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Historisches aus Wangen Geschichtsstunde in der Kelter

Maira Schmidt, 18.02.2013 09:30 Uhr

Wangen - Das Handwerk des Historikers gilt nicht unbedingt als abenteuerlich. Wer sich auf die Spuren der Geschichte begibt, muss in staubigen Archiven stöbern, dicke Bücher durchforsten und arbeitet meist vom Schreibtisch aus. Nur selten bekommt der Historiker die Gelegenheit, draußen ein Stück Geschichte selbst zu erforschen.

Kein Wunder, dass es Martin Dolde in diesen Tagen beinahe täglich in die Wangener Kelter zieht. Die Sanierung des 300 Jahre alten Weinhauses ist für den Ortshistoriker eine einmalige Chance. Abschnitt für Abschnitt beobachtet Dolde die Arbeiten auf der Baustelle und freut sich über jedes Detail, das die Handwerker zu Tage befördern. Dabei nimmt der Wangener auch gern den einen oder anderen historischen Irrläufer in Kauf. Aufregung herrschte etwa vor Kurzem im Stadtbezirk, nachdem die Bauarbeiter in einem der Seitengänge der Kelter auf einen eingemauerten Tresor gestoßen waren. Auch wenn wohl niemand wirklich daran geglaubt hat, es wurde spekuliert, ob sich darin vielleicht ein Schatz befindet. Dem war natürlich nicht so. Der Tresor wurde geöffnet – er war leer. Eine Erkenntnis, die Dolde wenig überrascht hat. Der eiserne Tresor sei höchstens 40 Jahre alt, schätzt der Ortshistoriker. Dolde interessieren an dem historischen Bauwerk ganz andere Dinge. Er würde gerne herausfinden, wo sich die ursprünglichen Kelterstübchen befunden haben. Besonders beeindruckt ist der Wangener auch von den dicken Steinblöcken, auf denen die aus rund 30 Eichenstämmen bestehende Grundschwelle der Kelter liegt, und wie die gewaltigen Holzbalken ineinander verzahnt sind. Er habe nicht gedacht, dass die Steine so tief in die Erde eingegraben seien, sagt der Historiker, der sich gut in der Keltergeschichte auskennt: Während die Eichenstämme aus dem Stuttgarter Forst kamen, „wurden die Steine am Wangener Berg gebrochen“. Etwa in Höhe des evangelischen Gemeindegartens sei heute noch ein Loch zu sehen.

Bereits 1356 wird eine Kelter im Ortskern von Wangen erwähnt

Dolde forscht schon lange über die Kelter. In seiner regelmäßig erscheinenden Wangener Chronik sind viele Details über das Bauwerk und dessen Entstehung festgehalten. Dort ist auch nachzulesen, dass es sich bei der im Jahre 1713 unter dem württembergischen Herzog Eberhard Ludwig erbauten Gebäude nicht um die erste Kelter im Ort handelte.

Bereits 1356 wird eine Kelter der Mönche von Bebenhausen im Ortskern von Wangen erwähnt. Das Kloster verkaufte sein Weinhaus wohl später an die Württemberger. Auch das Katharinenspital in Esslingen und die Herren von Rechberg haben laut Dolde vor 1713 Keltern in Wangen betrieben. Das Weinhaus der Rechberger wurde aber im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Deshalb mieteten sie sich in die württembergische Kelter ein. Anfang des 18. Jahrhunderts befand sich die Kelter der Württemberger jedoch in einem schlechten Zustand. Das Gebäude drohte einzustürzen, und im Jahr 1713 wurde eine neue Kelter gebaut.

Selbst der Kaiser hat drei Morgen Weinberg in Wangen besessen

Das war alles andere als selbstverständlich. Der Bauherr, Herzog Eberhard Ludwig, der für die Finanzierung aufkommen musste, war zu dieser Zeit mit anderen Dingen beschäftigt. Seit 1701 kämpfte er im spanischen Erbfolgekrieg an der Seite des Kaisers gegen die Franzosen. Zudem war er seit 1704 mit dem Bau seines Residenzschlosses in Ludwigsburg beschäftigt. Schließlich hatte der Herzog 1707 Wilhelmine von Grävenitz zur Frau genommen, was ihm – da er bereits verheiratet war – ziemlichen Ärger eingebracht hat, wie Dolde in seiner Chronik schreibt. Warum die Wangener dennoch ihre Kelter bekamen, könnte an der Bedeutung des dortigen Weins gelegen haben.

Selbst der Kaiser habe einst drei Morgen Weinberg in Wangen besessen, sagt der Ortshistoriker. Der Wangener Wein sei von besonderer Qualität gewesen; er wurde nicht nur an den Kaiserhof in Wien und Prag geliefert, sondern habe auch den Weinpreis in der Region bestimmt. „Der Cannstatter Wein war immer halb so teuer wie der Wangener“, sagt Dolde. Das ist eine Aussage, die den Bewohnern des größten Stuttgarter Stadtbezirks nicht unbedingt gefallen dürfte.

 
 
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