Er hatte im Gefängnis den Tod vor Augen. Sie hetzte sich ab zwischen Berlin und Kreisau. Dennoch bezeichneten Helmuth James von Moltke und seine Ehefrau Freya die schwierigen letzten Monate ihrer gemeinsamen Zeit als besonders beglückend. Das geht aus ihrer Korrespondenz hervor, die Sohn Helmuth Caspar von Moltke und Schwiegertochter Ulrike von Moltke am Donnerstagabend auszugsweise im Deutschen Literaturarchiv vorgelesen haben. Warum das so sein konnte, wird verstehen, wer um die Tiefe und Dynamik weiß, die jeder intensive, aufrichtige Briefwechsel generiert. Ulrike von Moltke gab einen zusätzlichen Hinweis: Als das Leben der beiden glücklich Verheirateten noch nicht vom Krieg überschattet war, habe sich der kopflastige Verstandesmensch von Moltke schwer damit getan, über Gefühle zu reden. Doch als sich die Ehe auf den Austausch von Briefen reduzieren musste, sei er praktisch dazu gezwungen worden. "Die Liebe bekommt Ausdruck", so Ulrike von Moltke.
Noch eine weitere Veränderung seines Seelenlebens brachte die Inhaftierung von Januar 1944 bis zur Hinrichtung im Januar 1945 mit sich: In seiner Zelle im Gefängnis Tegel las der am Widerstand gegen Hitler Beteiligte die Bibel, Luther, das Gesangbuch. Aus dem wenig religiösen, "konventionellen Christ" wurde ein Gläubiger. "Er hat im Glauben Halt gefunden", sagte sein Sohn. Auf die Frage von Archivdirektor Ulrich Raulff, ob er dabei nicht stark die Mutter mitgenommen habe, lautete die Antwort: "Ja, sie hat sich mitnehmen lassen. Sie wollte ihm damit nah sein. Für sie selbst war Religion gar nicht so wichtig. Ihr Glaube war deckungsgleich mit ihrer Liebe".
Raulff bescheinigt der Korrespondenz, jetzt vorliegend in dem Buch "Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel", hohe literarische Qualität. Freya von Moltke selbst war es, die von ihrem amerikanischen Wohnsitz aus zwei Jahre vor ihrem Tod im Januar 2010 die Manuskripte dem Marbacher Literaturarchiv vermachte.
Als Legende bezeichnete der Historiker Peter Hoffmann die verbreitete Behauptung, von Moltke habe nur geplant und geschrieben, nicht aber aktiven Widerstand geleistet. Völlige Klarheit darüber, wie der studierte Völkerrechtler und Kriegsverwaltungsrat zu einem Umsturz mit Hilfe physischer Gewalt stand, brachten aber auch Hoffmanns Beleuchtungen nicht. Während er aus manchen Zitaten "eine beachtliche Tendenz zur Gewaltanwendung" sich entfalten sieht, findet er an anderen Stellen Aussagen gegen Gewalt. "Der Widerspruch ist für mich nicht auflösbar", sagte Hoffmann.
Politisch habe von Moltke nach links tendiert. Er wollte die großen Güter, auch das eigene, aufteilen und nannte sich selbst einen adeligen Sozialisten. Als Mitglied des Kreisauer Kreises, den Freya von Moltke mitgegründet hatte, wollte er einen "neuen Menschen", nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. Deshalb distanzierte er sich Hoffmanns Ausführungen zufolge vom Widerständler Carl Goerdeler, der auf dem Vorhandenen habe aufbauen wollen. Auch zum Widerstandskämpfer Claus Schenk von Stauffenberg sieht Hoffmann Differenzen. Während der "das Reich retten wollte", konnte sich von Moltke einen Sieg der Westmächte und eine neue Ordnung vorstellen.
Unter den gut 150 Gästen im Literaturarchiv waren viele Angehörige der Familien von Moltke, von Stauffenberg und von Haeften. In der für 2013 geplanten Ausstellung "Kassiber" im Literaturmuseum der Moderne soll der Moltke-Nachlass dann zentraler Bestandteil sein.