Interview mit Porsche-Chef Oliver Blume „Porsche stärkt VW mit guten Gewinnen“

Von Klaus Köster 

Porsche-Chef Oliver Blume nimmt die Kosten ins Visier, setzt aber nicht auf einen Sparkurs. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Porsche-Chef Oliver Blume nimmt die Kosten ins Visier, setzt aber nicht auf einen Sparkurs.Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der VW-Konzern benötigt jeden Euro, um Rückrufe und die erwarteten Strafen in den USA zu finanzieren. Oliver Blume, der neue Chef der Konzerntochter Porsche, will aber nicht nur sparen, wie er im StN-Interview sagt.

Stuttgart - Herr Blume, Porsche hat praktisch alle Ziele für die nächsten Jahre schon vorzeitig erreicht. Was haben Sie sich als neuer Firmenchef vorgenommen?
Porsche ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen – nicht nur bei Gewinn und Absatz, sondern auch bei der Zahl der Mitarbeiter. Jetzt gilt es, das Ergebnis zu konsolidieren und die Organisation zu stabilisieren. Außerdem stehen große Investitionen in neue Produkte an. Wir wollen bei neuen Technologien absolut sattelfest sein.
Eines der neuen Produkte ist der Mission E, Porsches erster reiner Elektro-Sportwagen. Er soll 600 PS und eine Reichweite von 500 km haben und in 15 Minuten aufgeladen werden können. Sind Sie sicher, dass diese Technologie bereitstehen wird, wenn Sie sie brauchen?
Natürlich liegt noch ein weiter Weg vor uns – aber wir können die Entwicklung schon ganz gut abschätzen.
Wer muss Ihre Ankündigung einlösen – die Zulieferer oder Sie selbst?
Ein neues Auto zu entwickeln und zu bauen ist immer ein Zusammenspiel von mehreren Partnern. Bei der Vergabeentscheidung, wer die Batteriezellen liefert, sind wir in der finalen Phase. Aber klar ist: Bei Kernkompetenzen, die einen Porsche ausmachen, behalten wir einen hohen Eigenanteil. Dazu ­gehört die Batteriemontage, also das Zusammenfügen der Zellen zu einer Batterie, aber auch der Elektromotor.
Diesen betrachten andere Hersteller als Standardprodukt, das sie überall kaufen können.
Das ist bei uns anders: Schließlich haben wir den Elektromotor bereits im Rennsport ­erfolgreich im Einsatz. Unser 919 Hybrid hat mit seinem elektrifizierten Antrieb die Langstreckenweltmeisterschaft und das ­legendäre 24-Stunden-Rennen in Le Mans gewonnen. Daraus ziehen wir handfeste ­Erkenntnisse, die wir in die Serie übertragen.
Die Betriebsräte deutscher Autohersteller, darunter auch Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, setzen sich dafür ein, dass auch die ­Batteriezelle wieder in Deutschland gefertigt wird. Hat eine gemeinsame Inlandsproduktion für deutsche Hersteller Sinn?
Deutschland ist immer gut damit gefahren, industrielle Fertigung im Land zu halten und so das Know-how der Beschäftigten zu sichern. Solange dieses Know-how einen Wettbewerbsvorsprung darstellt, können wir auch in einem Hochlohnland wie Deutschland produzieren.
Daimler hat das ja schon einmal versucht und die Zellfertigung mangels Masse wieder aufgegeben. Ist ein neuer Anlauf heute sinnvoll?
Je stärker sich die Elektromobilität am Markt etabliert, desto höher werden die Stückzahlen. Deutschland sollte sich in dieser Frage genauso verhalten wie ein Unternehmen und sich fragen, welches seine Kernkompetenzen sind, um sich auf diese zu konzentrieren. Deutschland braucht eine Batteriefabrik und sollte die Automobilindustrie nach Kräften unterstützen, die Zellfertigung hier anzusiedeln.
Asiatische und vor allem koreanische Anbieter verfügen auf diesem Gebiet aber über jahrzehntelange Erfahrung. Kann eine Aufholjagd da überhaupt noch Erfolg haben?
Die Technologie entwickelt sich weiter, und deshalb kann Deutschland seine Stärken auch jetzt noch ausspielen.
Sollte Deutschland die Verbreitung des E-Autos durch Kaufprämien fördern?
Die Entwicklung der E-Mobilität hängt stark davon ab, ob sie vom Kunden akzeptiert wird. Dabei geht es zunächst um die Produkte, um deren Reichweiten und Ladezeiten. Aber auch die Frage, wie groß das Netz an Ladesäulen ist, spielt eine entscheidende Rolle. Dabei sind Schnell-Ladenetze mit hoher Leistung von besonderer Bedeutung. Ich halte es für sinnvoll, dass die Politik den Ausbau der Lade-Infrastruktur unterstützt. Subventionen für den Kauf einzelner Fahrzeuge haben aus Porsche-Sicht dagegen keine Priorität.
