Guido Maria Kretschmer „Ich bin kein Textildiktator“

Von Cornelia Wystrichowski 

„Die Menschen vertrauen mir einfach“: Modemacher und Lebensberater Guido Maria Kretschmer Foto: dpa
„Die Menschen vertrauen mir einfach“: Modemacher und Lebensberater Guido Maria KretschmerFoto: dpa

Den Job der Bundeskanzlerin möchte Modemacher Guido Maria Kretschmer nicht machen. Für den Stilexperten ist Mode „vielleicht die wichtigste Nebensächlichkeit, weil sie sofort zeigt, was ich empfinde.“

Den Job der Bundeskanzlerin möchte Modemacher Guido Maria Kretschmer nicht machen. Für den Stilexperten ist Mode „vielleicht die wichtigste Nebensächlichkeit, weil sie sofort zeigt, was ich empfinde.“

Berlin - Er ist Fernsehstar, Fashionguru und Bestsellerautor in einem: Mit der Modeshow „Shopping Queen“ wurde Guido Maria Kretschmer als Stilexperte bekannt, als Juror in „Das Supertalent“ macht er mit seinen Sprüchen sogar Dieter Bohlen Konkurrenz. Jetzt bekommt der 49-Jährige ein neues Format: In „Hotter Than My Daughter“ verpasst er Müttern mit zu kurzen Miniröcken und Töchtern in unförmigen Schlabberpullis ein flottes und altersgemäßes Outfit und gibt Lebenshilfe.

