Hanna Plaß singt Cohen Wenn die schönen Verlierer tanzen

Von Thomas Morawitzky 

Hanna Plaß Foto: Fabian Schellhorn
Hanna Plaß Foto: Fabian Schellhorn

Hanna Plaß „war noch nicht geboren, als Leonard Cohen ,Suzanne’ schrieb“, und sie ist jung genug, um Cohen noch einmal völlig neu zu interpretieren.

Die Bühne ist bereits in Nebel gehüllt, als Hanna Plaß ans Mikrofon tritt und ganz unvermittelt beginnt zu singen, regungslos, die Hände im Schoß gefaltet, mit einer brüchigen, verträumten Stimme: „And she shows you where to look among the Garbage and the Flowers . . .“ Es ist Leonard Cohens noch immer bekanntestes Lied, das Lied von Suzanne, der irren Heiligen, die im Hafen umhergeht, von den Kindern, die sich sehnen, nach Liebe. „Damals“, sagt Plaß und lacht, „war ich noch gar nicht geboren.“

Plaß singt und führt Regie

Hannah Plaß ist Mitte 20, ein junger Star des Stuttgarter Schauspielensembles. Sie tritt selbst auf als Musikerin und hat auch bei „Beautiful Losers“, dem Abend, dem sie im Schauspiel Nord dem Songwriter, Buddhisten und Gentleman Leonard Cohen widmet, selbst Regie geführt. Die Idee, für dieses Programm den Posaunenchor der Stuttgarter Christuskirche zu gewinnen, kam von Armin Petras, Intendant des Schauspiels. Schon einmal, 2014, als Schorsch Kamerun sein Stück „Denn sie wissen nicht, was wir tun“ in Stuttgart inszenierte, arbeitete das Schauspiel mit dem Posaunenchor der Christuskirche zusammen.

Die Musiker spielen mit Leidenschaft, aber längst nicht jeder Einsatz stimmt. Im Sinne Cohens dürfte das gewiss sein, war er doch der Star, der sich dem Erfolg verweigerte, seine Musik immer wieder in abseitige Arrangements verpackte, im fortgeschrittenen Alter noch die Liebe zu billigen Keyboards entdeckte. Hannah Plaß hat ein solches Keyboard mit auf die Bühne gebracht, demonstriert die wunderbaren Klänge, die es hervorbringt.

Cohens Lieder als Herausforderung

Und sie erzählt, vom Leben des Leonard Cohen, von seinen Frauen, seinen Reisen, seinen Depressionen, seinen Drogen, seiner Spiritualität. Zum ersten Mal spielt sie auf einer Bühne die Gitarre, oft setzt sie sich aber auch an den Flügel. Manchmal flüstert sie, manchmal schreit sie; manchmal singt sie schön, manchmal schrill. Die Songs des Leonard Cohen, das weiß sie, sind eine ­Herausforderung – zu sehr sind diese Lieder, diese Worte, an seine Person, seine Stimme gebunden. Aber Hannah Plaß eignet sie sich an. Und „Beautiful Losers“ wird so zu einem Abend, der nicht nur viele Gesichter des unfassbaren Mr. Cohen spiegelt, sondern auch viele Facetten der Hannah Plaß entfaltet.

Ein Posaunenchor experimentiert

Zart und voller Gefühl singt sie „Chelsea Hotel“, düster, hoffnungslos apokalyptisch „Avalance“. „Take This Waltz“, den Song, den Cohen zu einem Text von Federico García Lorca schrieb, trägt sie mädchenhaft vor, voll von absurder Heiterkeit. Jedes Stück des Abends schlägt so einen eigenen Ton an – und zum Schönsten unter ihnen wird natürlich „Famous Blue Raincoat“, bei dem ­Christof Schmidt, Leiter des Posaunenchors, Hannah Plaß auf seinem Instrument begleitet. Die Musiker kommen und gehen, treten zuerst auf bei „So Long Marianne“, klatschen im Takt. Sie tragen Anzüge und Hüte, die Leonard Cohen vielleicht gefallen hätten; sie erzählen von ihrem eigenen Leben, von den Erinnerungen, die sie mit Cohen verbinden. Im Foyer des Nord haben sie einen Tisch mit alten Schallplatten und Erinnerungsstücken aufgestellt – auch Cohens „Greatest Hits“ ist darunter, obwohl manch eine Posaunistin damals lieber von einem Bill oder Joe schwärmte, als von einem Leonard.

„There Is A War“ und „Who By Fire“ bekommen ihren Rhythmus hier einmal von Posaunen und Tubas. „Memories“, Cohens verzehrendes Lied von der Pubertät, wurde von Phil Spector einst in einen Breitwandsound gepackt – Stuttgart antwortet mit jubilierenden Laienbläsern und einer Hannah Plaß, die ausgelassen wild umherspringt, während funkelndes Konfetti herabregnet.

„We are ugly but we have the Music“, sang Leonard Cohen, singt Hannah Plaß. „Noch einen Dualismus“ will sie auflösen in ihrer Cohen-Hommage: Sie verlässt die Bühne – „Hallelulja“ singt sie gemeinsam mit dem Publikum. Zuletzt dann tanzt der Posaunenchor der Christuskirche Walzer im ­Schauspiel Nord.

Weitere Vorstellungen an diesem Samstag um 21 Uhr und am 18. Februar um 18 Uhr.

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