Honduras Unentdecktes Land

Martin Haar aus aus Tegucigalpa, 02.12.2012 05:00 Uhr

Tegucigalpa  - Gott sei Dank. Mit diesem Stoßseufzer wird Christoph Columbus zitiert, als er nach 28 Tagen die Gefahren der rauen See überwunden hatte und an der Küste gelandet war. „Gott sei Dank, dass wir diese Tiefen des Meeres hinter uns haben“, sagte Columbus und ließ eine Messe lesen. Honduras (spanisch für Tiefe) ist so zu seinem Namen gekommen. Vieles von damals erinnert an heute. Touristen müssen einiges auf sich nehmen, um wie der spanische Konquistador im Jahr 1502 ans Ziel zu kommen. 30 Stunden können locker vergehen, ehe man vom Flughafen Frankfurt über Madrid, Costa Rica, El Salvador endlich in Honduras landet.

Aber nach dieser Passage ins Herz von Mittelamerika gibt es viele Schätze zu entdecken. In Honduras darf sich tatsächlich jeder Reisende als Entdecker fühlen. Nicht allein wegen des schwierigen Zugangs ist das Land bisher vom Massentourismus verschont geblieben. Politische Wirren sowie die hohe Kriminalitätsrate schreckten zuletzt viele ab. Inzwischen hat das Auswärtige Amt seine Reisewarnung zwar zurückgenommen, aber Honduras ist längst noch keine Kuschelecke auf diesem Planeten. In der Hauptstadt Tegucigalpa sowie in San Pedro Sula sollten Touristen mit wachen Augen durch die Straßen flanieren. Sicher ist sicher. Zudem sind die Attraktionen in diesen Städten ohnehin eher rar. Ganz anders der Rest dieses Landes. Im Rausch eines oft unberührten Natur- und Pflanzenreichtums taucht der Reisende in eine scheinbar imaginierte Zauberwelt ein. Aber dieser Film ist echt. Auch wenn alles durch seine Fülle und Pracht eher unwirklich wirkt. Wer sich auf dieses Erlebnis einlässt, wird aus seiner Alltagswelt mit all ihren Begrenzungen in eine großartige Weite getragen.

Copan zählt seit 1980 zum Weltkulturerbe der Unseco

Aras, die bunten Papageien, quatschen einen hier nicht durch ein Käfiggitter an. Wer sich traut, kann sich im Macaw-Mountain-Vogelpark so einen Pracht­vogel auf die Schulter setzen lassen. Es ist ein so tierisch gutes Erlebnis wie die Begegnung mit den Delfinen auf der Insel Roatan. Sie lassen sich in der Lagune der Bay Islands in den Arm nehmen und geben diese Liebkosungen zurück. „Todo esta aqui“ (hier gibt es alles), steht großspurig auf Straßenschildern an der Uferpromenade Ein Versprechen, das ganz Honduras einlöst. Sei es in seinen Natur­parks, den 880 Kilometer langen Palmenstränden an der Karibikküste oder auf der vorgelagerten Inselgruppe um Roatan, wo es im Übrigen sehr gute Tauchreviere gibt. Hier liegt das zweitgrößte Korallenriff der Welt. Selbst Kultur kommt in dem touristisch unerschlossenen Land Zentral­amerikas nicht zu kurz. Das Städtchen Copan und die benachbarten Maya-Ruinen geben tiefe Einblicke in die Welt dieser Kultur. Auch hier gilt die Maxime: in Ruhe genießen. Im Gegensatz zu den populären Maya-Stätten in Mexiko gibt es in Copan, das seit 1980 zum Welt­kulturerbe der Unesco zählt, keine langen Schlangen und Wartezeiten. Dafür aber tiefe Einblicke in das Leben der Maya. Copan gehörte zu den mächtigen Stadtstaaten der Maya.

Gleich an Bedeutung wie beispielsweise Tikal in Guatemala oder Palenque (Mexiko). Man kann dies als besondere Art von ­Individualtourismus bezeichnen, wenn einen die paar Amerikaner oder Kanadier nicht stören, die sich hierher verirrt haben. Europäer haben Honduras noch kaum für sich als Reiseziel entdeckt. Keine Regel ohne Ausnahme. In Santa Rosa de Copan hat sich der Ulmer Thomas Wagner (46) niedergelassen. Seit knapp vier Jahren betreibt er in diesem Städtchen, in dem rote Taxi-Dreiräder über das grobe Kopfsteinpflaster hüpfen, eine Lokalbrauerei. „Ich braue und ­verkaufe das einzige Bier in Mittelamerika, das nach deutschem Reinheits­gebot hergestellt wird“, sagt er. Aber ums Geschäft geht es Wagner eigentlich gar nicht mehr. Er macht bewusst keine ­Werbung. Denn nun will er leben, statt sich zu Tode schuften. Das „Unternehmen Wahnsinn“, wie es Theresia Volk in ihrem gleich­namigen Buch das „Überleben in einer verrückten Arbeitswelt“ beschreibt, hat er hinter sich gelassen. Er genießt jeden Tag in vollen Zügen. In Honduras fand er nicht nur sein Glück, sondern auch seine Liebe. Sie heißt Elsa.

Gemeinsam haben sie zwei Söhne. Bei seiner Elsa schätzt er auch diese ausgesprochene Gelassenheit, das Eigenwillige und Ursprüngliche, was die Menschen in Honduras ausmacht. „Hier sind die Menschen noch nicht vom Massentourismus verdorben“, sagt er. Ein wenig von dem, was Thomas ­Wagner erfahren hat, kann jeder bei einer Rundreise selbst erleben. Dieses oft Widersprüchliche, das einem im Vergleich zur alten Welt etwas Neues bringt. Vielleicht sogar etwas Besseres. Ungeachtet der schillernden Schönheit des Landes. „In den vielen Naturparks kann es dir sogar passieren, dass dir ein Panther oder Jaguar über den Weg läuft“, sagt Wagner, der über den Überfluss an Natur noch heute staunt. Honduras - todo esta aqui. Hier gibt es alles. Und wer sich diesem Überfluss an Reizen hingibt, der fühlt sich am Ende seines Aufenthalts so mit Energie aufgeladen, dass er die Strapazen der Rüc­kreise leichter erträgt.

 
 
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