Herr Kretschmer, können Sie überhaupt noch das Haus verlassen, ohne um Stylingtipps gebeten zu werden?
Die Leute sind schon sehr schnell dabei, das einzufordern – alle Altersklassen, alle Gehaltsstufen. Manchmal haben Frauen ein Handyfoto von einem Kleid dabei, vielleicht von einem Brautkleid, und fragen mich, ob sie es kaufen sollen. Oder Männer auf Geschäftsreise im Flugzeug: „Guido, finden Sie, dass ich gut aussehe? Sprechen Sie doch mal für meine Frau eine Nachricht aufs ­Handy.“
Wie reagieren Sie auf missglückte Outfits?
Mir ist es wichtig, den Leuten keine Angst vor der Mode zu machen. Vielmehr benötigen einige Menschen einen kleinen Hinweis, um die Körperteile ins rechte Licht zu rücken, die sie betonen sollten. Man muss den Leuten auch das Gefühl geben, dass es keine Tragödie ist, wenn man mal nicht so toll angezogen ist, das ist doch ganz menschlich. Ich komme zwar aus der Mode, aber ich bin kein Textildiktator, und das Perfekte ist ja auch nicht erstrebenswert.
Im Internet tauschen Fans Ihre Kommentare aus. Wo nehmen Sie eigentlich Ihre ganzen lustigen Sprüche her?
Die sind spontan, gottlob. Ich habe kein Drehbuch. und ich muss mich gar nicht vorbereiten. Mir machen Menschen Freude, und ich glaube, dass man Humor auch nicht ­lernen kann.
Warum ist es vielen Menschen so wichtig, modisch angezogen zu sein?
Heute will jeder zeigen, dass er was Besonderes ist – das ist ein Massenphänomen. Und mit Mode kann man Status ganz schnell klarmachen. Wir regen uns darüber auf, dass die Japaner sagen: „Guten Tag, mein Name ist Soundso, ich bin 34 und verdiene soundso viel Yen im Monat.“ Bei uns tragen die Menschen stattdessen Louis-Vuitton-Kopien, weil sie zeigen wollen, wer sie sind. Sie können ihre schöne Einrichtung ja nicht mitnehmen, aber bei einem hübschen Look weiß man: Die kann sich was leisten.
In Ihrer neuen Show verpassen Sie Müttern und Töchtern einen neuen Look . . .
Das ist ein wunderbares Format! Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so nachhaltig berührt. Die Sendung ist amüsant, aber auch gescheit – sie zeigt, wie viel manchmal zwischen Menschen stehen kann.
Also geht es um mehr als nur Stilberatung?
Ja, ich bin da auch der Lebensberater. Ich bin bei den Leuten daheim, lege mich aufs Wasserbett und frage: Was ist bei euch falsch gelaufen? Wir haben in der Show aufregende Mütter, die zum Teil richtig irre sind – also vom Style her. Warum? Weil irgendwas in ihrem Leben passiert ist. Vom Partner verlassen, krank gewesen, oder einfach nie Geschmack gehabt. Und so eine hat dann eine Tochter, die neben einer total exzentrischen Mutter lebt und sich immer die Kommentare von anderen anhören muss. Das verstärkt zusätzlich den Mutter-Tochter-Konflikt, den es ja sowieso ganz oft gibt.
Und wie können Sie da helfen?
Die Menschen vertrauen mir einfach, das finde ich wunderbar. Die waren alle bereit, neu anzufangen, haben zueinandergefunden – das war für mich ein wunderschönes Erlebnis und hat mir gezeigt, was Mode alles kann. Mode ist vielleicht die wichtigste Nebensächlichkeit, weil sie sofort zeigt, was ich empfinde.
Wie findet man seinen eigenen Look, statt als Modeopfer jedem Trend hinterherzulaufen?
Das hat was mit Kontemplation und Reflexion des eigenen Lebens zu tun. Man muss sich mal hinsetzen und nachdenken, wer man ist: Gerade war man noch 15, jetzt ist man 35, da geht das mit den kurzen Röcken auch nicht mehr so. Vielleicht ist man ja gar nicht geeignet, jeden Tag einen Rock zu tragen, wenn man Kinder hat, die dauernd an einem rumzerren. Und natürlich sollte eine 39-Jährige, die von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen wurde, sich mit den Kleidern was trauen, statt rumzulaufen wie eine Betschwester.
Wer ist der bestangezogene deutsche Promi?
Ich finde, Iris Berben ist immer gut angezogen – interessant, erwachsen, nicht übertrieben. Außerdem ist sie nicht so durchgeliftet, dass man denkt, sie kann nicht mehr richtig stehen. Ich finde auch Verona Pooth gut angezogen, sie hat eine tolle Figur und sieht immer clean aus, ich mag ihren ganz eigenen Chic. Ich finde den rockig-natürlichen Look von Anna Loos gut, auch Petra Gerster sieht meistens toll aus – ach, ich könnte viele Mädels nennen.
Und was ist Ihr Tipp für Angela Merkel?
Sie muss erst mal gar nix machen. Ich möchte ihren Job nicht machen und bin froh, dass sie die Hosen anhat und mit dem Blazer die Welt retten will. Aber sie müsste an ihren Blazern diese großen Knöpfe weglassen, die lassen die Jacke immer so kurz wirken. Ihr würde ich eine verdeckte Knopfleiste wünschen. Und manchmal finde ich ihren Schmuck nicht so schön, das ist so ein seltsamer, beliebig wirkender Modeschmuck.
Planen Sie schon weitere Schönheitsshows?
Ja, ich mache Ende des Jahres „Deutschlands schönste Frau“, da freue ich mich total. Da geht es nicht einfach um Frauen, die besonders schön sind, sondern die ganz vieles haben, was eine tolle Frau ausmacht. Die gescheit sind, ihr Leben gut hinbekommen, vielleicht etwas besonders können. Jeder kann seine Mutter, Nachbarin oder Arbeitskollegin vorschlagen, und es kann eine 17-Jährige genauso wie eine 85-Jährige sein. Wir wollen zeigen, dass Schönheit nicht nur mit Schlanksein, Klamotten und Geld zu tun hat, sondern dass da vieles zusammenkommt.

RTL, Mittwoch, 21.15 Uhr

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