Helpling-Chef im Interview „Wir sind attraktiv für Flüchtlinge“

Von Anne Guhlich 

Die Helpling-Gründer Philip Huffmann (li.) und Benedikt Franke. Foto: Firmenfoto
Die Helpling-Gründer Philip Huffmann (li.) und Benedikt Franke.Foto: Firmenfoto

Bislang dürfen Asylbewerber nicht als Selbstständige arbeiten. Benedikt Franke, Chef des Putzportals Helpling, sagt, dies erschwere unqualifizierten Flüchtlingen die Suche nach einem Job.

- Herr Franke, Sie setzen sich dafür ein, dass unqualifizierte Flüchtlinge einen leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen. Kommt es jetzt zu einem Konkurrenzkampf um Jobs auf dem Niedriglohnsektor?
Ich glaube absolut nicht an eine Verdrängung, kann da aber nur über unsere Branche sprechen. Wir bei Helpling wollen unser Angebot in diesem Jahr auf mindestens 25 weitere Städte in Deutschland ausweiten, so dass die Menschen künftig an über 100 Orten Helplinge buchen können. Bis jetzt vermitteln wir deutschlandweit 10 000 ­Reinigungskräfte. Im kommenden Jahr brauchen wir mindestens 20 000. Ziel ist, unser Angebot flächendeckend in Deutschland zur Verfügung zu stellen.
Warum sollte der Einsatz als Helpling für einen Asylbewerber interessant sein?
Wir sind attraktiv für Flüchtlinge. Wir ­können ihnen ein extrem niedrigschwelliges Angebot machen. Zunächst einmal sind ­perfekte Deutschkenntnisse keine Grund­voraussetzung. Bei uns gilt: Die Putzkraft und der Kunde müssen sich verständigen können. Das funktioniert in den meisten Fällen nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch. Außerdem ist der Verwaltungsaufwand gering: Unsere Helplinge sind ja selbstständig. Und unser System ­erleichtert ihnen die ganze Abrechnungsprozedur, die insbesondere für jemanden, der noch nicht lange in Deutschland ist, extrem kompliziert wäre, wenn er auf sich allein gestellt wäre. Er muss sich außerdem keinen eigenen Kundenstamm in einem völlig ­fremden Markt aufbauen, weil auch das Teil unserer Dienstleistung ist.
Was Ihnen regelmäßig den Vorwurf einbringt, Ihre Putzkräfte wären nur scheinbar selbstständig.
Das können wir ausschließen. Die Dienstleister, die unsere Plattform in Anspruch nehmen, sind unsere Kunden, für die wir ein Angebot machen. Wie sie den Umfang und die Ausführung ihrer Aufträge gestalten, ist einzig und allein Sache der Putzkräfte.
Sie haben ja gerade selbst gesagt, dass Sie Abrechnung und Werbung übernehmen.
Ja, weil das Teil unseres Serviceangebots ist. Viele Selbstständige nutzen eine Rechnungsstellungssoftware. So ist das bei uns auch: Wir stellen Rechnungen im Auftrag des jeweiligen Dienstleisters.
Was für eine Provision verlangen Sie dafür?
Die Honorare liegen aktuell zwischen 12,90 und 16,90 Euro – und davon behalten wir eine Provision von 20 Prozent. Die Dienstleister erwirtschaften nach Abzug der Provision zwischen 10,32 und 13,52 Euro pro Stunde.
Wovon noch Abgaben gezahlt werden müssen. Auch die Anfahrt wird nicht berechnet, weshalb die Putzkräfte unter den Mindestlohn von 9,55 Euro gedrückt werden können.
Jeder Dienstleister kann ganz genau festlegen, in welchem Stadtgebiet er an Aufträgen interessiert ist. Idealerweise kann er mehrere Aufträge in der gleichen Straße annehmen oder – wie bei mir zu Hause – mehrere Aufträge in einem Gebäude. Die Reinigungskraft kann bei jedem Auftrag selbst entscheiden, ob er sich für sie lohnt oder nicht – so wie jeder Selbstständige das macht.
Sind Sie auch deswegen an Flüchtlingen als Arbeitskräften interessiert, weil man bei einem größeren Angebot an Arbeitskräften mehr Spielraum hat, um Löhne zu drücken?
Eben nicht. Nicht zufällig haben wir die Preise für unsere Dienstleistungen festgelegt. Es ist nicht verhandelbar, wie viel ein Helpling für seine Leistung von seinen Kunden bekommt. Und zwar genau deshalb, damit bei der Bezahlung keine Abwärtsspirale einsetzt. Wenn mehr Asylbewerber unser Angebot nutzen, werden wir weder die Preise deswegen senken, noch richten sich die Honorare nach der Herkunft des Dienstleisters. Die wirkliche Lohndrückerei findet auf dem Schwarzmarkt statt, der immer noch 90 Prozent unserer Branche ausmacht. Und ­leider besteht das Risiko, dass Flüchtlinge in diesen Bereich abrutschen, wenn sie keine legale Möglichkeit sehen, diese Arbeit zu machen.
