Interview mit Franz Fehrenbach, Chef der Wissensfabrik „Bildung gräbt Populisten Wasser ab“

Von Klaus Köster 

Franz Fehrenbach war neun Jahre Bosch-Chef, nun beschäftigt er sich als Chef der Wissensfabrik mit dem Bildungssystem Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Franz Fehrenbach war neun Jahre Bosch-Chef, nun beschäftigt er sich als Chef der Wissensfabrik mit dem BildungssystemFoto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Südwesten ist auf qualifizierte Mitarbeiter angewiesen, um bei der technologischen Entwicklung mitzuhalten. Doch Franz Fehrenbach, Chef der Wissensfabrik, sieht in der Landesregierung einen Widerspruch zwischen Ankündigungen und politischem Handeln.

Stuttgart -

Herr Fehrenbach, in Deutschland und in ­anderen Ländern bekommen radikale ­politische Kräfte Zulauf mit dem Versprechen, sich um die Vergessenen in der Gesellschaft zu kümmern. Werden hierzulande Menschen auch vom Bildungssystem vergessen?
Zu den zentralen Aufgaben eines Bildungswesens gehört es, die Menschen zur Teilhabe an der Gesellschaft zu befähigen. Die Schule ist dafür ein zentraler Ansatzpunkt, denn dort finden früh entscheidende Weichen­stellungen statt. Deshalb ist unser Bildungssystem einer der wichtigsten Hebel, um Populisten das Wasser abzugraben. Die Wahrnehmung von „Vergessenen“ ist sehr stark von den USA geprägt und wird bei uns von einigen gern übernommen. Dabei lassen sich die sozialen Verhältnisse überhaupt nicht vergleichen.
Wo liegen denn die Unterschiede?
In den USA lag das reale Einkommen der Mittelschicht zuletzt niedriger als noch vor 15 Jahren – außerdem gibt es dort kein vergleichbares Sozialsystem, das Härtefälle abfedert. In Deutschland haben wir eine florierende Wirtschaft und Einkommenssteigerungen nach Abzug der Inflation. Zur Bildung gehört auch, Aussagen, wie sie in sozialen Netzwerken kursieren, einordnen und ihren Wahrheitsgehalt bewerten zu können.
Was läuft falsch im Bildungswesen?
Mit Bildung kann Deutschland seine Innovationskraft und damit seine Zukunftsfähigkeit sichern, davon sind wir in der Wissensfabrik überzeugt. Deshalb müsste Deutschland bei seinen Ausgaben für Bildung an der Spitze der OECD-Staaten stehen. Tatsächlich aber sind wir nicht einmal Durchschnitt. Es fehlt sogar ein Ziel, auf das wir hinarbeiten könnten. Das ist ein Armutszeugnis. Ich wünsche mir, dass Bund und Länder eine gemeinsame Zielmarke festlegen, die angibt, wie viel Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgegeben wird.
Wofür benötigt die Bildung mehr Geld?
Als Wissensfabrik sehen wir zum einen Nachholbedarf bei der schulischen Ausstattung mit IT-Infrastruktur, etwa bei Laptops und PCs. Viel wichtiger ist es aber, ausreichend geeignete Lehrkräfte auszubilden. Den Lehrern kommt bei der Vorbereitung der Schüler auf den technologischen Wandel eine Schlüsselrolle zu. Dazu müssen wir die Lehrer befähigen, sonst erzielt das ganze Geld für technische Ausstattung wenig positive Wirkung. Die in der Wissensfabrik engagierten Unternehmen leisten dazu einen Beitrag. Im Projekt IT2School erleben Kinder, dass sie Informationstechnologie nicht nur nutzen, sondern auch gestalten können. Die Verantwortung für den Unterricht bleibt beim Lehrer.
Menschen mit IT-Kenntnissen sind aber nicht nur an Schulen gefragt, sondern auch in der freien Wirtschaft, wo ihnen hohe Gehälter winken. Warum sollten solche Leute ­ausgerechnet Lehrer werden wollen?
Es muss massiv in die Ausbildung von Lehrern investiert werden. Wenn wir junge Menschen wirklich optimal auf die Teilhabe an der Gesellschaft vorbereiten wollen, brauchen wir einen spannenden, fachlich fundierten Unterricht von qualifizierten Lehrern, die die Schüler für IT begeistern und die auch gut bezahlt werden. Angesichts ihrer wichtigen Aufgabe für die Gesellschaft verdienen Lehrer heute zu wenig.
Woher aber soll das zusätzliche Geld kommen? Schließlich gilt in Deutschland die Schuldenbremse, und die Ausgaben für die Verteidigung sollen stark steigen.
