Interview mit Turner Fabian Hambüchen „Die alten Denkmuster müssen weg“

Von Marco Seliger 

Kritisiert den DTB: Topstar Fabian Hambüchen. Foto: Pressefoto Baumann
Kritisiert den DTB: Topstar Fabian Hambüchen.Foto: Pressefoto Baumann

Topstar Fabian Hambüchen attackiert den Turnerbund vor der Weltmeisterschaft in Glasgow und fordert neue Strukturen im deutschen Spitzensport.

- Herr Hambüchen, an diesem Samstag findet die WM-Qualifikation in Stuttgart statt. Wie gut sind Sie in Schuss?
Es passt alles, es läuft rund, ich habe alles im Griff. Ich bin voll im Zeitplan und hoffe, dass ich zur WM in Glasgow dann in absoluter Topform bin.
Um Ihren Zustand muss man sich keine Sorgen machen. Bei Ihren Teamkollegen sieht es anders aus – einige Athleten kämpfen nach Verletzungen um den Anschluss.
Ja, wir haben leider einige Fragezeichen in der Mannschaft. Wer mir aber große Hoffnung für den Teamwettbewerb bei der WM macht, ist Marcel Nguyen. Er ist nach seinem Kreuzbandriss wieder auf dem Vormarsch – wir beide werden das Ding bei der WM schon schaukeln (lacht).
Anders dürfte es auch kaum gehen. Andreas Bretschneider sucht nach seinem Achillessehnenabriss seine Form – und Lukas Dauser sagte die WM-Teilnahme verletzt ab. Machen Sie sich Sorgen, dass Sie bei der WM die Olympia-Qualifikation verpassen?
Wir müssen irgendwie unter die Top Acht, damit wir in Rio nächstes Jahr dabei sind – egal wie! Hoffnung macht mir, dass wir es als Mannschaft schon oft bewiesen haben, dass wir auf den Punkt da sein können. Verletzungen und Ausfälle hin oder her – wir kennen uns, wir kennen die Abläufe, da muss niemandem angst und bange sein. Wichtig wird nun in den Wochen vor der WM nur sein, dass sich keiner verheizt – und jeder für sich individuell und ohne unnötigen Druck auf die WM hinarbeiten kann.
Haben Sie Bedenken, dass das nicht so sein wird?
Ich bin ja jetzt schon ein paar Jahre dabei, und glauben Sie mir: Ich habe schon einige Trainer unnötig durchdrehen sehen. Die Nervosität wird sicher wieder um sich ­greifen in den nächsten Wochen, da wird wieder eine hochexplosive Stimmung in den Turnhallen herrschen. Und manchmal ist das einfach nicht nötig.
Was meinen Sie konkret?
Na ja, da muss man sich im Grunde nur ein Beispiel vor Augen führen. Vor der WM-Qualifikation an diesem Wochenende in Stuttgart hat der DTB (Deutscher Turnerbund, d. Red.) die potenziellen WM-Teilnehmer schon eine Woche ins Trainingslager nach Kienbaum gebeten. Nach der WM-Quali in Stuttgart geht es dann noch mal für zwei Wochen nach Kienbaum – und dieser Zeitraum hätte völlig ausgereicht.
Warum?
Ich bin generell ein Gegner davon, wenn wir Turner zu sehr aus unserem vertrauten Umfeld herausgerissen werden. Deshalb bin ich auch jetzt noch nicht in Kienbaum dabei und werde erst nach der WM-Quali dorthin ­reisen. Und in Kienbaum kommt in dieser ­Woche ja noch ein weiteres Problem hinzu.
Welches?
Einige der Turner, die jetzt im Trainings­lager dabei sind, sind noch gar nicht für die WM qualifiziert und konkurrieren in ­Kienbaum um die letzten Plätze . . .
. . . Bundestrainer Andreas Hirsch hat vorab vier Athleten – darunter Sie – nominiert, die restlichen deutschen WM-Teilnehmer stehen erst nach der Quali in Stuttgart fest.
Genau. Es ist gut, dass bereits vier Sportler nominiert wurden, aus meiner Sicht ergibt es jedoch mehr Sinn, in das Trainingslager zu gehen, wenn die qualifizierte Mannschaft feststeht.
Kümmert sich der DTB nicht ausreichend um die Interessen seiner Spitzenturner?
Die Bedingungen bei der deutschen Meisterschaft in Gießen waren für uns Sportler nicht optimal und sollten in Zukunft besser sein.
Inwiefern?
Für die VIPs wurde Raum ohne Ende geschaffen, und wir Turner hatten kaum noch Platz in der Halle. In den Pausen sind wir aufeinandergepfercht zusammengesessen, und uns wurde noch nicht mal Wasser oder ein bisschen Obst zur Verfügung gestellt. Wir Sportler werden in die Planungen nicht einbezogen und sind oft nur das fünfte Rad am Wagen. So kann es nicht weitergehen.
