Jazzsaxofonist Kuhn So klingen New Yorker Nächte

Thomas Staiber, 30.01.2013 13:07 Uhr
Beinahe wäre er Lehrer geworden, doch die Leidenschaft zur Musik war stärker. Heute stellt der 1981 geborene Stuttgarter Musiker Alexander „Sandi“ Kuhn im Jazzclub Bix sein aktuelles Album „The Ambiguity Of Light“ vor.

Stuttgart - Ein großer junger Mann mit Strickmütze, Hornbrille und Vollbart kommt herein. Sein Blick: selbstbewusst und freundlich. Alexander Kuhn, den Freunde und Fans Sandi rufen, ist einer, der offen ist für Neues, einer, der staunen kann. Sein Selbstbewusstsein schöpft der Tenorsaxofonist und ehemalige Handballer aus seiner großen Begabung und der Konsequenz seines Handelns. Kuhn ist ein Künstler, der seinen Weg gefunden hat. Seine Kunst, in der musikalische Kompetenz, virtuose Technik und improvisatorische Spontaneität einander bedingen, ist der moderne Jazz.

Schon als Bub an einem Göppinger Gymnasium wollte er unbedingt in einer Big Band spielen. Der klassische Klavierunterricht langweilte ihn, er erlebte in der Stuttgarter Liederhalle ein tolles Jazzkonzert mit Dave Sanborn und Marcus Miller, und seine ­Eltern schenkten ihm ein Saxofon. Schnell fiel auf, welch großes Talent der kleine Sandi mitbrachte. Klavier spielte er ab jetzt mehr als je zuvor, aber keine Etüden von Clementi oder Kuhlau; der Junge begann zu improvisieren und zu komponieren.

Bis heute entstehen alle seine Kompositionen am Klavier. Nach dem Abitur, das er glänzend bestand, studierte Kuhn Anglistik und Politik an der Universität Tübingen, machte das erste Staatsexamen und wurde Referendar an einem Reutlinger Gymnasium. Er glaubte, Musik nebenher als Hobby betreiben zu können.

Ein Stipendium hatte ihm noch während des Lehramtsstudiums einen einjährigen USA-Aufenthalt ermöglicht: Kuhn studierte nach bestandener Aufnahmeprüfung am renommierten Berklee College of Music in Boston sein Instrument, das Saxofon. Einer seiner Lehrer war der bekannte Jazzmusiker Joe Lovano, der ihn mit seiner besonderen Art zu phrasieren und einem unverwechselbaren Sound nachhaltig beeinflusste.

„Hier gibt es zehn tolle Saxofonisten, in New York tausend“

Je näher die Verbeamtung rückte, umso mehr wurde Kuhn klar, dass er nicht Lehrer, sondern Berufsmusiker werden wollte. Kurzerhand brach er das Referendariat ab und studierte als 27-Jähriger bei Professor Bernd Konrad an der Stuttgarter Musikhochschule. „Dem verdanke ich sehr viel“, sagt Kuhn im Rückblick. Schon nach vier Semestern hatte er seinen Bachelor, ging ­zurück nach Amerika und machte – mit einem Stipendium des DAAD in der Tasche – am Queens College in New York den Master.

Sandi Kuhn hat nach zwei erfolgreich ­absolvierten Studiengängen seinen Weg ­gefunden.Wenn man ihn heute fragt, wer seine Vorbilder sind, verweist er auf Größen wie John Coltrane, dessen bedingungslose Hingabe und Offenheit für Neues ihn fasziniert, auf „das tolle Motivspiel“ von Joshua Redman, auf die klaren, entschiedenen Chorusse von Michael Brecker und auf das Jazzgenie Chris Potter. Der Schwabe Kuhn hat sich nach Amerika für Stuttgart entschieden. „Hier gibt es zehn tolle Saxofonisten, in New York tausend“, sagt er und lacht. „Man muss ja von etwas leben können!“

In Stuttgart lebt Kuhn mit seiner Freundin Julia Ehninger, einer Jazzsängerin, hier unterrichtet er an der Musikhochschule, jammt in der Kiste, von hier organisiert er seine musikalische Karriere. In der Stuttgarter Jazzszene gilt Kuhn als einer der ­allerbesten Musiker, als heißer Anwärter auf den Landesjazzpreis, als sympathischer und bescheidener, aber selbstbewusster Kollege und als ein ausgesprochen starker Komponist. Soeben ist sein neues Album„The Ambiguity Of Light“ erschienen.

„Light“ hat eine doppelte Bedeutung: „Licht“ und „leicht“. Mit großer Leichtigkeit und schön ausbalanciert geht das Jazzquintett zu Werk, melodiös sind die Stücke, federleicht und glühend die Improvisationen, besonders jene des Holzbläsers Kuhn. Die ziemlich ausgeschlafenen Kompositionen entstanden in New Yorker Nächten, in denen der arme Sandi wegen blinkender Leuchtreklamen und flackernder Neonlichter nicht schlafen konnte. Zum Glück, möchte man sagen, wenn man „The Ambiguity Of Light“ anhört.

www.alexanderkuhn.com
 
 
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