stunden der eigenen Online-Sucht, sofern man das vereinzelte Handy-Gefummel in der Menge als Notfall wertet. Dass ein DJ, er nennt sich sozialbewusst "Der Nachbar", in der Ecke arbeitet, muss ich nicht extra erwähnen. Das ist Pflicht im Milieu (und gut fürs Vinyl). Außerdem raucht man im Publikum noch ungestört. Das letzte sichtbare Zeichen subversiver Energie.

In Erinnerung bleibt mir von der SuiteLesung ein Stuttgart-21-Gegner: Der nicht nur haarausfallmäßig Zweitdienstälteste des Abends appellierte ungefragt an die guten Herzen im ersten Stock, man möge gegen die Tieferlegung des Bahnhofs demonstrieren. Er ging nach Hause mit der Auskunft, man werde das tun, sobald man Zeit finde. Das ist mein Stichwort: Schluss mit dem Hobby-Geklimper, ich muss zur Arbeit an den richtigen Computer. Für das Netz-Geschreibsel gibt es keine Kohle.

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