Interview mit "Nazijäger" „Kein einziger Altnazi hat Reue gezeigt“

Von Sascha Maier 

Kurt Schrimm vor seinem Institut in Ludwigsburg. Foto: Max Kovalenko
Kurt Schrimm vor seinem Institut in Ludwigsburg. Foto: Max Kovalenko

Die meisten Mörder, die Kurt Schrimm findet, sind tot. Der Nazijäger leitet die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und hat Ende Februar die Verhaftung von drei mutmaßlichen Naziverbrechern in Baden-Württemberg erwirkt – vielleicht die letzte dieser Art.

Die meisten Mörder, die Kurt Schrimm findet, sind tot. Der Nazijäger leitet die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und hat Ende Februar die Verhaftung von drei mutmaßlichen Naziverbrechern in Baden-Württemberg erwirk.

Stuttgart - Herr Schrimm, sie jagen seit 30 Jahren Verbrecher aus der NS-Zeit. Zuletzt hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf Grundlage Ihrer Ermittlungen drei mutmaßliche Aufseher im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz verhaftet, die gegen Kautionsauflagen erst mal aus der U-Haft entlassen wurden. Ist Ihre Arbeit damit beendet?
Keineswegs. Unsere Arbeit geht vor allem in Südamerika weiter – wo wir noch viele Akten vermuten, die uns helfen, Täter, die sich an NS-Verbrechen beteiligt haben, ­aufzuspüren.
Alle, die Sie aufspüren, sind steinalt oder tot.
Als damals die Juden und andere Opfer der Nazis deportiert wurden, hat auch nicht interessiert, wie alt die sind. Da waren Babys von sechs Monaten und 95-jährige Greise dabei. Ich kann in manchen Fällen Strafwissenschaftler auch verstehen, wenn sie damit argumentieren, dass eine Strafe nur dann Sinn macht, wenn sie für die Zukunft wirkt. Bei uns sehe ich das anders. Da ist die Strafe für NS-Verbrecher eine Art Wiedergutmachung für die Opfer. Meine Kontakte zu Holocaust-Überlebenden haben mich in dieser Auffassung bestärkt.
Was gilt Ihrer Auffassung nach denn für die Täter?
Ich habe nicht einen Altnazi getroffen, der persönliche Reue gezeigt hat. Manche, wie der Lagerkommandant Josef Schwammberger, gegen den ich in meiner Zeit bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt habe, für die war Hitler Religion. So einen Fanatiker habe ich noch nie erlebt. Andere versuchen sich damit zu rechtfertigen, dass Befehl eben Befehl sei. Da fallen zwar manchmal Sätze wie „man hätte die Juden nicht umbringen dürfen“, oder „es war nicht richtig, was dort passiert ist“, aber ich habe keinen Naziverbrecher erlebt, der je gesagt hat: „Es tut mir leid.“
Auch andere Verbrecher zeigen keine Reue.
Das stimmt. Verbrecher, auch brutale Mörder, sind keine homogene Gruppe. Da gibt es einen Fall von einem 22-jährigen Sexualstraftäter, der sich in 38 Anklagepunkten – einmal wegen Mordes – verantworten musste. Als ich ihn fragte, warum das alles, er habe doch ein normales Sexualleben mit seiner Partnerin, hat der eiskalt gesagt: „Immer das Gleiche mit der gleichen Frau ist doch scheiße.“ Ein anderer, 17-jähriger Mörder, der seinen besten Freund heimtückisch wegen Geld umgebracht hat, war nach seiner eigenen Tat fix und fertig. Man konnte den Prozess kaum führen. Er hat alle 30 Prozesstage durchgeheult. Die Naziverbrecher haben aber das Alleinstellungsmerkmal, dass nicht einer echte Reue gezeigt hat.
Kritiker werfen Ihnen vor, Sie könnten das gar nicht wissen, da Sie ja nicht dabei waren.
Ich war bei keinem Mord dabei. Aber ich hatte mit genug Zeugen zu tun. Eine Holocaust-Überlebende, die ich in New York kennengelernt habe, hat die engsten 13 Verwandten bei der Räumung eines Ghettos verloren. Dass ein Vertreter des deutschen Staates ihr recht gab, dass damals Unrecht geschehen ist, war für sie sehr wichtig. Wir sind der Nachfolgestaat des Dritten Reiches. Wir machen den Deckel nicht einfach zu, solange noch Verbrechen aufzuklären sind.
