IG Metall „Starke Branchen müssen vorausgehen“

Von Michael Gerster 

Im Ton versöhnlich, in der Sache hart:  IG-Metall-Bezirks­leiter Roman Zitzelsberger  in der Diskussion mit Südwestmetall-Chef Stefan Wolf Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Im Ton versöhnlich, in der Sache hart: IG-Metall-Bezirks­leiter Roman Zitzelsberger in der Diskussion mit Südwestmetall-Chef Stefan WolfFoto: Lichtgut/Leif Piechowski

Warnstreiks begleiten die Tarifverhandlungen für die rund 900 000 Beschäftigten der Metallbranche im Südwesten. Zumindest der Ton von Gewerkschaft und Arbeitgebern ist versöhnlich.

Stuttgart - Herr Wolf, Herr Zitzelsberger, waren Sie bereits mal am Abend in der Kneipe auf ein Bier? Das soll für die Verhandlungsatmosphäre ja Wunder bewirken.

Wolf: Wir waren zwar noch nicht in der Kneipe, aber vor einigen Tagen haben wir bei einer Veranstaltung zusammen im Restaurant gesessen und ein Glas Wein getrunken. Aber ehrlich gesagt brauchen wir das nicht, um die Atmosphäre entspannt zu gestalten. Zitzelsberger: Es ist ja kein Geheimnis, dass wir menschlich ganz gut miteinander können, auch wenn wir in der Sache heftig streiten.

Bei den Verhandlungen geht es um ein Paket aus Lohnforderung, Alters- und Bildungsteilzeit. Ist diese Tarifrunde besonders komplex?
Zitzelsberger: Die Komplexität ist natürlich höher, als wenn wir uns nur über Entgelt und Laufzeit unterhalten müssten. Aber wenn man sich die vergangenen zehn Jahre anschaut, dann hatten wir schon schwierigere Themen. Im Prinzip gilt da der Grundsatz von Sepp Herberger: Das nächste Spiel oder in diesem Fall die nächste Tarifverhandlung ist immer die schwerste.
Wolf: Zur Komplexität trägt natürlich auch bei, dass die Mitglieder unseres Verbands sehr heterogen sind. Ein Weltkonzern hat eine andere Sicht auf die Dinge als ein 500-Mann-Betrieb im Schwarzwald. Die müssen mit solchen Regelungen, wie wir sie anstreben, auf ganz unterschiedliche Weise klarkommen. Die große Herausforderung ist für uns, dass am Ende alle sagen, dies wird unserer Situation gerecht.
Die Arbeitgeber bieten bisher 2,2 Prozent mehr Lohn.
Wolf: Eigentlich sollen Lohnerhöhungen aus Sicht der Beschäftigten ja den Kaufkraftverlust durch Inflation ausgleichen. Die Prognosen liegen für 2015 bei knapp 1,2 Prozent. Hinzu kommen Steigerungen der Produktivität, wo wir höchstens mit einem Plus von 0,5 Prozent rechnen. Das wären also 1,7 Prozent. Außerdem haben wir noch eine Vorbelastung aus dem vorigen Tarifabschluss. Wenn wir die noch abziehen, halten wir das Angebot von 2,2 Prozent für ordentlich.
