Wer sagt eigentlich, dass man vor Kunst stets in Ehrfurcht erstarren muss? Die elf Künstler, die seit gestern in der Ausstellung "Ironic - die feinsinnige Ironie der Kunst" in der Städtischen Galerie in Bietigheim-Bissingen zu sehen sind, tun es jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Der Lokalmatador Claude Wall aus Stuttgart etwa hat in einer 15 Meter langen Montage zusammengeführt, was eigentlich nicht zusammengehört: Erotische japanische Holzschnitte aus dem 18. und 19. Jahrhundert und europäische Bilder von Ordensfrauen, ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert, verführen den Betrachter listig dazu, sich seinen ganz eigenen Reim auf Erotik, Sinnesfreude und Askese, aber auch auf den Kunstbetrieb zu machen.
Überhaupt die Betrachtung von Kunst, die hat es der Mehrzahl der international renommierten Künstler angetan. In der Schau wird zitiert, umgedeutet und entlarvt, was das Zeug hält, mal schmunzelnd, mal bitter und häufig beides zugleich. Ragnar Kjartansson aus Island hat für seine Videoinstallation den berühmten amerikanischen Bluespianisten Pinetop Perkins 97-jährig nochmal ans Klavier gebeten. Dort lässt er ihn eine Stunde lang im Nirgendwo vor einer baufälligen Scheune spielen, lamentieren, hustend Zigaretten rauchen und sich fragen, was er da eigentlich treibt. Eine Frage, die sich wohl schon so mancher Künstler gestellt hat.
Sener Özmen nimmt in seinen drei Videoinstallationen den Künstler im kunstfernen Raum als tragisch-komischen Don Quichotte aufs Korn, zeigt vermeintliche Kunsthandwerkerinnen auf dem Land, die hochkonzentriert, aber völlig sinnlos Blasen von Verpackungsmaterial platzen lassen und lässt einen an Slapstick grenzenden Streit zwischen einem Galeristen und einem Künstler mit Steinwürfen enden. Das ist bitter und komisch zugleich.
Glanz und Gloria der großen Kunst werden in der Ausstellung fröhlich-unerschrocken demontiert. Auch von Thorsten Brinkmann. Der Hamburger hat als Gegenentwurf zum modernen White Cube, dem weißen Raum, in dem alle Konzentration auf ein Kunstwerk gerichtet sein soll, eine barock-überladene Nische entworfen, die erst auf den zweiten Blick enthüllt, dass ihre einzelnen Elemente Wegwerfartikel und Aussortiertes sind. Passend dazu zeigen seine großformatigen Porträts nur auf den ersten Blick eine feine Dame oder einen stolzen Ritter. Auf den zweiten Blick entpuppen sie sich als Selbstporträts, auf denen er sich mal einen gebrauchten Kissenbezug als Kopfputz, mal einen Kasten als Ritterhelm übergestülpt hat.
Ausstellung "Ironic - die feinsinnige Ironie der Kunst" in Bietigheim-Bissingen ist bis zum 9. April zu sehen, und zwar dienstags, mittwochs und freitags von 14 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr sowie samstags, sonntags und feiertags von 11 bis 18 Uhr. Eine öffentliche Führung gibt es am Sonntag, 5. Februar, um 11.30 Uhr. Eine Kuratorenführung mit ironisch-satirischen Texten steht am 23. Februar um 18.30 Uhr an.