Welche Regelungen stehen da im Weg?
Dass Asylbewerber keine selbstständige Arbeit aufnehmen dürfen, solange sie nicht als Flüchtling eine Aufenthaltsgenehmigung haben. Bis es so weit ist, vergehen im Schnitt jedoch mehr als fünf Monate und in einzelnen Fällen auch über ein Jahr. Und wir haben Anzeichen dafür, dass die Bearbeitungszeit in Zukunft nicht kürzer wird. Also sind wir mit Politikern im Gespräch, um zu erörtern, welche Möglichkeiten es da gibt. Es gäbe zum Beispiel die Möglichkeit, Flüchtlingen mit guten Aussichten auf ein erfolgreiches Asylverfahren bereits ab drei Monaten niedrigschwellige, selbstständige Arbeit zu gestatten.
Und?
Es gibt einen großen Gestaltungswillen. Denn die Frage, wie wir in Kürze eine große Zahl an unqualifizierten Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt bekommen, ist drängend. Das merken wir daran, dass es hier einen größeren Gestaltungswillen gibt als etwa bei der Schwarzarbeit, mit der wir den Politikern auch schon lang in den Ohren ­liegen.
Welches Potenzial sehen Sie in Baden-Württemberg, wenn es um Expansion geht?
Bislang bieten wir unsere Dienstleistung in Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim an. In Baden-Württemberg sollen 2016 unter ­anderem Freiburg und Tübingen dazu­kommen.
Jenseits von Deutschland war Ihre Expansionsstrategie nicht so erfolgreich. Aus fünf Märkten haben Sie sich wieder zurückgezogen. Stehen weitere Märkte auf dem Prüfstand?
Nein. Es stimmt, dass wir unser Geschäft in Brasilien, Schweden, Spanien und Kanada an lokale Anbieter verkauft und uns aus Österreich wieder verabschiedet haben. Hintergrund ist, dass wir getestet haben, in welchen Märkten sich unser Geschäftsmodell am schnellsten entwickelt. Außer Deutschland sind wir jetzt noch in sieben weiteren Ländern aktiv. Und darauf konzentrieren wir uns jetzt. Ohne die Testläufe hätten wir diese Erfahrungswerte nicht. In unserem Bereich ist es wichtig, dass man Dinge wagt und aus den Fehlern seine Schlüsse zieht.
Haben Sie den Eindruck, dass die Unternehmer in Deutschland zu wenig wagen?
Ich beobachte da eine gute Entwicklung. Es gibt natürlich in Deutschland eine größere Skepsis bei Innovationen als in den USA mit ihrer Gründerkultur. Start-ups kann man allerdings auch ganz anders führen als einen Konzern wie Siemens oder Bosch. Und die deutsche Wirtschaft ist eben stark geprägt von solchen Unternehmen, die schon sehr lange am Markt sind. Und das prägt auch die Einstellung der Menschen gegenüber ihrer eigenen Tätigkeit. Aber das ändert sich ­langsam. Es wird für junge Menschen immer attraktiver, selbst etwas in die Hand zu ­nehmen und nicht mehr eine möglichst 30 Jahre in die Zukunft geplante klassische Karriere zu starten.
Woran liegt das?
Es ist einfacher geworden, ohne viel Kapital etwas zu gestalten, weil das Internet einen ganz anderen Kundenzugang ermöglicht. Ich kann über das Internet Waren verkaufen oder Dienstleistungen vermitteln, ohne ein Geschäft anzumieten. Außerdem gibt es ­immer mehr Erfolgsgeschichten von Start-up-Gründern, die junge Leute motivieren, selbst was auf die Beine zu stellen.
Haben Sie eigentlich eine entspannte Einstellung zum Scheitern?
Davon bin ich wirklich weit entfernt. Man muss schon etwas wagen. Aber man darf niemals Risikofreude mit mangelnder Planung verwechseln.
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Kommentar zum Stresstest der Deutschen Bank Mehr als ein Schönheitsfehler

Von 30. Juni 2016 - 19:56 Uhr

Die Deutsche Bank hat aus den Fehlern des ersten Stresstests offenbar wenig gelernt. Ein Kommentar von Sabine Marquard.