Der Staat erzielt derzeit so viele Steuereinnahmen wie noch nie. Wann, wenn nicht jetzt, sollte man in die Zukunft investieren? In unserem Bildungswesen wäre das Geld sinnvoll angelegt. Stattdessen werden zusätzliche Sozialausgaben eingeführt und weitere gefordert.
Baden-Württemberg will ja die Digitalisierung voranbringen und ihr auch bei der Bildung ein größeres Gewicht verleihen.
An Bekenntnissen dazu fehlt es nicht. Die Grünen haben die Digitalisierung für das Land zum Schwerpunktthema erklärt, ihr Koalitionspartner CDU will, dass Baden-Württemberg auf diesem Gebiet Leitregion wird. Allerdings müssen wir die Politik an dem messen, was sie tatsächlich unternimmt.
Informatik soll im Land nun Schulfach werden.
Ministerpräsident Kretschmann kündigte an, dass Informatik künftig an allen Schulen für alle Kinder angeboten wird. Doch dann erklärte Kultusministerin Susanne Eisenmann, dafür sei kein Geld da. Jetzt gibt es einen Kompromiss, wonach das Fach nur in der siebten Klasse unterrichtet wird und danach ist noch völlig unklar, wie es weitergeht. Der Wille ist also da, aber das Geld ­angeblich nicht. Für mich wird hier an der falschen Stelle gespart.
Auch im Berufsleben halten neue Technologien Einzug und können zunehmend ­menschliche Arbeit nicht nur ergänzen, ­sondern auch ersetzen. Selbst Steuerberater und Anwälte können nicht mehr davor sicher sein, dass künstliche Intelligenz ihnen einmal die Arbeit wegnimmt. Wie lässt sich diese Entwicklung in den Griff bekommen?
Vor uns als Gesellschaft liegt die riesige Aufgabe, den digitalen Wandel so zu gestalten, dass alle daran teilhaben können. Da ist die Politik ebenso gefragt wie Unternehmen, Gewerkschaften und Bildungseinrichtungen. Wir alle müssen die Menschen befähigen, sich die Kompetenzen anzueignen, die für die Zukunft wichtig sind. Und auch jeder Einzelne trägt Verantwortung für seine Aus- und Weiterbildung.
Welche Qualifikation schützt Menschen ­künftig noch davor, durch Rechner und ­Roboter ersetzt werden zu können?
Der Wandel der Arbeitswelt beschleunigt sich mit der digitalen Vernetzung. Mehr und mehr Aufgaben werden von IT durchdrungen sein. Wir wissen heute noch nicht genau, welche Fähigkeiten und welches Wissen in zehn oder 20 Jahren gefragt sein werden – deshalb kommt es entscheidend auf die Fähigkeiten an, ein Leben lang zu lernen und auf die Bereitschaft, sich stetig auf neue Anforderungen einzustellen.
Prominente Unternehmensführer wie ­Siemens-Chef Joe Kaeser oder Telekom-Chef Timotheus Höttges fordern bereits die E­inführung eines bedingungslosen Grund­einkommens für alle. Das soll den Menschen die Angst davor nehmen, durch die Technik ersetzt zu werden.
Wir stehen noch am Anfang dieser Entwicklung. Da sollten wir uns auf ihre Gestaltung konzentrieren und nicht ihr Ende vorwegnehmen. Das Konzept des Grundeinkommens blendet aus, dass Arbeit mehr ist als Broterwerb. Arbeit stiftet Sinn und verschafft den Menschen Anerkennung. Wir müssen alles daran setzen, alle Menschen mitzunehmen und ihnen Beschäftigung anzubieten. Für Fälle, in denen das nicht gelingt, da brauchen wir unser Sozialsystem. Dessen Leistungen sollten auch künftig nicht bedingungslos gewährt, sondern an eigene Anstrengungen gekoppelt werden, wieder Anschluss an die Entwicklung zu finden.
Wird es in der neuen Welt überhaupt noch einfache Jobs geben?
„Einfach“ ist hier das falsche Wort. Es wird auch künftig Tätigkeiten geben, die ein Roboter nicht übernehmen kann. Ein Roboter kann zum Beispiel heute nur in sehr begrenztem Umfang mit Gefühlen von Menschen umgehen. Das ist aber wichtig bei Berufen, in denen Betreuung, Unterstützung und Hilfe geleistet wird – etwa in der Pflege. Auch für den Umgang mit Kindern ist diese Empathie wichtig. Das sind keine einfachen, sondern verantwortungsvolle Arbeiten.

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