Henning Mankell „Jeder hat ein Afrika-Gen in sich“

Von Armin Friedl 

Henning Mankell hat bei seinen Lesungen klare Botschaften im Gepäck: „Wir haben alle afrikanische Vorfahren“. Foto: dapd
Henning Mankell hat bei seinen Lesungen klare Botschaften im Gepäck: „Wir haben alle afrikanische Vorfahren“. Foto: dapd

Henning Mankell weiß, was sein Publikum wünscht. „Im nächsten Jahr wird wieder ein Wallander-Krimi erscheinen, verspricht er bei seiner Lesung im Weißen Saal des Neuen Schlosses Stuttgart, wo er sein aktuelles Buch vorstellt.

Stuttgart - Diese Nachricht sorgte für richtig Aufregung im Weißen Saal des Neuen Schlosses: Es wird im kommenden Jahr einen neuen Wallander-Krimi geben. Allerdings einen, den er schon vor 20 Jahren geschrieben habe, wie Henning Mankell leise hinzufügt, der bisher aber nur in einer Sprache erschienen sei.

So ist dieser Autor eben: Nach außen ruhig, still, bescheiden, und gleichzeitig doch einer, der enorm präzise beobachtet und feine Schlussfolgerungen zieht. Und der viel beschäftigt ist: Im Neuen Schloss war er, um auf Einladung der Buchhandlung Hugendubel sein aktuelles Buch „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“ vorzustellen, danach schaute er noch kurz im Theater tri-bühne vorbei. Dort war er, um die langjährige Zusammenarbeit mit dem Teatro Avenida aus Mosambiks Hauptstadt Maputo weiter zu entwickeln, denn seit mehr als 40 Jahren lebt Mankell die Hälfte seiner Zeit in Afrika, vor allem in Maputo. Und in der tri-bühne war für diesen Freitag das Stück „Eine Mörderin?“ angesetzt, das Mankell für das dortige Teatro Avenida geschrieben und inszeniert hat, ein Ein-Personen-Stück mit der Schauspielerin Lucrecia Paco, die schon öfters in Stuttgart zu sehen war,, jetzt aber krankheitsbedingt ihren Auftritt absagen musste. Gerne hätte er noch weitere Stücke im Rahmen des Stuttgarter Europa Theater Treffens angeschaut, doch der enge Zeitplan der Lesereise zwang ihn Tags darauf zur Weiterfahrt nach Hamburg.

Das klingt nach viel Hektik, doch Mankell wiegelt ab: „Ich führe kein dramatisches Leben, die Abläufe liegen mir klar vor Augen. Das Chaos findet in meinem Kopf während des Schreibens statt.“

„Ich habe nie Furcht empfunden, auch wenn ich durchaus in lebensbedrohliche Situationen gekommen bin“

Mit „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“ hat er sich erstmals an einen historischen Stoff gewagt, der vor allem in Afrika spielt. Darin erzählt er die Geschichte der anfangs 18-jährigen Hanna, die wegen ihrer großen Armut Anfang des 20. Jahrhunderts die schwedische Heimat verlässt. Auf abenteuerlichen Wegen kommt sie als Köchin auf ein Schiff nach Australien, bleibt jedoch in Maputo hängen, lernt dort einen Bordell­besitzer kennen und übernimmt nach dessen Tod dieses Etablissement. „Ein Wissenschaftler, der in den alten Kolonialarchiven stöberte, hat mich auf eine weiße Frau aufmerksam gemacht, die damals ungewöhnlich reich war und deshalb sehr viel Steuern zahlte“, erinnert sich Mankell. „Danach ­habe ich drei Jahre lang zu diesem Thema ­recherchiert. Unter anderem habe ich mit einer alten Frau gesprochen, die früher als Prostituierte in Maputo gearbeitet hat. Ich wollte wissen, unter welchen Bedingungen dies möglich war. Denn sie war schon in diesen Jahren verheiratet und hatte Kinder. Ihr Mann war beschwichtigt mit dem Hinweis, dass sie ja nur mit Weißen schlafe.“

Es ist schon ein etwas eigenes Denken in Afrika, das Mankell seit mehr als 40 Jahren interessiert und fasziniert. „In Afrika zu sein ist für mich wie zuhause zu sein, das war schon beim ersten Mal so“, erinnert sich Mankell. „Ich habe nie Furcht empfunden, auch wenn ich durchaus in lebensbedrohliche Situationen gekommen bin.“ Inzwischen weiß er auch, warum: „Wir alle haben afrikanische Vorfahren, jeder von uns hat ein Afrika-Gen in sich, denn Afrika ist die Wiege der Menschheit.“ Und diese Urbevölkerung habe sich nur sehr gemächlich ausgebreitet: „Pro Generation waren das etwa fünf Kilometer“, weiß Mankell heute und schließt daraus: „Wir sind nicht für den Stress geschaffen.“ Wie in seinen anderen Büchern gehen auch hier wieder selbst Erlebtes und Fiktionales munter Hand in Hand. „Ich schreibe immer nur das, was mit mir zu tun hat, was ich lesen will. Fiktion ­basiert immer auf der Realität, insofern schreibe ich nichts Falsches. Den Affen Carlos etwa, den hat es so gegeben. Im Grunde schreibe ich also, was passieren kann, nicht was passieren muss.“

Auf Schiffen angeheuert

So gibt es auch in diesem Buch Parallelen zu seiner Biografie. Wie die Hauptfigur hat auch er früh seine schwedische Heimat ­verlassen, um die Welt zu entdecken. Weil er dabei sein Leben finanzieren musste, hat er unter anderem auf Schiffen angeheuert und so den afrikanischen Kontinent kennengelernt.

Das Leben dort beschreibt er sehr vielschichtig als eine Welt voller Licht und Schatten. Schweden erscheint hingegen eher als düsteres und kaltes Land, das seine Menschen kaum ernähren kann. „Dass in Schweden paradiesische Zustände herrschen, ist ein Mythos, der von außen herangetragen wird“, so Mankell. „da ist das Schweden, das ich beschreibe, realistischer. Das Leben in Deutschland ist im Vergleich dazu in vielem besser als mancher glaubt.“

Von der Gewissenhaftigkeit handelt auch sein nun abgesagtes Stück „Eine Mörderin?“: „Es geht um die Rolle der Frauen in Mosambik, die dort viel zu wenig zu sagen haben. Insofern ist es nicht nur ein Stück für Mosambik, sondern zeigt generell, um was es in dieser Welt zu kämpfen gilt.“

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