Haus der Geschichte Von Angst bis Zulassung

Von T 

Der zehnjährige Rowaid blickt   im Haus der Geschichte in eine Vitrine mit Zeichnungen von Kindern, in denen diese ihre Träume dargestellt haben. Foto: Lichtgut/Michael Latz
Der zehnjährige Rowaid blickt im Haus der Geschichte in eine Vitrine mit Zeichnungen von Kindern, in denen diese ihre Träume dargestellt haben. Foto: Lichtgut/Michael Latz

Im Haus der Geschichte ist die Präsentation „Überlebensgeschichten von A bis Z“ eröffnet worden. In der Ausstellung werden vor allem Alltagsobjekte von Geflüchteten gezeigt, die für diese eine besondere Bedeutung haben.

Stuttgart - urnschuhe, Beinschiene, Gebetskette, Rollstuhl, T-Shirt . . . – alltägliche Dinge, aber für jene, die sie benutzt haben oder besitzen, sind sie besonders. Geflüchtete haben diese Objekte dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg (HDGBW) zur Verfügung gestellt. Sie sind dort in Vitrinen auf dem Vorplatz und im Foyer zu sehen – als „Überlebensgeschichten von A bis Z“ ersetzen sie bis zum 8. April 2018 das „Baden-Württemberg-ABC“, das Landestypisches zeigt.

Teil der südwestdeutschen Geschichte

„Mit dieser Ausstellung wollen wir darauf hinweisen, dass die Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Baden-Württemberg geflüchtet sind, nun auch Teil unserer südwestdeutschen Geschichte sind“, sagte Thomas Schnabel, der Leiter des Hauses der Geschichte, bei der Eröffnung. „Daher gehören sie in unser Haus.“ Zwar löse eine solche Schau nicht die Flüchtlingsfrage. Aber sie könne zum gegenseitigen Verständnis, Aufeinander- zugehen und Nachdenken beitragen, Vorurteile und Verallgemeinerungen vermeiden helfen. „Das sind Voraussetzungen zur Lösung der anstehenden Probleme. Durch persönliche Schicksale wird Geschichte begreifbar“, sagte Schnabel. Und Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger betonte, dass man mit den 26 Geschichten, die mit Angst beginnen und mit Zulassung enden, den Geflüchteten Stimme und Namen geben wolle. Zusammengetragen hat diese über Monate hinweg Caroline Gritschke mit den Volontärinnen Natalia Kot und Sophie Reinlaßöder über Flüchtlingsheime und Freundeskreise.

Selbstgenähtes jesidisches Hemd beigesteuert

Hadeer Khairi Hando, der 2015 den kurdischen Nordirak verließ, wurde etwa von seinem Sozialarbeiter in der Unterkunft Nordbahnhofstraße gefragt, ob er etwas beisteuern wolle. Er gab sein Tok, ein jesidisches Hemd. „Das Tok ist ein religiöses Symbol“, so Hando. Alle Jesiden besitzen ein solches selbst genähtes Hemd. Sie glauben, dass Gott den Engel Melek Taus mit einem solchen belohnte, nachdem er Erde und Menschen erschaffen hatte. Aus Angst vor Repressionen nahm er seines nicht auf die Flucht mit, auf der er sechs Tage lang fast rund um die Uhr in einem Lastwagen eingesperrt war. Seine Mutter schickte es nach. Das Tok trug er auch, als er im Badischen Staatstheater auf der Bühne stand in einem Stück zum Völkermord an den Armeniern. Nun studiert Hando in Stuttgart Schauspiel, noch hat er begrenzten Aufenthaltsstatus. Umso wichtiger findet er das HDGBW-Projekt. „Menschen und Kulturen können sich kennenlernen“, sagt er.

Im Freien radio kommen die Geflüchteten selbst zu Wort

So sahen das auch der Kameruner Arnaud Frejus Sadio Kanouo und der Syrer Rajab Abd Al Muati, die – unter dem Buchstaben L wie „Listen!“ – das Refugee Radio vorstellten. Im Freien Radio kämen die Geflüchteten einmal selbst zu Wort. Sie könnten über Probleme von Schutzsuchenden berichten und zur Integration beraten. „Wir haben unser Land verlassen, um unser Leben zu retten, dort hatten wir Namen und Beruf, hier sind wir Nummern“, sagte Al Muati. „Das darf nicht sein. Wir wollen etwas beitragen zu Deutschland, uns integrieren – und auch Danke sagen!“

Von B wie „Barrieren“ berichtete die gelähmte Sibba Naddaf, deren Rollstuhl auf ihrer Flucht aus dem syrischen Homs schwer beschädigt wurde. Glücklicherweise entdeckte ein Freiwilliger in einer Gemeinschaftsunterkunft in Karlsruhe, das einst als Seniorenheim genutzt wurde, Rollstühle im Keller. Naddaf durfte aber auch mit neuem Rollstuhl den Aufzug nicht benutzen, um in ihr Zimmer im ersten Stock zu gelangen. Man hatte dort Angst vor Vandalismus. Also wurde sie hochgetragen und saß – sechs Wochen lang – fast nur dort: Sie „fotografierte den Frühling“, statt ihn selbst draußen zu erleben. „Nun darf mein Verlobter nicht zu mir nach Stuttgart, weil er die Stadt, wo er aufgenommen wurde, wegen der Flüchtlingsgesetze nicht verlassen darf. Das ist auch ein nicht benutzbarer Aufzug.“ Umso wunderbarer sei es, dass das Haus der Geschichte, das „schönste Museum im Land“, solch ein Projekt mache, sagte sie.

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