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IC entgleist Gefährdet S-21-Baustelle die Sicherheit im Zugverkehr?

Von Michael Isenberg 

Erneut ist am Samstag ein Intercity beim Hauptbahnhof entgleist – Bahnverkehr noch länger gestört – Debatte um den Einfluss der S-21-Baustelle auf den Bahnverkehr ist eröffnet.

Stuttgart - In 700 Meter Entfernung vom Prellbock, auf der Brücke über die Wolframstraße, ist am Samstag gegen 11.40 Uhr bei der Ausfahrt aus dem Hauptbahnhof der IC 2312 Stuttgart–Hamburg entgleist. Die schiebende Lokomotive drückte offenbar drei Waggons des Fernzugs direkt vor ihr aus den Schienen. Dabei wurden zwei Masten der Oberleitung umgerissen. Im Zug waren 200 Reisende; sieben wurden leicht verletzt. Auch drei weitere Züge mussten im Gleisfeld anhalten und geräumt werden; dabei wurde eine weitere Person verletzt.

Nach dem Unglück wurde der komplette Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr via Hauptbahnhof eingestellt. Davon waren etliche Tausend Reisende betroffen. Nachmittags fuhren wieder S-Bahnen. „Inzwischen können wir stabile Notfallfahrpläne fahren“, sagte ein Bahnsprecher am Sonntagnachmittag. Fernzüge aus Ulm/München oder Zürich werden allerdings an Stuttgart vorbei geleitet. Sie halten dafür in Esslingen und Vaihingen/Enz beziehungsweise Böblingen. „Auch am Montag wird es Beeinträchtigungen geben“, sagte der Bahnsprecher. „Die S-Bahn fährt aber planmäßig.“

Offizieller Bericht wohl erst in einem Jahr

Während der Bahnverkehr langsam ins Rollen kommt – den letzten der Waggons hob ein Kran am späten Sonntagnachmittag wieder aufs Gleis –, beginnt am Sonntag die Diskussion über die Unglücksursache. „Wir untersuchen die Unglücksstelle und den Zug, können aber noch nichts Konkretes sagen“, erklärt Michael Glöckler, Sprecher der Bundespolizei. Ehe der offizielle Bericht der Eisenbahn-Untersuchungsstelle des Bundes (EUB) vorliegt, wird erfahrungsgemäß rund ein Jahr ins Land gehen.

Fest steht, dass der IC am Samstag bei derselben Weiche 227 aus den Schienen sprang, bei der am 24. Juli 2012 ebenfalls der IC 2312 entgleist war. Damals blieben alle 100 Passagiere unverletzt. Fest steht auch, dass im Unglücksbereich für Stuttgart 21 das Gleisfeld umgebaut wurde. Zum Zeitpunkt der beiden Entgleisungen waren diese Bauarbeiten allerdings abgeschlossen.

Aus Kreisen der Berliner Konzernzentrale der Deutschen Bahn AG sagte ein Mitarbeiter am Sonntag unserer Zeitung, dass beide Unglücke „offenbar bahntechnische Ursachen“ haben. Anders gesagt: „Mit S 21 haben beide Unglücke nichts zu tun.“ Doch vor dem Bericht der EUB könne man sich nicht offiziell äußern, heißt es im Konzern.

Seit Beginn der Bauarbeiten sind vier Züge entgleist

Zwei unabhängige Bahn-Experten sehen dagegen sehr wohl Zusammenhänge mit dem umfangreichen Umbau des Gleisvorfelds. „Dadurch sind in einigen Bereichen durch sehr enge Kurven und kurz aufeinanderfolgende Weichen die Grenzen der Trassierung erreicht“, sagt ein Experte. Seit Beginn der Bauarbeiten im Jahr 2010 sind in diesem Bereich drei Fernzüge und eine S-Bahn entgleist. In den 18 Jahren davor entgleisten im selben Bereich nur zwei Züge.

„Die aufwärts führende Gleisstrecke hinter der Weiche, wo die beiden IC entgleist sind, ist eine heikle Stelle“, ergänzt ein Mann, der weiß, wie man eine Lok fährt. In solchen Passagen müsse man bei einer von hinten schiebenden Lok „sehr sensibel“ beschleunigen und Fahrt aufnehmen, meint er. Unfallexperten vermuten, dass das Eisenbahn-Bundesamt als Aufsichtsbehörde im Unglücksbereich bald Umbauten „zur Wahrung der Betriebssicherheit“ anordnet.

Auch die gegen S 21 agierende Parkschützer-Initiative kritisiert das neue Gleisvorfeld. Zusammen mit anderen Faktoren wie überhöhtem Tempo oder unzureichender Wartung der Züge führe das zu Entgleisungen. „Die Bahn kann während des Baus von S 21 ihren Fahrbetrieb nicht aufrechterhalten und gefährdet die Sicherheit der Fahrgäste“, urteilen die Projektgegner. Im Bahnkonzern hält man diese Kritik für abwegig.

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