Im Schrank schlummerten die Originale

Von "Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg" 

Kornwestheim/Frankfurt Das Deutsche Architekturmuseum zeigt ab heute eine Bonatz-Ausstellung - mit Leihgaben aus Kornwestheim.

Kornwestheim/Frankfurt Das Deutsche Architekturmuseum zeigt ab heute eine Bonatz-Ausstellung - mit Leihgaben aus Kornwestheim.

Was aus seinen Händen hervorgeht, hat Größe." Als Julius Posener, Architekturhistoriker und Hochschullehrer, dieses Urteil über Paul Bonatz abgegeben hat, mag er nicht gerade das Kornwestheimer Rathaus vor Augen gehabt haben, sondern eher den Stuttgarter Hauptbahnhof oder die Brücke über den Rhein bei Köln-Rodenkirchen. Der 1935 eingeweihte Kornwestheimer Verwaltungssitz ist vielleicht nicht im beeindruckendsten Gebäude, das Paul Bonatz je entworfen hat. Doch es ist immerhin von so großer Bedeutung, dass Originalentwürfe vom Bau Teil der Ausstellung über Leben und Werk des Baumeisters sind, die heute im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt eröffnet wird.

Überall dort, wo Paul Bonatz seine architektonischen Spuren hinterlassen hat, haben die Ausstellungsmacher rund um Kurator Wolfgang Voigt die Fühler ausgestreckt: Wo existieren noch Unterlagen über die Arbeit von Bonatz, wer verfügt über Informationen? Auch in Kornwestheim machte man sich daraufhin auf die Suche nach Bonatz"schen Hinterlassenschaften - und Kurt Schaible, Leiter des Bauverwaltungsamts, wurde fündig. Große Originalzeichnungen, die beispielsweise den 48 Meter hohen Wasserturm von allen Seiten zeigen, fanden sich in einem alten Kartenschrank, "schön sortiert", wie Schaible erzählt. Für ihn sei die Anfrage aus Frankfurt Anlass gewesen, selbst einmal nach Bonatz-Entwürfen zu suchen. Vom Fund unterrichtet, seien die Ausstellungsmacher aus Frankfurt eigens angereist, um die potenziellen Exponate unter die Lupe zu nehmen - und seien sehr angetan gewesen, freut sich der Bauverwaltungsamtsleiter. Stadt und Museum schlossen einen Leihvertrag und holten die Zeichnungen in Kornwestheim ab. Aufwendig wurden sie für den Transport verpackt, schließlich darf den Plänen, die so lange unversehrt im Stadtbauamt lagerten, nichts passieren.

Die Kornwestheimer Leihgaben sind ab heute in der neuen Ausstellung zu sehen. "Die Exponate der Stadt Kornwestheim nehmen etwa fünf laufende Meter in der Ausstellung ein", berichtet Pressesprecherin Brita Köhler. Die Schau befasst sich dem Titel nach mit dem "Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus" des 1956 verstorbenen Paul Bonatz. In den Fokus gerückt sind seine Gebäude durch Stuttgart 21, das auch einen Teilabriss des von Bonatz gebauten Hauptbahnhofs zur Folge hat. Aber: "Obwohl das Geschehen die Ausstellungsmacher nicht unberührt lassen konnte, wurde darauf geachtet, den aktuellen Konflikt aus der Ausstellung herauszuhalten", heißt es aus dem Frankfurter Museum. Nur so bestehe eine Chance, dass das ganze Werk des Architekten wahrgenommen werde und nicht nur der Stuttgarter Bahnhof.

Die Ausstellung gibt einen Überblick über die Arbeit des 1877 geborenen Paul Bonatz, dessen "Stuttgarter Schule" in den Jahren zwischen den Weltkriegen eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für Architekten war. Dabei konzentrierte sich Bonatz keineswegs nur auf Wohn-, Geschäfts- oder Verwaltungsbauten: "Seine Autobahnbrücken wurden schnell zu Vorbildern, die ihm international Ansehen einbrachten." Dass Bonatz im Dritten Reich gerne am Bau monumentaler Gebäude mitwirken wollte, verschweigt die Ausstellung ebenfalls nicht. Seine politischen Zweifel am Regime führten aber dazu, dass sich Bonatz 1944 nach Ankara ins Exil absetzte. gam

Ausstellung Die Schau "Paul Bonatz 1877-1965. Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus" wird heute, 19 Uhr, eröffnet. Sie ist bis 20. März zu folgenden Zeiten zu sehen: dienstags und donnerstags bis samstags, 11 bis 18 Uhr, mittwochs, 11 bis 20 Uhr, sowie sonntags, 11 bis 19 Uhr. Führungen finden jeweils samstags und sonntags um 15 Uhr statt. Kurator Wolfgang Voigt führt am Mittwoch, 26. Januar, sowie am Mittwoch, 16. März, 18 Uhr durch die Ausstellung. Zweite Station der Schau ist Tübingen: Dort ist die Ausstellung von 26. März bis 22 Mai in der Kunsthalle zu sehen. Die Originale aus Kornwestheim sind dann aber wohl nicht mehr dabei.

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