Damit das Elektroauto in Zuffenhausen produziert wird, verzichten die Arbeitnehmer zunächst auf einen Teil der Gehaltserhöhungen, die ihnen ansonsten in der Zukunft zustünden. Ist Zuffenhausen ein so teurer Standort, dass solche Zugeständnisse selbst bei einem Supersportwagen nötig sind?
Es ist kein Geheimnis, dass wir verschiedene Standorte für die Produktion des Mission E geprüft haben. Dazu gehören Leipzig und auch einige Standorte im VW-Konzern. Es ist sehr gut, dass die Arbeitnehmerseite hier einen großen Beitrag eingebracht hat und damit das Signal aussendet, dass ein solches Fahrzeug auch im Hochlohnland Baden-Württemberg wettbewerbsfähig produziert werden kann. Die Entscheidung für Zuffenhausen hat eine Signalwirkung für den gesamten Markt, für die Zulieferer und für das Land als Hochtechnologiestandort selbst.
Die Vereinbarung sieht ja vor, dass die Beschäftigten auf einen Teil künftiger Lohnerhöhungen verzichten, der ihnen später für die Altersversorgung gutgeschrieben wird. Heißt dies unter dem Strich, dass die Beschäftigten den E-Sportwagen vorfinanzieren?
Das Gesamtpaket ist außergewöhnlich, aber auch sehr verkraftbar. Ich würde es als intelligente Lösung bezeichnen. Auch deshalb, weil alle mitmachen – nicht nur die Mitarbeiter der Fertigung, sondern auch Entwickler, der gesamte Angestelltenbereich und die Führungskräfte. Dadurch erreichen wir eine hohe Identifikation mit dem Projekt. Außerdem nehmen wir niemandem etwas weg, denn wir schmelzen lediglich einen Teil künftiger Tariferhöhung ab und legen ihn für später zurück.
Ist die spätere Gutschrift für die Altersversorgung an Bedingungen geknüpft?
Ja, der Vorsorgebaustein hängt natürlich am Erfolg des Projekts. Eine starke Erfolgskomponente ist für Porsche typisch. Das sieht man ja auch am jährlichen Bonus  . . .
. . . über den gerade heftig diskutiert wird. VW-Chef Matthias Müller fordert, dass alle Beschäftigten im Konzern Abstriche machen, was Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück für demotivierend hält. Wo stehen Sie in dieser Auseinandersetzung?
Es ist überhaupt keine Frage, dass wir VW den Rücken stärken. Und die beste Möglichkeit, dies zu tun, sind gute Gewinne. Darauf arbeiten wir hin. Deshalb werden unsere Leute am Ende die Erfolgsbeteiligung bekommen, die sie verdienen . . .
. . . die aber geringer ist als die vergangene.
Über die Höhe werden wir im Frühjahr entscheiden. Ich gehe davon aus, dass es wieder eine Zweiteilung geben wird – zwischen einem Anteil, der sofort ausgezahlt wird, und einer Komponente, die in die Altersversorgung fließt.
Der gesamte VW-Konzern plant harte Sparmaßnahmen. Treffen diese Sie überhaupt nicht?
Wir verfolgen weiter den Weg, voll in unsere Produkte zu investieren, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Dass wir bei Investitionen jeden Euro hinterfragen und genau überlegen, welche Ausgaben sich lohnen und welche nicht, hat bei Porsche Tradition. Das haben wir in der Vergangenheit immer getan, und tun wir auch jetzt.
Wie viel von den Investitionen wird nach Zuffenhausen fließen?
Insgesamt planen wir im Rahmen der aktuellen Standortsicherungsvereinbarung bis 2020 Investitionen von einer Milliarde Euro. Hinzu kommen eine weitere Milliarde und deutlich über 1000 Arbeitsplätze für den Mission E. Von diesen insgesamt gut zwei Milliarden fließen in den nächsten Jahren 1,5 Milliarden nach Zuffenhausen: 700 Millionen allein für den E-Sportwagen und 800 Millionen für die Aktivitäten der Standortsicherung. Diese beinhaltet außerdem bis 2020 den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen auf der einen Seite und mehr Flexibilität und Produktivität im Unternehmen auf der anderen Seite. Zu den Investitionen am Standort gehören das neue Motorenwerk, das im Juni eröffnet wird, ein neuer Karosseriebau, eine neue Montage und eine neue Lackiererei.
Ihr Vorgänger, der heutige VW-Chef Matthias Müller, bezeichnete das autonome Fahren einst als „Hype“. Wie wichtig ist es für Sie, dass ein Porsche einmal selbst fahren kann?
Die Technologien zur Vernetzung sind für uns extrem wichtig. Das gilt für die Produktion ebenso wie für die Fahrzeuge. Der Weg zum autonomen Auto wird über viele Assistenzsysteme führen – etwa den Staupiloten oder Instrumente, mit denen ein Auto selbst einen Parkplatz sucht und einparkt. Diese Assistenten ergeben für Porsche Sinn. Das komplett selbst fahrende Auto ist für uns dagegen wenig verlockend. Denn wer einen Porsche kauft, will ihn auch fahren – und zwar selbst.
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