Wo wir wieder bei Ihren Ermittlungen in Südamerika wären.
Ja. Die laufen seit 2003. Damals hat Eduardo Duhalde, der Präsident von Argentinien, Naziakten freigegeben. Die lieferten leider keine neuen Erkenntnisse, drehten sich um bereits verurteilte oder tote Naziverbrecher wie Josef Mengele, Adolf Eichmann oder eben Josef Schwammberger. Was uns dort allerdings erstmals aufgefallen ist: Alle emigrierten Nazis nutzten scheinbar dasselbe Ausweisdokument – den Pass des Internationalen Roten Kreuzes (ICRC).
Was hat das Rote Kreuz denn mit Nazis zu tun?
Direkt nichts – aber nach dem Zweiten Weltkrieg waren Millionen Menschen auf der Flucht. Um den Pass vom ICRC zu bekommen, brauchte man lediglich einen Zeugen, der die eigene Identität bestätigt. Da hatten es viele Naziverbrecher leicht unterzu­tauchen.
Aber jetzt kommen Sie ins Spiel.
So ist es. Unsere Spur führte uns nach Brasilien. Dort haben wir einen Tipp von einer Historikerin bekommen, die für die brasilianische Einwanderungsbehörde gearbeitet hat. Sie habe Hinweise vom US-Geheimdienst Criminal Investigation Division (CID) in den Händen gehalten, in denen dieser vor Einwanderern warnte, die in NS-Verbrechen verstrickt seien. Das sind Akten, die sehr wichtig für uns wären.
Wo ist der Haken?
Wir wissen eben nicht, wo sie sind. Jedenfalls existieren die Akten nicht in einem Paket. Wir haben auf dem halben Kontinent danach gesucht!
Und beim CID einfach mal nett fragen?
Das haben wir, und da hieß es nur: Wir haben nichts. Wissen Sie, mit den Geheimdiensten ist das so eine Sache. Als ich ein anderes Mal einen Geheimdienstchef um Einsicht in deren Akten bat, antwortete der mir: „Bei uns gibt es nur die Akten, die ich Ihnen geben darf.“
Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen befindet sich hinter einer Mauer mit Stahltor und redet auch nicht mit jedem.
Hier arbeiten 18 Personen, davon sieben Polizeiermittler, Archivkräfte, Dolmetscher und ich. Mit Geheimdienstarbeit hat das überhaupt nichts zu tun.
Wie arbeiten Sie dann?
Wir arbeiten am ehesten wie Historiker, was Spaß macht, weil es abwechslungsreich ist. Keiner ist persönlich von NS-Verbrechen betroffen. Zu emotional arbeiten, das ginge bei uns daneben. Wir dürfen auch – was ich bedaure – nicht selbst Anklage erheben. Oft sind kleine Staatsanwaltschaften mit den speziellen und komplexen Fällen schlicht überfordert.
Sie sind auch nicht immer erfolgreich.
In der Tat. Es ist auch besonders schlimm für einen Ermittler, wenn man weiß, dass einer schuldig ist, es ihm aber nicht nachweisen kann.
Sie klingen betroffen.
Ich habe einmal gegen einen Gestapo-Chef ermittelt, der Vorsitzender eines Sondergerichts in Auschwitz war, das 3000 Menschen zum Tode verurteilt hat – ohne dass diesen ein Verteidiger zur Seite gestellt wurde. Der Nazirichter, selbst Jurist, hat behauptet, dass er in allen Fällen gegen die Verurteilung gestimmt habe und von den Schöffen überstimmt wurde. Das Problem ist: Alle bekannten Schöffen sind bereits tot.
Vielleicht bringen die Ermittlungen in Brasilien ja neue Erkenntnisse. Legen Sie die geplanten Reisen eigentlich auch auf die Fußball- WM?
Der Richter ist mittlerweile auch tot. Und zur WM können wir uns leider keine Reise mit Hotelübernachtung nach Brasilien leisten. Das bezahlen die Bundesländer uns nicht.

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