Mit meinem kleinen Computer (den ich früher Fink jr. nannte) bin ich diesmal in einer Ecke der Stadt gelandet, die man sich als Friedhof wünscht. Es wäre mir eine Ehre, eines Tages an diesem Ort tot überm Zaun zu hängen - falls die Gegend nicht vor mir eingeht. In der Nordbahnhofstraße 109 sitze ich, unter einem Sonnenschirm im Wirtshaus Nordeck. Ich plaudere mit der Bedienung, frage nach der Gastro-Nationalität. Gemischt, sagt sie und lacht. Ich schätze, wir einigen uns auf teilbulgarisch.
Gegenüber die Backsteinhäuser, Denkmale der Industrialisierung. Portugiesische Flaggen. Deutsche wohnen hier nicht viele. Das Viertel ist als Eisenbahndörfle bekannt, und bis heute ist es die Eisenbahn, die den Menschen zu schaffen macht. Wenn auch nicht vornehmlich an der Hauptader, wo das Nordeck und die anderen Kneipen sind und die Stadtbahnlinie 15 nach Zuffenhausen und zum Hauptbahnhof fährt.
Ich bin vom Äußeren Nordbahnhof gekommen, von den Eisenbahnbrücken. Es war heiß, und zwischen Gestrüpp, Gleisen und Schrott hatte ich mich verlaufen. Zum Glück bin ich im Revier von Bodo gelandet. Zwei französische Bulldoggen nahmen mich in Empfang, eine heißt Merlin, wie der Zauberer, das ist "der Liebe", sagt Bodo. Die Böse heißt Tyson, wie der Boxer. Bodo, 47, ist mit seiner Frau Diana seit viereinhalb Jahren im Norden, 1600 Quadratmeter hat er von der Bahn gemietet, er restauriert Oldtimer. Pimp me up. Im Schuppen stehen ein amerikanischer Buggy, knallrot, Baujahr 1970, ein 72er-BMW 2002 TII mit Rennmotor und eine 32 Jahre alte Harley-Davidson Sportster.
Bodo ist das, was man einen Schrauber nennt, einen Tüftler. Ein Mitarbeiter der Bahn sitzt am Morgen mit am Tisch vor der Werkstatt, man unterhält sich bei Kaffee. Keiner weiß, wie lange Bodo in seiner Ecke noch bleiben kann. Jeder, den man fragt, erzählt etwas anderes, sagt Bodo und schenkt mir Kaffee ein.
Ich glaube, es gibt in diesen Tagen keine gastfreundlichere Gegend als den Nordbahnhof. Jeder rätselt, wie Stuttgart 21 vorangetrieben wird. Wen die Bauarbeiten vertreiben werden, und vor allem wann. Der Mann von der Bahn sagt nichts. Er hat gerade ein anderes Problem. In der Nähe ist ein Wasserrohr geplatzt, und ausgerechnet den Landschaftsgärtner Jakob hat es erwischt. Die benachbarte Recyclingfirma, der Schrott-Karle, hat sofort mit einem Schlauch geholfen.
Es ist eine Wunderwelt am Nordbahnhof, wo sich am Rande des Wohn- und Arbeitsviertels Freaks, Künstler und andere Akrobaten des Lebens in ausrangierten Eisenbahnwaggons eingenistet haben. Neue Schienen für Stuttgart 21 werden bereits verlegt, Betonschwellen hängen am Bagger, Monstermaschinen sind angerückt und machen Krach. Die Waggon-Indianer wissen, ihre Tage sind gezählt. Im September ist vermutlich Schluss. Vermutlich! Überall und immer heißt es: Vermutlich!
Zwei Stunden bin ich durchs Gelände gestreift, ehe ich zum Tippen im Garten vor dem Nordeck sitze. Was ist das für eine abenteuerliche, urbane, geschichtsträchtige Gegend, dieser Nordbahnhof. Auf der Straße habe ich vorhin Vera, eine Studentin, angesprochen. Eine Woche erst wohnt sie am Nordbahnhof. Wie im Urlaub fühlt sie sich, hat sie gesagt, raus aus der Stadt und doch so nahe dran.
Warum überlässt man dieses großartige Quartier Vermutungen? Es ist eine Schande, den Leuten nicht reinen Wein einzuschenken. Sie nicht an den Planungen zu beteiligen. Sicher ist nur: Das Entrée des Nordbahnhofs wird bleiben, der Pragfriedhof. Und sicher ist: Wir werden uns wiedersehen. Vorher aber rufe ich: Tyson, fass!