Zitzelsberger: Tatsächlich handelt es sich nicht um die übliche Provokation mit einer 1 vor dem Komma. Auf der anderen Seite geht es uns ja nicht nur ums Geld. Insofern entsteht der Eindruck, dass man hier mit einer vergleichsweise hohen Zahl die anderen Themen, allen voran die Bildungsteilzeit, unbedeutend machen will. Wenn man aber alle drei Dinge nebeneinanderstellt, passt das bei weitem noch nicht in die Welt.
Die 5,5 Prozent sind nicht zu hoch gegriffen?
Zitzelsberger: Wir stellen keine Tarifforderungen auf, die mit der Realität in der Metall- und Elektroindustrie nichts zu tun haben. Gleichzeitig hat die Lohnentwicklung auch eine gesamtwirtschaftliche Funktion. Der private Konsum ist wichtigster Wachstumstreiber und kann einer Deflation entgegenwirken. Deshalb haben wir auch eher die mittelfristigen Tendenzen im Blick, also die Zielinflation der EZB von rund zwei Prozent. Was die Produktivität angeht, schauen wir nicht nur auf die Metallindustrie, sondern auf alle Branchen. Vor allem die verschiedenen Dienstleistungsbranchen ziehen derzeit die anderen Bereiche deutlich nach unten.
Wolf: Man muss natürlich auch sehen, dass die Realeinkommen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind, allein 2014 um 2,2 Prozent in der gesamten Wirtschaft. Das Durchschnittseinkommen der Metallindustrie liegt bei 57 000 Euro, das sind 5000 mehr als noch vor drei Jahren. Die Mitarbeiter sind gut aufgestellt. Außerdem haben wir ja auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Und wenn andere Branchen bei diesen Steigerungen nicht mehr mitgehen können, wird diese Schere mittelfristig zum Problem.
Das heißt, alle wollen zu Daimler und Porsche, aber keiner mehr Bäcker lernen?
Zitzelsberger: Wenn wir in der Metallbranche Verzicht üben würden, hätten wir ja keinen Effekt für die Einzelhändler. Es wird hier ja nicht umverteilt. Stattdessen profitiert doch auch der Bäcker um die Ecke davon, wenn die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie ein gutes Einkommen haben und seine Produkte kaufen. Die starken Branchen müssen vorausgehen und die anderen nachziehen, alles andere wäre ein Irrglaube.
Auch innerhalb der Metallindustrie fühlen sich viele kleine Mittelständler von den großen Konzernen vor sich hergetrieben.
Wolf: Wenn wir die 15 renditestärksten der 750 Unternehmen aus unserem Verband herausrechneten, würde dies den Renditeschnitt schon deutlich senken. Wir müssen die Branche einfach differenziert betrachten. Wir haben nach der Finanzkrise im Land 85­ 000 Jobs aufgebaut. In den letzten Jahren haben nur 20 Unternehmen stark eingestellt, für den großen Rest liegt der Saldo bei null. Viele ­haben Arbeitsplätze gestrichen oder nach Tschechien und Polen verlagert. Dort sind die Lohnstückkosten zwar auch angestiegen, aber eben nicht so stark wie erwartet.

