Internet-Betrüger Global entgrenzte Kriminalität

Von Franz Feyder 

Auch im Internet hinterlassen Verbrecher ihre Spuren, anhand derer ihnen Ermittler auf die Schliche kommen Foto:  
Auch im Internet hinterlassen Verbrecher ihre Spuren, anhand derer ihnen Ermittler auf die Schliche kommenFoto:  

21 Milliarden Euro erbeuten Kriminelle jährlich durch ihre Straftaten im Internet, schätzen Experten der US-amerikanischen Bundespolizei FBI. In Stuttgart fahndet ein Oberkommissar nach den Betrügern im Netz. Ein Blick über die Schulter des Cyber-Ermittlers und in die jüngste Abteilung des LKA.

Stuttgart - Am Ende eines Arbeitstages hat Polizeioberkommissar Andreas M. die Verbrecher rund um die Welt gejagt. Ist ihnen über die Gipfel der Schweizer Alpen gefolgt, hat ihre Spuren auf dem Grund des Atlantiks gesammelt und ist ihnen in die Wüste Saudi-Arabiens gefolgt. Festgenommen hat er an diesem Tag niemanden. Mit seinem Wissen um die Kriminalität im Internet ist er den Betrüger aber ein Stück näher gekommen.

Sechs Bildschirme nebeneinander und drei Tastaturen breit ist Andreas M.s digitale Welt im Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg. Seine Finger fliegen über die Tasten, seine Augen folgen den Buchstaben- und Zahlenkolonnen. So verfolgt der junge Schutzmann die digitalen Spuren, die Cyberkriminelle im World Wide Web hinterlassen. Der Internetermittler will Kriminelle fangen, die wahllos Computer mit einem Virus verseuchen, Rechner lahmlegen und Geld dafür verlangen, dass die Geräte wieder flott gemacht werden.

Sein aktueller Fall begann für Andreas M. damit, dass ein Mann seinen Laptop auf den Tresen eines Polizeipostens irgendwo im Südwesten hievte und den Beamten aufforderte, er solle das Ding wieder freischalten. Als der Schwabe zu Hause eine Webseite aufrief, nach der er mit dem Begriff „Piranha“ gesucht hatte, erschien eine ganz andere Seite auf seinem Bildschirm. „Ihr Computer wurde gesperrt“, teilte ihm vermeintlich die Bundespolizei mit. Er habe ein verbotenes Angebot im Internet aufgerufen. Deshalb habe er 100 Euro Strafe zu zahlen, dann würde sein Rechner wieder freigeschaltet.

Auffällig: Die angebliche Strafanzeige war so schlecht formuliert, wie es Übersetzungsmaschinen aus dem World Wide Web eben tun, wenn sie mit Texten in einer fremden Sprache gefüttert werden. Den ehrlichen Schwaben hielt das nicht davon ab, die 100 Euro zu bezahlen. Wenn auch die Frage bleibt, was an Piranhas verboten sein soll. Längst schlagen Internetbetrüger nicht nur auf schmuddeligen Sexseiten zu, hat Fahnder Andreas M. festgestellt. „Die nutzen jede sich bietende Sicherheitslücke in den IT-Systemen und Software aus, gleichgültig, ob die in einer Seite mit Pornovideos auftauchen oder in Seiten, auf denen Autos oder Gemüse angeboten werden.“ Die Masche ist immer die gleiche: Die Betrüger infizieren den Rechner des Betroffenen mit einem Virus, sperren ihn und fordern eine Geldstrafe. Selbst wenn die gezahlt wird, bleibt der Rechner gesperrt und muss in vielen Fällen von Computerprofis erst gesäubert und wieder in Betrieb genommen werden.

Eine „Bedrohung mit unvergleichbarer Dimension“ hat das Bundeskriminalamt in der Cyberkriminalität ausgemacht. Kriminaldirektor Reinhard Tencz, Leiter der Abteilung „Cybercrime – Digitale Spuren“ im LKA Baden-Württemberg, spricht von einer „global entgrenzten Kriminalität“ und zählt auf, in welchen Fällen die Polizei im Internet ermittelt: Erpressung, Diebstahl, Betrug, Drogenhandel, Geldwäsche, Kinderpornografie, Spionage, Terrorismus. Das Internet, sagt Tencz, sei für Verbrecher ein Platz „sich ungehemmt und ungebremst entwickelnder Kriminalität“.

