Jazz-Szene Jazz in Stuttgart fehlen die Bühnen

Von Bernd Haasis 

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Die lebendige Stuttgarter Jazz-Szene hat eine lange Tradition und regelmäßig Nachwuchs aus der Musikhochschule. Nun aber schlagen die Musiker Alarm: Die Absage des Theaterhaus-Jazzfestivals beraube sie einer wichtigen Plattform, sagen Wolfgang Dauner, Herbert Joos und Patrick Bebelaar.

Stuttgart - Die lebendige Stuttgarter Jazz-Szene hat eine lange Tradition und regelmäßig Nachwuchs aus der Musikhochschule. Nun aber schlagen die Musiker Alarm: Die Absage des Theaterhaus-Jazzfestivals beraube sie einer wichtigen Plattform, sagen Wolfgang Dauner, Herbert Joos und Patrick Bebelaar.


Meine Herren, was genau treibt Sie um?
Bebelaar: Uns fehlen die Bühnen. Die Kiste ist ein finanziell unattraktives Experimentierfeld und im Bix sind die Möglichkeiten begrenzt für die einheimische Szene. Die IG Jazz macht viel auch an anderen Orten in der Stadt, wird aber kaum wahrgenommen.
Joos: Die Region ist auch schwierig. Ich habe neulich in Esslingen und in Göppingen angerufen und einer hat gesagt: Du hast doch erst vor eineinhalb Jahren hier gespielt!
Bebelaar: Wenn jetzt noch das Theaterhaus-Festival wegbricht, ist das eine Katastrophe.

Was zeichnet dieses Festival aus?
Joos: Europäischer und deutscher Jazz hat dort eine Plattform. Andere Festivals wie Frankfurt oder Enjoy Jazz in Mannheim haben an uns kein Interesse, sie buchen lieber mit Sponsorengeldern amerikanische Stars.
Bebelaar: Werner Schretzmeier hat im Theaterhaus Musiker kontinuierlich aufgebaut. Man darf wiederkommen, eine Entwicklung durchlaufen. Ich habe das selbst erlebt, ich verdanke Werner viel. Ich habe auch viel und heftig mit ihm gestritten, aber am nächsten Tag war es jedes Mal wieder gut.
Joos: Erstaunlicherweise werfen manche dem Theaterhaus vor, dass es Musikern die Treue hält. Dabei ist genau das der Punkt. Es ist auf andere Art exklusiv.

Das Festival dauert fünf Tage – was machen Sie den Rest des Jahres?
Bebelaar: In der Tat denken wir darüber nach, wie wir in Stuttgart einen wöchentlichen Jazz-Jour-fixe hinbekommen können. Für Profis und mit Bezahlung.
Dauner: Das Theaterhaus wäre dafür der richtige Ort, die Frage ist, woher das Geld kommen soll. Wir haben keine Lobby wie die Oper oder das Ballett, uns fehlen Sponsoren.
Bebelaar: Da geht es um relativ kleine Beträge. Ich wollte vor zwei Jahren ein Duo-Konzert mit dem Tubisten Michel Godard machen zu unserer CD. Michel hätte bei mir übernachten können, aber kein Veranstalter wollte seine Fahrtkosten von Paris übernehmen und seine Gage von 600 Euro. Werner Schretzmeier hat uns dann angeboten, beim Festival zu spielen, sonst wäre das geplatzt.

Stuttgart nannte sich früher einmal „Jazz-Stadt“ – was ist passiert?
Dauner: Früher hatte der Jazz eine Lobby beim damaligen SDR mit Leuten wie Dieter Zimmerle. Die gibt es heute nicht mehr. Ich habe mal ein Stück zum SWR nach Baden-Baden geschickt, das ich mit großem Orchester aufgenommen hatte – und nicht mal eine Antwort bekommen. Früher gab es Mitschnitte in jedem kleinen Jazzclub. Daran haben wir nicht viel verdient, aber das lief in Radio und Fernsehen und war eine riesige Promotion für den Jazz.
Bebelaar: Wenn es heute Mitschnitte gibt, dann von eingekauften Amerikanern oder Neuen Musiktönern. Als deutscher Jazzmusiker ist es schwer, von einem größeren Publikum wahrgenommen zu werden.
Joos: Mit einer Ausnahme: Till Brönner. Man hat den Eindruck, es gibt in Deutschland nur einen Jazzmusiker.
Dauner: Dabei ist Jazz im Hintergrund überall präsent, in Hörspielen, bei Kulturveranstaltungen. Das wäre nicht so, wenn niemand das hören wollte.

