Rechts, links, rechts, links - gleichmäßig fliegen die bunten Bälle durch die Luft. Doch dann passiert das, was allen Jonglier-Anfängern passiert. Der Kopf schaltet sich ein, die Arme bewegen sich nicht mehr im Rhythmus, der Anfänger macht einen ungelenken Ausfallschritt und versucht die Bälle zu fangen, doch die landen auf dem Boden. "Jonglieren erfordert viel Geduld", sagt Dagmar Raskob. Wer die aufbringt, dem ist viel Spaß, ein freier Kopf und ein gutes Reaktionsvermögen garantiert, sagt die rüstige Dame, die seit 20 Jahren Bälle, Keulen und Plastikhühner durch die Luft wirft.
Sie gehört zu der Gruppe der Hobby-Jongleure jedes Alters, die sich bei schönem Wetter dienstagabends auf der Wiese im Schlossgarten vor dem Kleinen Haus der Staatstheater treffen. Mal sind sie zu viert, mal kommen 20 Leute vorbei. "Hin und wieder haben wir auch ganze Schulklassen zu Besuch", sagt Raskob. Bei einem ihrer Treffen im Park wurde die Stadt auf die Jongleure aufmerksam. "Das Sportamt hat uns gefragt, ob wir bei Sport im Park mitmachen wollen."
Nun stehen sie also im Programm von "Sport im Park", einem gemeinsamen Angebot der Stadt Stuttgart, mehreren Sportvereinen und der Firma Sport-Codex, gegründet von den drei Personaltrainern Zied Lahkdar, Torsten Schmeckenbecher und Robin Müller-Schober. Gemeinsam hatten sie im Frühjahr 2010 zum kostenlosen Fitness-Training im Freien in den Killesberger Höhenpark eingeladen. Bis zu 50 ambitionierte Hobby-Sportler dehnten und streckten sich auf Anweisung der Personaltrainer. Auf die Frage, warum sie neben ihrer Arbeit als Personaltrainer kostenlos Menschen zeigen, wie eine richtige Kniebeuge funktioniert, antwortet Torsten Schmeckenbecher gerade heraus: "Weil es uns Spaß macht, Leute zu bewegen."
Da traf es sich im vergangenen Jahr gut, dass auch die Stadt ihre Bürger bewegen wollte. Bereits im Jahr 2007 hatte sie für den Sportentwicklungsplan Bürger zur ihrem Sportverhalten befragt. Heraus kam, dass unverbindliche Angeboten erwünscht sind, die keine Mitgliedschaft erfordern und trotzdem soziale Kontakte ermöglichen. "Unser Vorbild ist München, wo es solche Angebote schon seit Jahren gibt", sagt Andi Mündörfer. Aber auch in skandinavischen Ländern oder Japan ist es ein langjähriger Trend, sich zur Gymnastik auf der grünen Wiese zu treffen.
So startete im vergangenen Sommer an 24 Terminen das Pilotprojekt "Sport im Park" in den Innenstadtbezirken sowie in Bad Cannstatt. Die Stadt holte die drei Personaltrainer von Sport-Codex an ihre Seite, die seither, wie alle beteiligten Trainer, für ihre Fitnessstunden unter freiem Himmel auch Geld bekommen. Bei den Bürgern kam das Angebot gut an. "Wir haben sehr viel positive Resonanz bekommen", sagt Andi Mündörfer vom Sportamt. Das komme nicht oft vor, dass sich auf eine Aktion so viele Menschen melden.
In diesem Jahr wird nun an 150 Terminen an sieben Orten, auch in weiter draußen gelegenen Stadtteilen wie dem Fasanenhof, gesportelt. An den Berger Sprudlern trifft sich der Sportkreis mit den Bürgern zum Gesundheitssport, an den Bärenseen macht der VfL Stuttgart Fitness. Der TV Cannstatt lädt zur Gymnastik in den Kurpark, wo sich vorzugsweise Senioren zum Dehnen und Strecken treffen, und an den Max-Eyth-See ein.
Dort haben die Teilnehmer ihren Trainer, den Sportwissenschaftler Ahmed Ashrawi, bereits fest ins Herz geschlossen. Das Angebot am Max-Eyth-See sei neu, weshalb der Zulauf noch stärker sein könne, sagt Ashrawi. Aber das kleine Häuflein, dass sich zwischenzeitlich dort jeden Dienstagabend einfindet, ist vom Konzept restlos begeistert. "Das ist so eine herrliche Luft" sagt Rosemarie Hofsäs aus Münster. Sie geht auch donnerstags in den Kurpark. "Dort unter den großen Bäumen macht es besonders viel Spaß." Mit den Teilnehmern absolviert Ashrawi ein Kraft- und Balanceprogramm, das zunächst einfach aussieht, es aber offensichtlich in sich hat. Eine verschwitzte Teilnehmerin streicht nach einer halben Stunde die Segel: "Ich habe heute schon vier Stunden im Garten geschafft, das langt mir", sagt sie.
Geschult wurden die Trainer der Vereine allesamt von den drei Personaltrainern. Denn neben den unverbindlichen Sportangeboten und den sozialen Kontakten kam in der Bürgerbefragung als dritter Punkt heraus, dass die Leute nicht auf eine professionelle Anleitung verzichten wollen. "Man kann beim Sport auch viel falsch machen", sagt Torsten Schmeckenbecher. Bei ihren Treffen im Höhenpark Killesberg gibt es für die Teilnehmer ein 20-minütiges Aufwärmen, dann 40 Minuten Training für die Kraft, Koordination und Beweglichkeit und ein anschließendes Lockern. Ihre Anhänger schätzen, dass sich Profis um sie kümmern. "Ich kommen sonntags in den Höhenpark, weil ich mit professionellen Trainern Sport machen kann, ohne zu Höchstleistungen gezwungen zu werden", sagt Michaela Dreizler.
Ihre schwangere Freundin Sandra Berger, ebenfalls ein Stammgast auf dem Killesberg, spürt ebenfalls die positiven Auswirkungen der regelmäßigen Bewegung am Sonntagmorgen. "In meinem Geburtsvorbereitungskurs klagen alle über Rückenschmerzen, nur ich habe keine", sagt sie, "die Übungen bringen also was." Dass sie den Sport in einer Gemeinschaft im Freien machen können anstatt in einer Halle, ist darüber hinaus für beide Frauen reizvoll.
"Bisher sind die Angebote alle gut angelaufen", sagt Andi Mündörfer vom Sportamt. Eine Konkurrenz für die Vereine sieht er nicht. "Wir haben die ja gezielt eingebunden und es steht den Vereinen auch frei, bei den Treffen in den Parks für sich selbst Werbung zu machen", so Mündörfer. Zudem würden die Vereine nicht an erheblichen Mitgliederschwund leiden, wie es oft heiße. "Gerade bei den Kindern ist das Gegenteil der Fall", so Mündörfer, "da gibt es sehr hohe Nachfragen." Darüber hinaus seien nicht alle Vereinsangebote mit einer Mitgliedschaft verbunden. "Es werden auch viele Kurse angeboten, die keinen Vereinsbeitritt erfordern."
Wenn es nach dem Sportamt geht, sollen sich künftig jedes Jahr im Sommer die Bürger zum gemeinsamen Sport im Park treffen. Die Stadt will damit eine Lücke im bisherigen Angebot schließen und die Bürger ansprechen, die noch nicht die richtige Form der Bewegung für sich gefunden haben. "Denn, dass die Leute sich bewegen wollen, um gesund zu bleiben, ist ein Trend, der deutlich spürbar ist", hat Andi Mündörfer festgestellt.