"Heute ist alles gleich Missbrauch"

Von "Blick vom Fernsehturm" 

Sillenbuch. Ein Pfarrer bezeichnet die Debatte über die Skandale in der katholischen Kirche als mitunter ungerecht. Von Judith A. Sägesser

Sillenbuch. Ein Pfarrer bezeichnet die Debatte über die Skandale in der katholischen Kirche als mitunter ungerecht. Von Judith A. Sägesser

Es liest sich merkwürdig, was der Möhringer Pfarrer Heiko Merkelbach da zusammenformuliert hat. Im aktuellen Gemeindebrief der Katholiken von Sankt Michael nimmt er unter dem Titel "Designierter Pfarrer kommt nicht in die Seelsorgeeinheit" Stellung zu den Vorkommnissen der vergangenen Wochen. Diese Vorkommnisse sind im Allgemeinen die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Und diese Vorkommnisse sind im Besonderen, dass das bischöfliche Ordinariat den Nachfolger von Pater Gottfried abgesetzt hat, noch bevor er in Sillenbuch richtig angefangen hatte (wir berichteten).

"Grund dieser Entscheidung ist ein Fehlverhalten von ihm in der ersten Hälfte der 1980er Jahre", schreibt Merkelbach, der die Seelsorgeeinheit Sankt Augustinus - zu der Sillenbuch gehört - vorübergehend betreut. Den Begriff Fehlverhalten wählt Merkelbach für einen sexuellen Übergriff, der besagtem Priester nicht nur zur Last gelegt wird, sondern den er vor Jahren zugegeben hatte. "In den letzten Tagen und Wochen habe ich von Juristen gelernt, dass nicht alles sexueller Missbrauch ist, was als solcher benannt wird", erklärt Merkelbach in dem Gemeindebrief. "Leider wird in diesen Tagen vieles undifferenziert und damit auch ungerecht dargestellt."

Es ist nicht öffentlich bekannt, was genau dieser abgesetzte Priester in den 1980er Jahren getan hat. Daher kann es nur eine Spekulation sein, ob es ungerecht ist, ihn des sexuellen Missbrauchs zu bezichtigen. In Merkelbachs Text geht es indes nicht nur um jenen einen Fall. Der Möhringer Kirchenmann lässt anklingen, dass derlei Vorfälle schnell dramatisiert würden. Er beteiligt sich also an der Missbrauchsdebatte als solcher.

Auf Nachfrage versichert Merkelbach, er habe mit diesen Zeilen im Gemeindebrief nichts verharmlosen wollen. "Ich habe mich vielleicht missverständlich ausgedrückt", sagt er. Fakt sei, "dass heute alles über denselben Kamm geschert wird, dass alles gleich sexueller Missbrauch ist". Dabei sei das Wort genau genommen das falsche. "Denn wenn es sexuellen Missbrauch gibt, müsste es ja auch sexuellen Gebrauch geben", sagt er.

Rudolf Fiege, ein Mitglied der Gemeinde sagt, dass er Vorbehalte gegen den Text nachvollziehen kann. Was nichts daran ändert, dass er ihn gut findet. Und anscheinend nicht nur er. "Die Mehrheit der Leute, die ihn gelesen haben, finden ihn friedensstiftend", sagt Fiege. Und genau das wolle die Gemeinde. "Nach zahlreichen Einzelgesprächen sind wir einvernehmlich zu der Haltung gekommen, dass es keinem etwas bringt, wenn wir ein Tribunal errichten." Schließlich "sind wir Christen grundsätzlich davon überzeugt, dass es Vergebung gibt".

Es gibt allerdings auch die eine oder andere kritische Stimme in der katholischen Kirchengemeinde in Sillenbuch den Zeilen des Pfarrers Merkelbach gegenüber. "Es ist natürlich sein gutes Recht, in das Blättchen zu schreiben, was er möchte", sagt ein Mitglied von Sankt Michael. "Aber ich finde das eher unklug von Herrn Merkelbach. Er ist damit vielleicht übers Ziel hinausgeschossen."

Redaktion Degerloch

Ansprechpartner
Cedric Rehman
degerloch@stz.zgs.de

Lesen Sie jetzt