Interview mit Küstenforscher „Wir müssen nicht sofort mit Spaten loslaufen“

Von Nadine Funck 

Der Klimaforscher und Meteorologe Hans von Storch stammt von der Nordseeinsel Föhr. Der 68-Jährige ist Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und ehemaliger Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Foto: privat
Der Klimaforscher und Meteorologe Hans von Storch stammt von der Nordseeinsel Föhr. Der 68-Jährige ist Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und ehemaliger Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Foto: privat

Der steigende Meeresspiegel wird in Zukunft auch das Leben an den deutschen Küsten verändern. Wie, verrät der Küstenforscher Hans von Storch im Interview.

Herr von Storch, mal angenommen, ich hätte ein Ferienhaus auf Sylt in Traumlage nahe dem Strand. Würden Sie mir raten, das so schnell wie möglich zu verkaufen?
Nein. Ein Haus auf Sylt zu verkaufen, ist überhaupt kein Problem, auch in Zukunft nicht. Die Preise steigen, die Nachfrage ist ungebrochen hoch. Wegen des steigenden Meeresspiegels wird da im Moment nun wirklich niemand nervös.

Stuttgart -

Für einen Küstenforscher, der aus Nordfriesland stammt, klingen Sie sehr optimistisch.
Der internationale Flugplatz in den Niederlanden befindet sich neun Meter unter dem Meeresspiegel und säuft nicht ab. Auch Oldenburg müsste wegen der Gezeiten theoretisch zweimal am Tag untergehen. Das passiert aber nicht, weil es dort entsprechende Deiche gibt.
Der Meeresspiegelanstieg macht sich also schon jetzt an den deutschen Küsten bemerkbar?
Das ist ein Phänomen, das wir seit Hunderten von Jahren beobachten. Fast überall auf der Welt wird es wärmer, dadurch dehnt sich das Wasser in den Meeren aus. Das passiert aber momentan noch in einem Umfang, der uns keine größeren Sorgen bereitet. Interessant wird es erst, wenn größere Eispanzer abschmelzen wie zum Beispiel in Grönland. Aber auch das ist eine Veränderung, die sehr lange andauert und nicht von heute auf morgen zu spüren ist.
Wird sich das Leben an den deutschen Küsten noch in diesem Jahrhundert verändern?
Ich gehe nicht davon aus, dass der Meeresspiegel bis zur Mitte des Jahrhunderts um mehr als einen halben Meter und bis zum Ende des Jahrhunderts um mehr als einen Meter ansteigen wird. Und selbst damit sollte man an deutschen Küsten gut umgehen können, wenn man den bisherigen Küstenschutz aufrechterhält. Wir müssen also nicht sofort mit dem Spaten loslaufen.
Wie bereitet man sich denn an den deutschen Küsten auf die Veränderung vor?
Das ist ein kontinuierlicher Prozess, ein ständiges Warten und Modernisieren der Deiche. Dazu kommen weitere Küstenschutzmaßnahmen. Vor Büsum etwa, einem Hafenort an der Nordsee, wurden massive Erweiterungsbauten erstellt. Eine ernsthafte Gefahr sind aber heute und in Zukunft die Sturmfluten.
Inwiefern?
Steigt der Meeresspiegel, werden auch die Sturmfluten höher auflaufen. Das Schlimme daran ist nicht das Wasser, das über den Deich kommt, sondern die Gefahr, dass der Deich bricht. Die Herausforderung für Ingenieure wird also in Zukunft noch mehr sein, die Deiche so zu bauen, dass das Wasser möglichst lange überlaufen und den Deich so vor dem Brechen schützen kann.
Für solche Fälle gibt es vielerorts auch Schleusen oder Stahltore, die man im Ernstfall schließen und so das Wasser aus den Städten fernhalten kann. Womit muss man in Zukunft noch rechnen?
Auf Sylt meterhohe Betonwände hochzuziehen, sodass man nicht mehr aufs Meer schauen kann, wäre wohl nicht sinnvoll. Es geht beim Küstenschutz nicht nur um technische Möglichkeiten, sondern auch darum, was die Menschen vor Ort wollen. Das bedeutet, Deiche sollten schon jetzt mit einer entsprechend breiten Basis gebaut werden, so dass sie jederzeit erneuert und erweitert werden können. Wenn wir auch in Zukunft an Küsten leben wollen, wird es für uns vor allem darum gehen, dass wir uns an diese Veränderungen anpassen und lernen, mit ihnen zu leben.

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