Ich hatte die Sache verdrängt, bis ich mich bei diesem Versprecher ertappte. Es war auf dem Weg ins Café Stella, Hauptstätter Straße, wo George der Grieche Geburtstag und das Leben feierte. Weil der Taxifahrer aber weder George den Griechen noch das Café Stella kannte, sagte ich: Fahren Sie zum Hotel Fink, das ist in der Nähe.
Es gibt kein Hotel Fink. Das Hotel heißt Find, und als mir das einfiel, kam mir der verdammte Fink in den Sinn. So hieß vor Jahren mein nichtsnutziger Laptop, mein erster Klapprechner, ein Japaner. Ich erinnerte mich, wie ich mit diesem Kerl einmal auf der Kickers-Tribüne saß, als man an einem saukalten Abend das Flutlicht einweihte. Fink bockte und stürzte ab. Ein guter Kickers-Mann sitzt nicht. George der Grieche stand wie immer im B-Block.
Wie es Fink gehe, wollte sie wissen
Wie es der Teufel will, und er will oft etwas von mir, ging ich einige Tage nach der Geburtstagsparty zum Bäcker Bosch an der Schwabstraße. Der Laden feiert zurzeit seinen 100. Geburtstag, und obwohl Bosch der Bäcker doppelt so alt ist wie George der Grieche, erinnerte sich eine Damen am Tresen an meinen Klapprechner. Wie es Fink gehe, wollte sie wissen. Weil ich diese Frage zuletzt zu oft und nicht nur beim Bäcker gehört hatte, reagierte ich über die Maßen unwirsch. Der verfluchte Fink ist tot, sagte ich, ich habe ihn vor Jahren umgelegt und verschrottet.
Fink war mein Straßenpartner gewesen, Begleiter beim Herumgehen, meine einzige Möglichkeit, Dialoge über das Leben zu führen. Gut, ich hätte auch mit einem Kastanienbaum am Karlsplatz reden können, mit einem Flutlichtmasten auf der Waldau, mit einem Mülleimer an der Novalisstaffel. Aber dann wäre ich nie beim Geburtstagsfest von George dem Griechen gelandet. Man hätte mich viel früher in eine Gummizelle im Bürgerhospital gesperrt.
2002 hatte mir die Zeitung einen Laptop als Leihgabe überlassen, es war mein erster mobiler Computer. Postwendend setzte ich mich in den nächsten Zug nach Berlin, um zu testen, ob man unterwegs mit diesem Ding tatsächlich etwas schreiben könne.
Ihre Lieder sollten mich später in vielen Nächten trösten
Allerdings traute ich mich erst auf der Rückfahrt, die Kiste auszupacken. Das war im ICE 599 Leo von Klenze nach Stuttgart. Zuvor hatte ich in einem Magazin einen Artikel über eine deutsche Band gelesen, Country-Musiker, die ich tags zuvor zufällig gesehen und die mir gefallen hatte.
Diese Band hieß Fink. Ihre Lieder sollten mich später in vielen Nächten trösten, vor allem wenn sie "Oklahoma" spielte: "Der Wind in Oklahoma ist der Gleiche / Wie hier, nur er gehört nach Oklahoma / In Oklahoma trägt der Wind die Schwalben / Genau so sicher wie hier."
Bevor mich der Wind von Oklahoma streifte, hatte ich auf der Zugfahrt meinen Laptop Fink getauft. Wenn Eisenbahnräder rollen, fallen einem Countrysongs ein, die Geschichte, wie Jerry Lee Lewis von Johnny Cash wissen will, wieso er dauernd über Züge singe. Ob er nicht mitbekommen habe, dass es Flugzeuge gebe.
Mir aber ging es nicht allein darum, meinen Laptop beim Namen zu rufen. Ich tat es in der niederträchtigen Absicht, mir einen Prügelknaben heranzuziehen. Ihn mit meinen Stiefeln zu treten, mit ihm nur zu reden, um ihn zur Sau zu machen. Das ging einige Jahre so. Eines Tages hatte ich Fink genug gequält, er war so gut wie hinüber.
Ich gab ihn bei einer älteren Dame in Pflege, aber die Affäre war damit nicht beendet. Die Leserschaft protestierte. Herr Vollmer aus Hemmingen schrieb seinerzeit: "Gesetzt den Fall, ich wäre Finken / Sie würden mir unendlich stinken / Ja, Sie hören recht, Joe Bauer / Auf Sie wäre ich nur sauer / Erst Lap und top / Dann ex und hopp / Das ist halt so bei jedem Strolch / Erst die Umarmung, dann der Dolch!"
Die Geburtstage von George dem Griechen und Bosch dem Bäcker sind schuld, wenn ich mir wieder einen Fink zulege, obwohl die gleichnamige Country-Band inzwischen gestorben ist. Es gibt genug Gründe, mit einem Prügelknaben auf Tour zu gehen. Demnächst mehr darüber.
Joe Bauer liest an diesem Sonntag bei einer Flaneursalon-Matinee im Vaihinger Maulwurf. Musik machen Zam Helga, Anja Binder & Jens-Peter Abele. 11 Uhr. Reservierungen: 07 11 / 6 73 24 06