IngenieurIN Mangelware Zu viel Roboter

Von Arnold Rieger 

Ein Ingenieursstudium ist bei Frauen nur mäßig beliebt Foto: dpa
Ein Ingenieursstudium ist bei Frauen nur mäßig beliebtFoto: dpa

Die Studienfachwahl von Frauen lässt sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Und noch schwerer lässt sie sich beeinflussen.

Stuttgart - Immer wieder montags ist für amerikanische Jugendliche Urknalltag. Die Fernsehkomödie „Big Bang Theory“ zählt zu den erfolgreichsten Comedy-Serien überhaupt. Wie sich die beiden Freundinnen Amy und Bernadette mit ihren schrulligen WG-Männern kabbeln und über die Tücken des Alltags stolpern, ist allererste Sahne.

Die Berliner Bildungswissenschaftlerin Marion Esch wäre froh, Figuren wie Amy und Bernadette kämen auch in heimischen Serien vor. Denn die eine ist Mikro-, die andere Neurobiologin mit Harvardabschluss. In deutschen Eigenproduktionen, so hat Esch festgestellt, haben solche Naturwissenschaftlerinnen bisher keinen Platz.

Diese Erkenntnis hat bei Bildungsforschern ziemlich viel Aufsehen erregt. Denn Esch macht daran – wenigstens zum Teil – den miserablen Anteil von Frauen in sogenannten Mint-Fächern fest. Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, und trotz aller staatlichen Versuche, die Rollenmuster bei der Studienfachwahl aufzubrechen, muss man feststellen: Mint ist männlich.

Fast 49 Prozent der Studien Anfänger im Südwesten sind Frauen

Nicht, dass Frauen studierfaul wären, ganz im Gegenteil. Von den fast 77 700 ­Anfängern an baden-württembergischen Hochschulen waren im vergangenen Jahr 48,5 Prozent Frauen. Damit hinkt der Südwesten zwar noch immer weit hinter manchen anderen Ländern her, aber es sind so viele wie nie zuvor. Frauen drängen also in die Hörsäle – doch der Fächerkanon, den sie wählen, hat Schlagseite.

Favoriten sind noch immer die Sprach- und Erziehungswissenschaften. 89,4 Prozent der Französisch-Studierenden sind Frauen, bei Spanisch sind es 82,9 Prozent. Das zeigt sich aus einer Übersicht, die das Statistische Landesamt für unsere Zeitung erstellt hat. 1995 oder 2003 lagen diese Wert noch lange nicht so hoch.

Auch die Fächer Germanistik (80,8 Prozent), Amerikanistik (78,5 Prozent) und Anglistik (76,9 Prozent), die meist in den Lehrerberuf münden, haben in der weiblichen Gunst zugelegt. Das gilt auch für Psychologie (79,9 Prozent). Dass Kunstgeschichte (88 Prozent) und musische Fächer weiblich sind, war schon immer so und hat sich sogar noch verstärkt.

BWL ist bei Studentinnen am beliebtesten

Betrachtet man jedoch die ­absoluten Zahlen, liegt ein ganz anderes Fach vorn: Betriebswirtschaftslehre. 5331 Abiturientinnen haben das Studium im vergangenen Jahr aufgenommen, mit 55,7 Prozent liegen Frauen mittlerweile vorn. Auch die Rechtswissenschaft (58,3 Prozent), Medizin (59 Prozent) und Architektur (59,5 Prozent) sind binnen weniger Jahre zu Frauendomänen geworden.

Es wäre also falsch zu behaupten, all die „Girl’s Days“ und andere Werbeaktionen hätten überhaupt nichts erreicht. Selbst die Chemie (44 Prozent) und das Bauingenieurwesen (28,9 Prozent) zieht Abiturientinnen deutlich stärker an als noch vor Jahren. Trotzdem bleibt die nüchterne Erkenntnis: Klassische Mint-Fächer wie Maschinenbau (12,7 Prozent), Elektrotechnik (12,8 Prozent), Informatik (14,1 Prozent), aber auch Physik (21,4 Prozent) werden von jungen Frauen gemieden. Und in Mathematik, wo der Anteil vor zehn Jahren noch bei 60,5 Prozent lag, ging er mittlerweile auf 57,7 Prozent zurück.

„Die Werbeaktionen greifen nicht wirklich“, sagt Ute Mackenstedt, die an der Uni Hohenheim Biologie lehrt. Da sie auch Landessprecherin der Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten an Unis ist, hat sie das Studienwahlverhalten von Abiturientinnen besonders im Blick: „Wir brauchen die besten Köpfe in Wissenschaft und Wirtschaft.“

Wie lassen sich Beruf und Familie am besten vereinbaren?

