Fred Uhlman nannte sich in seinem Lebensbericht bescheiden einen "durchschnittlichen Menschen". Ein wenig Ruhm erlangte der Stuttgarter Anwalt, Sozialdemokrat und jüdische Emigrant schon als Maler. Berühmt aber wurde sein Roman "Der wiedergefundene Freund". Janka Kluge sprach am Mittwoch im Clara-Zetkin-Heim zu seinem 25. Todestag über den Mann, nach dem in Sillenbuch eine Straße benannt ist.
Trotz des wenig später angepfiffenen Spiels gegen Ghana - es wurde im anderen Saal des Waldheims übertragen -, hatten sich doch eine ganze Reihe von Zuhörern eingefunden. Darunter waren auch Vertreter der "Stolperstein"-Initiative, die im Stuttgarter Norden an die im Holocaust ermordeten Mitglieder der Uhlman-Familie erinnern. Doch diesen Aspekt klammerte die als Buchhändlerin und Journalistin tätige Janka Kluge zunächst aus.
Das "Ebelu", das ehrwürdige humanistische Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, das der 1901 geborene Fred Uhlman besuchte, taucht in seinem späten Freundes-Roman naturgetreu wieder auf. Sein Jura-Studium in Freiburg, München und Tübingen schloss Uhlmann 1927 mit einer Promotion über "partielle Zurechnungsfähigkeit" ab. Er ließ sich in Stuttgart als Anwalt nieder und trat in die SPD ein. In seiner Erinnerungen unter dem Titel "The making of an Englishman" beschreibt er auch den späteren Auschwitz-Ankläger Fritz Bauer und den charismatischen Führer der Nachkriegs-SPD Kurt Schumacher, mit denen er sich oft im Schlossgarten-Café traf.
"Ich fürchtete mich vor ihm", steht da über Schumacher rückhaltlos offen zu lesen, vor dem "lauteren und mutigen Mann", den schwer kriegsbeschädigten Raucher mit den "eiskalten grünen Augen". Ein Bekannter aus der Nazi-Justiz gibt Uhlman bald nach Hitlers Machtantritt verschlüsselt den dringenden Rat, nach Paris zu fliehen. Der junge Anwalt tut das prompt. Dort fasst er schwer Fuß, versucht der Armut mit einer Nachrichtenagentur oder als Fischhändler zu entgehen. Völlig unerwarteten Erfolg hat der künstlerisch Unbedarfte plötzlich als Maler.
Der Emigrant besucht noch einmal seine Familie und stellt sich bei einer Vorladung in die Gestapo-Zentrale im Hotel Silber als unpolitisch dar. Bei einem Aufenthalt in der Künstlerkolonie Tossa de Mar an der katalanischen Costa Brava begegnet er seiner späteren Frau Diana Croft, Tochter aus reichem englischem Hause. Wegen des beginnenden Spanischen Bürgerkriegs verabredet sich das Paar zunächst nach Paris und geht dann nach London. Mit der schwer erkämpften Heirat beginnt für Uhlman "ein sorgenfreies Leben", berichtete Janka Kluge, unterbrochen nur von einer längeren Internierung als deutscher Staatsbürger nach Beginn des Krieges.
In Uhlmans Villa war 1938 der Freie Deutsche Kulturbund gegründet worden, in dem sich vorwiegend linke und jüdische Künstler und Intellektuelle zusammenfanden, die vor den zunehmenden Verfolgungen durch das Hitler-Regimes nach England emigriert waren. Der Maler Oskar Kokoschka, Kritiker Alfred Kerr, der Dichter Stefan Zweig und der marxistische Ökonom Jürgen Kuczinski waren darunter. Ins zerstörte und ihm geisterhaft fremd Stuttgart kam nach Kriegsende noch einmal und schrie seine ganze Verzweiflung über die Ermordung der gesamten Familie heraus, was in einem ergreifend pathetischen Einschub in seiner Autobiografie anklingt. Der Lebensbericht endet ansonsten gleichzeitig mit dem Weltkrieg.
Seinen berühmt gewordenen Roman über die Stuttgarter Schulfreunde Hans und Konradin - Jude der eine, aus einer Nazi-Familie der andere - veröffentlichte er 1971 unter dem englischen Titel "Reunion". Kurz vor seinem Tod im April 1985 war er noch einmal in Paris und in Stuttgart. Begraben wurde Fred Uhlman in England.