Hellseherin Buchela Was für ein Leben!

Von Andrea Jenewein 

Sinti um 1900. So lebte die Buchela, als sie ein Kind war. Foto: WDR
Sinti um 1900. So lebte die Buchela, als sie ein Kind war. Foto: WDR

Um die Buchela ranken sich viele Legenden. Doch wer war sie wirklich, diese Frau, die für Konrad Adenauer in die Zukunft geschaut haben soll? Die Filmemacherin Ulla Lachauer begab sich auf die Spur der berühmten Hellseherin.

Um die Buchela ranken sich viele Legenden. Doch wer war sie wirklich, diese Frau, die für Konrad Adenauer in die Zukunft geschaut haben soll? Die Filmemacherin Ulla Lachauer begab sich auf die Spur der berühmten Hellseherin.

Stuttgart - Manchmal begibt man sich auf die Pfade eines fremden Lebens und stößt dabei ganz unverhofft auf die eigene Familiengeschichte. So ist es der Stuttgarter Schriftstellerin und Filmemacherin Ulla Lachauer bei ihrer Recherche zum Film „Buchela – Die Hellseherin vom Rhein“ ergangen.

Die Buchela, mit bürgerlichem Namen Margaretha Merstein, war in den 1960 und 70er Jahren die berühmteste Hellseherin der Republik. Konrad Adenauer soll bei ihr gewesen sein, heißt es, die persische Königin Soraya, Edward Kennedy, die Eisprinzessin Marika Kilius – und Ulla Lachauers Schwiegervater.

„Von dieser Begegnung hat mir meine Schwiegermutter erzählt, als ich mitten in den Arbeiten zu meinem Film war“, sagt Lachauer. Ihr inzwischen bereits verstorbener Schwiegervater soll sich zu der Buchela begeben haben, als er einst krank war.

Doch nicht nur diese zufällige Verquickung mit der eigenen Familiengeschichte reizte Ulla Lachauer an der Buchela, sondern auch, dass „ich dabei im eigenen Land eine Welt entdeckt habe, die ich vorher nicht kannte“. Denn die Buchela, die ihren Namen dem Umstand verdankt, dass sie im Jahr 1899 im freien Feld unter einer Buche bei Honzrath auf die Welt gekommen sein soll, gehörte zu den herumziehenden Sinti im Saarland. „Sie hatte ein gewöhnliches Sinti-Schicksal“, sagt Lachauer. „Sie kam im Waisenhaus, schlug sich als Hausiererin durch, heiratete Adam Goussanthier und überlebte nur durch ihre Kontakte das Nazi-Regime“.

Und doch war die Buchela alles andere als gewöhnlich. Sie, so sagt sie selbst und so glaubten viele, soll eine besondere Gabe besessen haben: hellseherische Fähigkeiten. Diese sollen sich bei ihr erstmals gezeigt haben, als sie den Tod ihres Bruders Anton voraussagte. Nach dem Krieg kamen viele verzweifelte Menschen zu ihr, die Angehörige vermissten. Das verschaffte ihr einen gewissen Ruf, doch erst im Alter von 54 Jahren gelang ihr 1953 durch die Prophezeiung eines hohen Wahlsieges der CDU unter Bundeskanzler Konrad Adenauer, der angeblich fürderhin zu ihren ständigen Klienten zählte, der große Durchbruch. Ihre Prophezeiungen wurden fester Bestandteil der Klatschspalten in der Presse.

1961 zog sie nach Remagen bei Bonn in ein Haus – zusammen mit ihrer Pflegetochter, ihren Hunden und dem Affen Charley. „Für mich war es spannend zu beleuchten, wie sie versuchte, Teil der Remager Gesellschaft zu werden“, sagt Lachauer. Es sei eine Geschichte, die nicht ohne Tragik sei, denn die Buchela wollte gerne zu dieser Gesellschaft gehören – schaffte dies aber nur, indem sie viel Geld an Vereine spendete.