Über die Frage, warum Frauen sich so und nicht anders verhalten, gibt es mittlerweile ganze Regalwände voller Literatur. Positive Vorbilder spielen eine große Rolle, das weiß man, auch die Erfahrung mit einem Fach in der Schule ist wichtig. „Abiturientinnen tendieren oft zu Fächern, mit denen sie lange vertraut sind“, sagt Mackenstedt.

Aber auch die Frage, wie man Beruf und Familie vereinbart, wird oft als Entscheidungsgrundlage angesehen – was die weib­liche Neigung zum Lehrerberuf erklären würde. Manche Autoren glauben zu wissen, dass sich Frauen stärker von persönlichen Interessen leiten lassen als von der Aussicht, später gut Geld zu verdienen. Aber ist das bei Männern anders? Und erklärt das den Stellenwert der Betriebswirtschaft?

„Es gibt viele Faktoren, es reicht deshalb nicht, an einer Schraube zu drehen“, sagt Claudia Goll, promovierte Maschinenbauerin und Leiterin des Mint-Kollegs Baden-Württemberg. Die gemeinsame Einrichtung der Uni Stuttgart und des Karlsruher Instituts für Technologie will die fachlichen ­Voraussetzungen von Abiturienten für Mint-Fächer verbessern.

„Langsame, aber positive positive Dynamik“

Der Wandel im Rollenbild spielt sich Golls ­Ansicht nach nicht nur in den Köpfen der Frauen ab, er sei vielmehr ein gesellschaftlicher Prozess: „Eine Bauingenieurin muss normal werden.“ Sie kann deshalb der These, dass ­Rollenbilder in TV-Serien stark wirken, viel abgewinnen. In kleinerem Rahmen schlägt auch das Mint-Kolleg in diese Kerbe und lädt zum Beispiel zum Plausch mit Maschinenbauprofessorinnen ein.

Immerhin wurde erreicht, dass der Anteil der Frauen in Mint-Studiengängen mittlerweile auf rund 28 Prozent gewachsen ist. „Wir stellen eine langsame, aber positive Dynamik fest“, heißt es im Wissen­schaftsministerium.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ­plädiert dafür, dass die Hochschulen noch an einer anderen Stellschraube drehen: „Frauen lassen sich stärker für Mint-Studiengänge begeistern, wenn deren Anwendungsbezug im Vordergrund steht“, sagt die Grünen-Politikerin. Auch eine explizit interdisziplinäre Herangehensweise spreche Frauen stärker an, weil sie die Fähigkeit zur Lösung komplexer Probleme in den Mittelpunkt stelle.

Das sieht auch Mackenstedt so. Die Hochschulen sollten sich überlegen, ob sie Fächer wie Maschinenbau nicht noch anwendungsorientierter gestalten, sagt die Professorin. Welche Wirkung das hat, zeigt sich zum Beispiel beim Fach Medizinische Informatik: Der Praxisakzent für das ansonsten verschmähte Fach Informatik hat den Frauenanteil binnen weniger Jahre auf 54,1 Prozent hochschnellen lassen. In der Biochemie liegt er mittlerweile gar über 60, in der Lebensmittelchemie sogar bei 93 Prozent.

Studienfachwahl hat mit Bauch und Kopf zu tun

„Zu viel Roboter“ habe eine Studentin bei einer Befragung angegeben, warum sie kein Mint-Fach studiere, erinnert sich Stefan Küpper vom Arbeitgeberverband Südwestmetall an eine Umfrage. Auch er hält deshalb Hybrid-Studiengänge, die schon im Namen gesellschaftliche Relevanz zum Ausdruck bringen, für das Mittel der Wahl. Technik als Selbstzweck? Nein danke. Was bei Jungs ­Begeisterung auslöst, schreckt Mädchen offenbar eher ab.

Die Studienfachwahl hat also mindestens so viel mit dem Bauch wie mit dem Kopf zu tun. Claudia Goll vom Mint-Kolleg ist deshalb neidisch auf die amerikanischen Soaps mit all ihren erfolgreichen Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen. Vielleicht, so sagt sie, sollte man in die „Lindenstraße“ mal eine erfolgreiche Elektroingenieurin einbauen.

Der Mint-Spezialistin ist nämlich aufgefallen: Seit junge Pathologinnen die TV-Krimis bevölkern, ist dieser Beruf bei jungen Frauen mehr als angesagt.

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