Sie glauben also, dass es noch genügend Publikum für den Jazz gibt?
Bebelaar: Das hat ja das Theaterhaus-Festival 2012 gezeigt. Herbert und ich haben ein Trio mit dem Bassisten Günter Lenz, wir spielen auch auf Straßen- und Weinfesten. Eines unserer Sets ist komplett frei improvisiert, überall waren vorher die Bedenken groß, und überall hat gerade der experimentelle Teil hat die Leute fasziniert. Weil sie das sonst nirgends hören. Das ist auch so, wenn ich mit Vincent Klink auftrete. Ich gestalte meine Soloteile sehr frei, um einen Kontrast zu setzen, und das kommt sehr gut an.
Dauner: Wichtig ist, dass man diese Freiheit zulässt. Bei Konstantin Wecker war das so, als ich damals mit Charlie Mariano und ­anderen mit ihm gespielt habe. Da waren jeden Abend 2000 Leute im Saal und Christoph Lauer hat sehr frei ein zehnminütiges Saxofon-Solo gespielt ohne Begleitung. Die Leute haben getobt.

Es gibt das Vorurteil, Jazz sei kompliziert und mittlerweile ähnlich ritualisiert wie die Klassik – was erwidern Sie?
Bebelaar: Wir tun alles, um so eine Heiligkeit nicht entstehen zu lassen. Jazz ist Kommunikation, auch mit dem Publikum.
Dauner: Es hat viel damit zu tun, wie US-Bands hier inszeniert werden. Im Bix habe ich die Cuban Allstar Band gesehen, die spielen in Amerika in Sälen zum Tanz; bei uns stehen alle rum und hören zu. Zu meiner Hochzeit habe ich die Glenn Miller Band ­gebucht, denen mussten wir erklären, dass da getanzt wird – dabei war das ursprünglich eine reine Tanzband!

Wie war das damals im legendären Stuttgarter Club Atlantik?
Dauner: Da war es immer voll und irgendwann hieß es: Jetzt müsst ihr mal was Tanzbares spielen! Das haben wir nicht getan, Leute wie Albert Mangelsdorff oder Don Cherry spielen nicht „La Cucaracha“. Wir haben unser Ding gemacht. Das war nicht immer nur unterhaltsam, aber die Leute ­haben trotzdem getanzt, so gut es ging. Man kann das nicht mit heute vergleichen.

Was hat sich verändert seit der großen Zeit des Jazz in den 1960er Jahren?
Dauner: Wir sind damals von Stadt zu Stadt gezogen und haben monateweise im selben Club gespielt, jeden Abend von 20 bis 4 Uhr, für 50 Mark am Abend, mit einem freien Abend im Monat.
Joos: Mein erster Profijob war mit Gunther Hampel in Düsseldorf in der Oase-Bar. Wir haben bis fünf Uhr gespielt, und wenn dann noch eine Besoffene gekommen ist und Sekt ausgegeben hat, sogar länger.
Dauner: Heute gibt es diese Clubs nicht mehr, die Musiker würden solche Bedingungen nicht mehr akzeptieren, und das Publikum möchte tägliche Abwechslung.
Bebelaar: Drei, vier Tage am Stück fände ich schon reizvoll – da könnte sich herumsprechen, dass eine coole Band in der Stadt ist.

Was halten Sie von staatlichen Fördersystemen wie in Frankreich?
Bebelaar: Dort bekommen Berufsmusiker, die regelmäßig spielen, ein Grundeinkommen vom Staat. Das macht sie künstlerisch unabhängig. Bei uns geht es in die andere Richtung. Als ich studiert habe, wurde an Hochschule noch künstlerisches Rückgrat gefördert, heute ist es eher ein Verständnis von Musik als Produkt. Das prägt natürlich.
Joos: Die Jungen nehmen jeden Job an. Sie spielen morgens bei Beerdigungen, mittags bei Dinkelacker.
Dauner: Wichtig ist, dass man überhaupt spielt. Bevor ich als Musiker die Treppe kehre, spiele ich lieber eine Hochzeit. Der Pianist Tzimon Barto hat mir mal gesagt, dass er früher in Hotelbars gespielt hat. Oscar Peterson auch. Die USA sind das andere Extrem. Die französische Szene ist sehr kreativ, aber man kann als Nichtfranzose dort praktisch nicht spielen. Und im Vergleich zur Vollsubventionierung ist unser Wunsch nach einem Festival an Ostern und einem wöchentlichen Jazz-Termin doch sehr moderat.

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