Zitzelsberger: Es gibt einen Trend zur Verlagerung von einfachen manuellen Tätigkeiten. Aber die Lohnstückkosten in Deutschland sind in der langfristigen Entwicklung seit den 90ern deutlich zurückgegangen. Im Vergleich mit anderen Ländern sind wir in einem hohen Maße wettbewerbsfähig. Tarifpolitik hat die Rolle, eine breite Mitte zu treffen. Dort, wo es mal nicht so gut läuft, haben die Betriebe über das Pforzheimer Abkommen die Möglichkeit, davon abzuweichen.

Weiter auseinander als beim Lohn scheinen die Positionen bei der Altersteilzeit.
Wolf: Bei Einführung der Altersteilzeit vor fast 20 Jahren hatten wir höhere Arbeitslosigkeit, eine schlechte wirtschaftliche Situation. Wir wollten junge Menschen in Arbeit bringen. Heute haben wir quasi Vollbeschäftigung. Über die Rente mit 63 gehen uns viele Arbeitskräfte verloren. Zwar gibt es Menschen etwa in der Produktion, die gesundheitlich nicht mehr können. Die decken wir mit dem angebotenen Kontingent von zwei Prozent der Belegschaft ab. Wer dagegen noch arbeiten kann, soll höchstens auf freiwilliger Basis gehen dürfen.
Zitzelsberger: Aber es sind doch heute längst nicht mehr nur Leute in der Produktion besonders belastet, wir haben überall eine starke Leistungsverdichtung. Es geht darum, den Menschen Möglichkeiten einzuräumen, gesund und entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse in Rente zu gehen. Nach dem Wegfall öffentlicher Förderung haben wir im Jahr 2008 die Quote von vier Prozent mitfinanziert, diesen Beitrag wollen die Arbeitgeber einfach wieder einkassieren.
Lassen die Arbeitgeber bei der Quote noch mal mit sich reden?
Wolf: Im Rahmen von Betriebsvereinbarungen hat das ja gut funktioniert zwischen Betriebsräten und Arbeitgebern. Diese Vereinbarungen hätten selbstverständlich Bestandsschutz. Dort könnten also vier Prozent stehen, im Tarifvertrag sind aus unserer Sicht aber nur zwei Prozent denkbar.
Zitzelsberger: Da die Betriebsvereinbarungen auf dem Tarifvertrag aufbauen, wären die zwei Prozent bald die Regel. Das hieße, Menschen Sand in die Augen zu streuen.
Wie stehen denn die Chancen für eine Bildungsteilzeit?
Wolf: Uns stört es, das Thema persönliche Weiterbildung tariflich festzuschreiben. Denn es kann bedeuten, dass ich jemanden weiterbilden muss und nachher kein Arbeitsplatz für diese höhere Qualifikation vorhanden ist. Der Mitarbeiter verlässt dann den Betrieb – und der Arbeitgeber muss dies finanzieren.
Zitzelsberger: Zunächst müssen die Arbeitgeber grundsätzlich bereit sein, mit uns über tarifliche Ansprüche zur persönlichen Weiterbildung zu reden. Dann finden wir sicher auch eine Lösung für diejenigen, die dem Betrieb zeitnah nach der Fortbildung den Rücken kehren, zum Beispiel eine Rückzahlungsvereinbarung. Der Grundgedanke bleibt: Die Betriebe brauchen Fachkräfte, Weiterbildungen kommen beiden Seiten ­zugute.
Wolf: Es ist klar, dass wir bei den An- und Ungelernten etwas machen können. Wenn ich mir heute einen Maschinenbediener und die Anforderungen anschaue, das hat mit dem Beruf von vor zehn Jahren wenig zu tun. Aber der Bezug zu betrieblichen Belangen muss da sein, der ist uns elementar wichtig.
Zitzelsberger: Da lässt sich schnell ein Konsens herbeiführen, wenn wir für diese Gruppe tarifvertraglich mehr Verbindlichkeit herbeiführen. Es geht ja nicht darum, dass sich ein Mitarbeiter von Daimler zum Klavierbauer fortbilden lassen kann.
Im Rahmen der persönlichen Weiter-bildung aber theoretisch schon – oder etwa nicht?
Zitzelsberger: Nein, das ist ein Trugschluss, das haben wir noch nie gefordert.
Wolf: Dann höre ich mit großen Wohlwollen, dass ein betrieblicher Bezug da sein soll.
Zitzelsberger: Der steht doch heute schon im Tarifvertrag. Bei einer zusätzlich geförderten Weiterbildung würde sich daran nichts ändern.
Wie soll die Förderung aussehen?
Zitzelsberger: Die Förderung wäre analog zur Altersteilzeit, die Kosten lägen bei 0,2 Prozent der Entgeltsumme. Mein Vorschlag wäre, dass wir den bisherigen Tarifvertrag Qualifizierung um solche geförderten Möglichkeiten der Freistellung ergänzen.
Wolf: Wenn wir entsprechende Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten haben, können wir sicher über manches reden.
Das hört sich doch schon versöhnlich an, drohen trotzdem noch Urabstimmung und Streik?
Zitzelsberger: Dazu müssen wir die nächste Verhandlung am 11. Februar abwarten. Mit der hohen Warnstreikteilnahme zeigen die Beschäftigten, dass es ihnen ernst ist mit den Forderungen der Gewerkschaft. Tarifverhandlungen können sich nicht ewig hinziehen.
Wolf: Wenn wir Belange der Arbeitnehmer berücksichtigen, müssen wir auch für die Betriebe in der Breite eine Lösung finden, die es ermöglicht, wettbewerbsfähig zu bleiben und Arbeitsplätze aufzubauen. An verschärfter Konfrontation oder gar Streik ist uns nicht gelegen. Das wäre schädlich für den Standort Baden-Württemberg und würde nur dazu führen, woanders Wettbewerb aufzubauen.
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