Die stellt sich im Fall „Piranha“ auf den Bildschirmen von Cyberermittler Andreas M. in blauen Punkten auf einer Weltkarte dar. Die Flecken zeigen die Länder an, in denen die Internetbetrüger zugeschlagen haben. 30 Tage lang konnten die Ermittler bei einer ähnlichen Ermittlung feststellen, wie viele Opfer den Betrügern auf den Leim gingen und ihre „Strafe“ zahlten: Etwa 800 000 Euro bilanzierten die Fahnder für diesen Monat nur in diesem Fall. Mit der Kriminalität im Internet, ist sich Christian Pfeiffer, Chef des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover, sicher, „verdienen die Täter inzwischen mehr, als sie mit allen Straftaten im Handel von Heroin, Kokain oder Marihuana zusammen bekommen“. 21 Milliarden Euro werden jährlich weltweit so erbeutet, schätzen Experten des FBI.

Europa ist voll von den blauen Punkten auf Andreas M.s Bildschirm. In 45 Ländern haben die Kriminellen bislang Computer infiziert – nur in Afrika und Russland gibt es keine Punkte. „In Afrika ist für die Täter kaum Geld zu holen“, sagt Kriminologe Pfeiffer und wird deutlicher: „Der Acker ‚Internetkriminalität’ wird derzeit vor allem von Tätern in Russland und China – nahezu unbehelligt von den Strafverfolgungsbehörden in diesen Ländern – bestellt.“ Anders ausgedrückt: Der Polizei in diesen Ländern ist es gleichgültig, was die Cyberkriminellen im eigenen Haus treiben, solange sie sich nicht da, sondern weltweit ihre Opfer suchen.

Wie viele sie finden, wird wohl nie zu klären sein. Die Dunkelziffer ist hoch. „Viele Opfer, gerade kleine und mittelständische Unternehmen“, weiß Reinhard Tencz, „melden sich oft gar nicht bei der Polizei, wenn etwas Ungewöhnliches mit ihrem Computern passiert – meist aus Furcht oder Unwissen“. Oft nähmen die Betroffenen an, die Polizei rücke mit Einsatzkräften an, um die Computer mitzunehmen und zu untersuchen. Dabei haben die Cyber-Cops gelernt, so schonend und diskret vorzugehen, wie nur möglich. „Wenn sich ein Unternehmen an uns wendet, stellen wir ein für diese Firma maßgeschneidertes Spezialisten-Team zusammen“, beschreibt Tencz das Vorgehen. Die sichern vor Ort die Daten, die sie brauchen, um nach den Tätern zu fahnden, und sie zu identifizieren. Die baden-württembergischen Computerpolizisten gehörten zu „den Besten Deutschlands“, sagen Fahnder in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Der Internetfahnder Andreas M. musste das Gebäude des LKA in der Taubenheimer Straße in Stuttgart gar nicht verlassen, um die Cyber-Betrüger zu verfolgen .Die Daten, die er brauchte, um mutmaßlichen Kriminellen im Fall „Piranha“ zu folgen, bekam er aus dem Polizeiposten auf seinen Schreibtisch geliefert. 4000 Polizisten sind bislang in Baden-Württemberg seit 2007 gezielt dafür geschult worden Anzeigen aufzunehmen und erste Spuren auf Festplatten zu sichern. Die Polizeireform sieht vor, dass ab 1. Januar 2014 in den neuen Polizeipräsidien auch Spezialisten für Computer- und Internetkriminalität in eigens dafür eingerichteten Kriminalinspektionen arbeiten.

Ihre Aufgabe: Internet-Kriminelle aufspüren, Beweise für ihre Straftaten zu sichern und sie an die Staatsanwaltschaften zu übergeben. Niedersachsen hat dafür eigens eine sogenannte Schwerpunktstaatsanwaltschaft eingerichtet. In der verfolgen speziell geschulte Ankläger die Fälle, die ihnen von den Cyber-Polizisten übergeben werden. In Baden-Württemberg werden Straftaten im Internet von einer besonders geschulten Klägerin beim Generalstaatsanwalt verfolgt. Auf ihrem Schreibtisch wird irgendwann auch der Fall „Piranha“ landen. Nachdem Oberkommissar Andreas M. den Tätern virtuell über Berge, durch Wüsten und auf den Grund des Meeres gefolgt ist. Und penibel die Spuren im weltweiten Datenmeer dokumentiert, die Täter hinterlassen – unwiderruflich.

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