So gehörte die Buchela dazu – und auch nicht. Wie schwierig es ist, in eine fremde Gesellschaft, eine fremde Welt vorzudringen, hat auch Ulla Lachauer erfahren. Für den Film wollte sie unbedingt mit Helène Merstein, der Nichte der Buchela, die selbst Wahrsagerin ist, reden. Im lothringischen Städtchen Forbach wohnt noch heute ein großer Teil der Familie. Doch selbst die Anfrage für das Interview gestaltete sich schwierig: „Die Sinti wohnen dort auf einem abgetrennten Gelände, zu dem kein Nicht-Sinti Zugang hat“, sagt Lachauer. Nur über einen alten Apotheker, der schon lange Kontakte zu den Sinti pflegte und als ein Art Gewährsmann fungierte, bekam sie Zugang zu dieser Welt. „Es war aber noch ein weiter Weg, das Vertrauen der Nichte zu gewinnen“, sagt Lachauer, die stolz darauf ist, dass Helène Merstein im Film nun „das Hohe Lied auf die Buchela singt“, die 1986 in Bonn gestorben ist.

Lachauer ist von dieser fremden Welt fasziniert, sie plant bereits einen neuen Film zu dem Thema. „Die Buchela hat sich selbst als Zigeunerin bezeichnet, für sie war das ein Ehrentitel“, sagt Lachauer. Doch für viele Sinti sei nicht nur das Wort Zigeuner tabu, sondern auch das Eingeständnis, dieser Volksgruppe anzugehören. „Viele Sinti, die ihre Herkunft nicht offenbaren wollen, sagen tatsächlich, sie wollen sich nicht ‚outen’“, sagt Lachauer. Sie hätten Angst vor Diskriminierung, hätten meist schon bittere Erfahrungen gemacht. „Ich finde das beschämend, dass das in Deutschland noch jemand befürchten muss“, sagt Lachauer.

Problematisch für die Sinti sei auch der sogenannte Sozialtourismus von Roma aus Südosteuropa. „So sehen das zumindest die Sinti selbst. Die Menschen, die derzeit nach Deutschland kommen, haben mit den Sinti historisch nichts zu tun“, sagt Lachauer.

Doch auch die Buchela war ein Solitär, wurde von den Sinti nicht geschätzt. „Sie galt als halbseiden, für sie interessiert sich niemand wirklich“, sagt Lachauer. Das wollte Lachauer ändern. Doch freilich nicht, indem sie nur Legenden weitertrug. Sie suchte nach Fakten – und fand oft keine. „Ob die vielen prominenten Gäste sie wirklich besucht haben, lässt sich bei den meisten nicht belegen“, sagt Lachauer. So gäbe es zwar eine alte Fotografie, auf der die Buchela neben Edward Kennedy und Helmut Kohl steht, aber mehr als dass „sie eine Nähe zur Macht hatte, beweist das nicht“.

Die Eiskunstläuferin Marika Kilius hingegen schildert im Film freimütig, wie sie vor der Eislauf-WM 1964 den Rat der Hellseherin in den Wind schlug. Auch bezüglich der Biografie der Buchela hat Lachauer Pionierarbeit geleistet, schon allein, weil sie alte Akten wie die Geburts- und Heiratsurkunde aufgetan hat. Und viel altes Filmmaterial. Etwa von dem Ost-Berliner Journalisten Walter Heynowski, der beweisen wollte, dass sich das DDR-Regime bei der Buchela beraten ließ. „Das ist unglaubliches Material“, sagt Lachauer.

Material, das sie zusammen mit Interviews, Musik von Markus Reinhardt und heutigen Bildern der Schauplätze zu einem Film verwoben hat, der den Zuschauer auf fast verschütteten Pfaden in diese fremde Welt führt. Zur Buchela und ihrer Geschichte, die Ulla Lachauer ausrufen lässt: „Was für ein Leben!“

Der Film „Buchela – Die Hellseherin vom Rhein“ von Ulla Lachauer wird am heutigen Freitag um 23.15 Uhr im WDR ausgestrahlt.

Lesen Sie jetzt