Was schlagen Sie vor?
Eigentlich müssten wir Turner uns mal ­hinstellen und sagen – bis hierher und nicht weiter. Und wenn sich nichts ändert, müssten wir einen großen Wettkampf wie die deutsche Meisterschaft einfach mal boykottieren.
Hätten Sie dafür genügend Mitstreiter?
Glauben Sie mir, ich kenne genügend Turner, die ähnlich denken wie ich, aber im Fördersystem des DTB gebunden sind. Der Turnerbund kooperiert zum Beispiel mit der Bundeswehr, bei der viele Turner angestellt sind. Viele Athleten sind auf die Gelder angewiesen, da gibt es finanzielle Abhängigkeiten, da kann ich es ein Stück weit sogar nachvollziehen, dass man seinen Ärger dann im Zweifel eher mal runterschluckt.
An wem konkret machen Sie Ihren Ärger beim DTB konkret fest? Am Präsidenten Rainer Brechtken?
Nein, da gibt es nicht diese eine verantwortliche Person. Es sind generell die alten verkrusteten Strukturen und Denkmuster, die dringend weg müssen – und das betrifft oft nicht nur den DTB, sondern das deutsche Sportsystem allgemein.
Was fordern Sie konkret?
Die Problematik beginnt bei den Trainerjobs. Die sind oft so miserabel bezahlt, dass sich kaum mehr geeignete Übungsleiter ­finden, vor allem in den kleineren Zentren. Viele Trainer sind nicht hauptberuflich ­beschäftigt. Sie unterrichten tagsüber an Schulen oder gehen anderen Jobs nach und machen dann abends das Training nebenher. Da muss man sich dann im Zweifel nicht wundern, wenn wie bei uns zurzeit im Turnen seit Jahren kaum noch hoffnungsvolle Talente nachkommen und wir Alten immer die Kohlen aus dem Feuer holen müssen.
Wie kann man das ändern?
Man muss den Trainerjob finanziell attraktiver machen. Es bringt doch nichts, immer nur schöne neue Turnhallen hinzustellen und nur in Steine zu investieren. Das Hauptaugenmerk muss auf der Nachwuchsförderung und damit auch auf den Trainern für den Nachwuchs liegen. Die schönste Halle bringt nichts, wenn dort kein gescheites Training stattfindet.
In den großen Zentren wie beispielsweise in Stuttgart gibt es aber beides – schöne Hallen und gute Trainer.
Ja – in den großen Zentren, die werden ja auch gefördert, mit den Olympiastützpunkten und so weiter. Aber was passiert fernab vom großen Schuss? Nichts! Und genau da müssen dringend individuelle Lösungen her, um wieder hoffnungsvolle Talente hervorzubringen – im Turnen, und im deutschen Sport generell.
Was meinen Sie mit individuellen Lösungen?
Man muss schauen, wo talentierte Nachwuchskräfte sind, und sie dort konkret fördern und eigenständige Programme entwickeln. Wer ist wo in welcher Sportart gut – wenn diese Frage beantwortet ist, müssen vor Ort individuelle Förderprogramme her, damit die Talente nicht immer gleich in ganz jungen Jahren aus ihrem vertrauten Umfeld herausgerissen werden und auf irgendein Internat müssen.
Also auch mal weg aus der Stadt und hin zu den Talenten drumherum und auf dem Land?
Ja! Ich wehre mich gegen diesen streng zentrumsorientierten Ansatz mit den großen Trainingszentren, bei dem der Rest dann halt unter den Deckel fällt und sich selbst überlassen wird. Wir brauchen flexiblere Lösungen in der Talentförderung und nicht diese verkrusteten und starren Strukturen. Aber dazu muss ich Talente sichten und dann konkret auf sie eingehen.
Viele junge Athleten machen mittlerweile ihr Abitur im G-8-System, was oft auch nicht förderlich für die Sport-Karriere ist.
Ja, dieses System ist mir ein Dorn im Auge. G 8 ist Gift für unsere Talente. Alles wird zusammengepresst, man sitzt oft bis abends in der Schule und hat weniger Zeit fürs Training. Und für was? Damit man schon mit 18 Jahren das Abitur hat und mit 21 dann den Bachelor-Abschluss? Das braucht doch keiner! Es reicht doch völlig, wenn man mit 19 oder 20 Jahren mit der Schule fertig ist. G 8 ist sinnlos – nicht nur, was die Förderung des Sport-Nachwuchses angeht.
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