Jamie-Lee im Stuttgarter Wizemann Das nächste deutsche Pop-Mädchen

Von Thomas Morawitzky 

Besser als beim ESC: Mit Bühnentalent und reizvoller Stimme präsentiert sich Jamie-Lee im Stuttgarter Wizemann.

Stuttgart - Ihr Minirock ist so rosa wie ihr Turnschuh, auf ihrem Haar sitzt eine Baseball-Mütze. „K-Pop“, sagt Jamie-Lee, „ist meine Lieblingsmusik.“ Deshalb will sie einen Song aus diesem Genre singen, mit originalem Text. K-Pop ist die Popmusik Koreas, und Jamie-Lee intoniert die Silben der fremden Sprache mit Leidenschaft. Dass manch einer, der des Koreanischen mächtig ist, ihre Aussprache schlecht findet, kümmert sie nicht. Jamie-Lee kleidet sich wie eine Manga-Fantasie aus Fernost; sie kichert, und sie meint es ernst.

In der Castingshow „The Voice of Germany“ überzeugte sie, beim Eurovision Song Contest 2016 fiel sie senkrecht durch. Aber nicht nur Michi Beck von den Fantastischen Vier findet, Jamie-Lee Krewitz habe das besondere Etwas, auch das junge deutsche Internet feiert das Mädchen aus der Nähe von Hannover als exzentrischen Nachwuchsstar. Und der Chor dieser Stimmen klingt bei Jamie-Lee viel einhelliger als bei Lena Meyer-Landrut, ihrer Vorgängerin im Amt.

Gefühlvolles Duett

Vor fünf Wochen wurde sie neunzehn, Ihre erste Tournee verschob sie, der Schule zuliebe, in die Osterferien: Das Abitur, sagt sie, geht vor. In Stuttgart gibt Jamie-Lee nun das letzte von sieben Konzerten der Tour, mit der sie ihr Erstlingsalbum „Berlin“ vorstellt – und rund zweihundert Besucher füllen den kleinen Saal im Wizemann nicht mal zur Hälfte. Vor allem Mädchen unter sechzehn tummeln sich mit ihren Begleitpersonen vor der Bühne. Jamie-Lee hat mehr als nur eine Überraschung für sie dabei: Großzügig wirft sie Num Noms ins Publikum, Packungen voll zuckriger Lipgloss. Im Foyer ein Merchandise-Stand mit noch mehr Lipgloss und Autogrammkarten, alles in rosa.

Im Saal singt sie fast zwei Stunden lang, wird begleitet von Keyboard, Gitarre, Schlagzeug. Sie beginnt mit einem akustischen Set; Balladen und flotte Pop-Songs wechseln sich ab. Später wird daraus Power-Pop, sehr aufdringlich abgemischt. Bei leiseren Stücken klingt Jamie-Lees Stimme reizvoll, obwohl sie ihre Klischees niemals ganz abstreift. Ihr bester Moment kommt, als sie ihren Freund Fabian Riaz auf die Bühne holt, mit dem sie ein gefühlvolles, tatsächlich schönes Duett singt. Ein weiterer Gast, Fabian Ludwig, auch er einst bei „The Voice of Germany“ dabei, zupft seine Gitarre und wirkt dagegen blass.

Jamie-Lee aber besitzt Talent und entfaltet ihren ganz eigenen Charme, inszeniert sich auf der Bühne jedoch zu infantil. So nett, verrückt und kunterbunt sie sich auch gibt: Bald schon werden die Jahre vorüber sein, in denen sie ihre Rolle glaubhaft ausfüllen kann. Ob ihr die Verwandlung in einen erwachsenen Popstar gelingen wird, scheint fraglich. Aber Jamie-Lee hat dann ja auch ihr Abitur in der Tasche.

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