Jagen im Nationalpark Hirsch tot, Kalb tot – und ganz ohne Zeugen

Von Arnold Rieger 

In Jägerkreisen sorgt die Synchrondublette für Diskussionen Foto: dpa
In Jägerkreisen sorgt die Synchrondublette für DiskussionenFoto: dpa

Was wie ein Krimidrehbuch klingt, ist die Anleitung für eine neue Jagdmethode im Nationalpark – CDU-Fraktionschef Hauk findet das lächerlich. Als Beleg dient ihm ein Arbeitspapier, das die Nationalparkverwaltung für ihre Jäger herausgegeben hat.

Stuttgart - Eine Dublette ist etwas Doppeltes. Nachrichten zum Beispiel, die zweimal in der Zeitung stehen, nennt man so – was den Ruf von Dubletten bei Journalisten natürlich dauerhaft ruiniert hat.

Im Nationalpark Schwarzwald hingegen gelten sie neuerdings als der letzte Schrei. Denn dort bedeutet das Wort, dass zwei Jäger gemeinsam auf Hirschjagd gehen. Mehr noch: Sie schießen auch gemeinsam, und das sogar im selben Augenblick. Das nennt man dann Synchrondublette.

Über Sinn und Zweck solcher Kabinettstückchen diskutieren normalerweise nur Fachkreise. Doch seit am vergangenen Mittwoch der CDU-Fraktionschef im Landtag, Peter Hauk, die Synchrondublette als Beispiel für grün-rote Regelungswut angeprangert hat, redet auch die interessierte Öffentlichkeit mit.

Als Beleg dient Hauk ein Arbeitspapier, das die Nationalparkverwaltung für ihre Jäger herausgegeben hat. Es kursiert seit Wochen im Internet und beschreibt, wie und warum diese „synchron“ auf Rotwild anlegen sollten. Das habe nämlich mit Tierpsychologie zu tun, erläutert Nationalparkchef Thomas Waldenspuhl unserer Zeitung.

Man stelle sich bitte schön vor, eine Hirschmama betritt in Begleitung ihres Kalbes frühmorgens eine Lichtung, um zu äsen. Auf dem Hochsitz lauert bereits der Jäger, seinen Abschussplan im Hinterkopf, und schießt der Mutter das Kind vor der Nase weg. „Die flieht und macht die Erfahrung: Morgens darf ich mich nicht hinauswagen, nur nachts“, sagt Waldenspuhl.

Das aber will der Parkdirektor vermeiden, denn im Grunde gibt es viel zu viele Hirsche zwischen Baden-Baden und Baiersbronn: 140 von ihnen sollen pro Jahr verschwinden. So kamen seine Leute also auf die Idee, den Nachwuchs samt Mutter zu erlegen, und das im selben Augenblick.

Was bei empfindsamen Naturen Abscheu auslösen mag, ist in der Jagd allerdings längst Praxis. „Jeder versucht, zuerst das Kalb zu erlegen, danach aber sofort die Mutter“, sagt der Chef des Landesjagdverbands, Erhard Jauch, „das ist waidgerecht.“ Mag sein. Es ist aber auch schwierig. Denn der „Dublettenschuss“ setzt voraus, dass das Muttertier dem Jäger erneut vor die Flinte läuft. Deshalb also das Bemühen um Synchronität. Wenn das funktioniere, könne man es auch außerhalb des Parks diskutieren, meint Jauch.

So wäre das Ganze also die Aufregung kaum wert, wenn nicht die Anleitung für die Jäger in einer merkwürdigen Mischung aus Drehbuch und Gebrauchsanweisung verfasst wäre. Mit unfreiwilliger Komik heißt es dort etwa über das Ziel, Kuh und Kalb zu erlegen: „Keine Zeugen hinterlassen.“ Man müsse „das Tradieren von schlechten Erfahrungen auf den Nachwuchs vermeiden“.

Nur nervenstarke, sichere Schützen kämen infrage, die sich „nicht nach persönlichen Neigungen“, sondern nach Erfahrung zusammengesellten, heißt es. Und wenn es ans Schießen geht, habe der Gruppenführer zuvor rückwärtszuzählen: „Die Zählung beginnt bei der Ziffer 3.“ Doch was, wenn sich die Hirsche bei 2 bewegen? Auch das hat der Autor bedacht: „In diesem Fall hat spätestens anstatt der Ziffer 2 beim Zählen ein Stopp zu erfolgen.“

CDU-Fraktionschef Hauk, studierter Förster und selbst Jäger, findet das einfach lächerlich. In einschlägigen Internet-Blogs zum Thema Jagd brach gar ein Shitstorm los über die „gelehrsamen und damit typisch deutsche Anweisungen“, wie ein Teilnehmer ätzt. Dass das Papier obendrein empfiehlt, achtsam zu sein, dass möglichst zwei Personen auf den Hochsitz passen, werten manche gar als Verhöhnung.

Doch für den Durchschnittsjäger ist die Synchrondublette ja gar nicht gedacht. Die werde ausschließlich im Nationalpark erprobt, sagt Waldenspuhl, und das auch nur jeweils zwei Wochen im August. Beim ersten Mal wurden dabei vier Tiere erlegt. Das Wort „Jagd“ nimmt der Nationalparkchef dabei nur noch unwillig in den Mund, es heißt jetzt „Wildtiermanagement“, denn schließlich soll der Mensch in das Schutzgebiet ja nicht mehr eingreifen. Eigentlich. Und irgendwann. Bis dahin sollen immerhin „jagdliche Methoden“ zur Anwendung kommen.

Feinschmecker im Schwarzwald dürfen sich den Reh- oder Wildschweinbraten trotzdem schmecken lassen. Herbstzeit ist schließlich Wildzeit. Wer auf der Karte „Zweierlei vom Hirsch“ liest, könnte allerdings ins Grübeln kommen.

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